That’s my life (2)

Weil ich mich jetzt das erste Mal bewusst für etwas entschied!

Lesezeit circa 17 Minuten, 2362 Worte.

Der erste Teil dieses Kapitels endete an der Stelle, wo ich von meinem damaligen Schulleiter freigestellt wurde. Ich hatte von da an mehrere Wochen Zeit, um mir zu überlegen, ob ich weiter zur Schule gehen wollte, ob ich mir eine Ausbildung oder einen Job suchen wollte. Nachdem ich mit meinen Eltern sowie einigen Bekannten und Freunden darüber gesprochen hatte, kam ich zu dem Entschluss, dass ich weiterhin zur Schule gehen und mein Abitur bestehen wollte. Ich besorgte mir also Unterlagen von anderen Schulen, wobei ich schnell auf die Hamburger Wirtschaftsgymnasien stieß. Die Ausrichtung auf Wirtschaft in der Oberstufe gefiel mir, weil ich schon auf dem normalen Gymnasium das Gefühl hatte, nicht auf das Leben nach der Schulzeit vorbereitet zu werden. Also bat ich damals meine Mutter einen Termin bei der Oberstufen-Koordinatorin zu machen. In dem Gespräch kamen wir auf meine Fehlzeiten zu sprechen und ich bestätigte, dass ich selbst die Entscheidung getroffen hätte, mein Abitur machen zu wollen und es deshalb nicht wieder zu derart hohen Fehlzeiten kommen würde. Guter Vorsatz, gekommen ist trotzdem Vieles anders. Diese Situation war ein erkenntnisreiches Erlebnis, welches mein folgendes Leben beeinflussen würde. Damals war ich mir der langfristigen Auswirkungen dieser Ereignisse noch nicht bewusst. So weit habe ich damals noch nicht gedacht, wenn es darum ging, eine Entscheidung zu treffen.

So wurde diese Entscheidung zu einem nicht-bewussten Wendepunkt in meinem Leben, den ich erst Jahre später als solchen erkennen würde. Gleichzeitig habe ich ihn jetzt hier ausgewählt, um diesen zweiten Teil der Artikelreihe „That’s my life“ einzuleiten. Aus meiner heutigen Perspektive betrachte ich dieses Ereignis als ausschlaggebend und grundlegend für meine Entwicklung zu einem Ich, welches sich selbst und seiner Umwelt bewusst ist, welches von sich, sich selbst und unser aller Verbunden- und Verschränktheit weiß und welches sich zudem seines eigenen Empfindens, Fühlens, Denkens, Handelns und daraus folgender Konsequenzen bewusst ist. An dieser Stelle in meinem Leben habe ich nämlich zum ersten Mal ganz bewusst eine Entscheidung aus mir selbst heraus getroffen. So entstand die erste Erinnerung daran, selbst und bewusst Entscheidungen treffen zu können.

In den folgenden Monaten, als die neue Schule noch neu und ungewohnt war, waren meine Fehlzeiten gleich Null. Als ich in die elfte Klasse am Wirtschaftsgymnasium Wendenstrasse kam, war ich einer der Jüngsten in meiner Stufe. Viele meiner Mitschülerinnen und Mitschüler hatten bereits gearbeitet oder zuvor eine Ausbildung absolviert. Die elfte Klasse hat Schule zumindest einigermaßen Spaß gebracht. Schnell kam ich allerdings in Mathematik nicht mehr mit, so wie zuvor auf dem allgemein bildenden Gymnasium. Doch damit konnte ich mich ohne große Sorgen und Gefühle abfinden. Ich las während des Unterrichts lieber in einer Wirtschaftszeitschrift. Auch rechnete ich schon mal durch, wie ich trotz schlechter Mathematik-Noten das Abitur erlangen könnte. Zum Glück gab es 2004 noch eine andere Regelung für die Abitur-Prüfungen. Wir mussten im Abitur noch nicht in Mathematik eine Prüfung ablegen, sondern konnten ein anderes mathematisch-naturwissenschaftliches Fach wählen. Also wählte ich EDV (Elektronische Daten-verarbeitung). Dieses Fach war stark auf das Wirtschaftsleben und den dortigen Gebrauch von Computern zur Datenverarbeitung ausgelegt, nicht wie Informatik auf meinem früheren Gymnasium, wo wir noch HTML lernten als längst kaum noch einer mit HTML Internetseiten schrieb. Es schien also als würde alles schon irgendwie passen und mein Vertrauen darin war ohnehin zweifelsfrei, denn ich hatte zwar bisher viele Jahre starker Depressionen durchlebt, aber im Kleinen hatte ich immer alles bekommen, was ich wirklich wollte.

Obwohl ich nun zwar meine erste bewusste Entscheidung für etwas getroffen hatte, fing ich von da an trotzdem nicht an einfach jede meiner Entscheidungen bewusst zu treffen, sonst hätte ich wohl damals schon mit dem Drogenhandel und -konsum aufgehört. Es lief damals alles einfach so vor sich hin und ich bekam mein Leben gefühlt sehr viel besser auf die Reihe als ich es vor dem Schulwechsel tat. Durch den Wechsel auf eine Schule in der Innenstadt vergrößerte sich zeitgleich auch der Radius erheblich, in dem ich mich herumtrieb. Einige der Jungs aus der Gegend, in der ich aufgewachsen war, waren schon einige Monate früher in die Schanze gezogen und bewohnten eine WG, wo wir uns jedes Wochenende vor und zwischen den Parties aufhielten und herumhingen.

Feiern. Ja, das war damals ein ganz zentrales Thema in meinem Leben. Hauptsache weg aus der Realität, so weit wie möglich. Aber egal welche Substanzen ich zu mir nahm, ich konnte soviel nehmen, wie ich wollte und trotzdem war ich am Ende immer noch klarer als die Jungs und Mädels um mich herum. Über die Verbindungen in die Innenstadt entstanden gleichzeitig auch noch einmal ganz neue Kontakte und damit neue Möglichkeiten an Substanzen aller Art heranzukommen. Ich hatte schon zu Zeiten, als ich noch auf dem normalen Gymnasium war, angefangen nicht nur Gras, Pilze und LSD zu mir zu nehmen, sondern auch Amphetamin, MDMA und XTC gehörten zu so einem richtigen Feier-Wochenende dazu. Aber nun änderten sich die Bezugsquellen. Auf einmal wurde mir bspw. Amphetamin in größeren Mengen angeboten. Fast noch in flüssiger Form war klar, dass es noch sehr gut zu strecken sein würde. Der Preis pro Gramm lag bei unter fünf Euro. Da es im Moment, wo ich es kaufte, noch ungestreckt war, konnte ich locker 100-200 % Gewicht oben drauf rechnen. Bei 100 Gramm reinem Amphetamin konnte ich also 200-300 Gramm daraus machen. Und es dann klein verkaufen. Klein heißt in 1 Gramm Päckchen und das ließ sich locker für 10 Euro pro Gramm verkaufen. Das waren Gewinnspannen, die mit Gras seit der Währungsumstellung unvorstellbar waren. Da mein Konsum mit der Zeit immer teurer wurde und ich auch einige Menschen bedienen musste, die für mich große Mengen absetzten, kam mir diese neue Bezugsquelle sehr gelegen. Also fing ich an große Mengen Amphetamin zu kaufen, zu strecken und zu verkaufen. Erst war ich nur am Wochenende, meist von Donnerstag bis Sonntag feiern. Dann langsam erhöhte sich die Frequenz allerdings immer weiter und manchmal waren wir nicht nur drei Abende unterwegs, sondern vier, fünf und manchmal auch sechs Tage. Die konsumierten Mengen nahmen natürlich in einem ähnlichen Maße zu.

Ein normaler Schultag als ich in der zwölften Klasse war, begann mit ein paar Lines Amphetamin. Sonst wäre ich gar nicht aus dem Bett gekommen. Um mich dann wieder ein wenig runterzubringen, rauchte ich meist noch ein oder zwei Joints bevor ich losfuhr zur Schule. Und auch während des Unterrichts verließ ich hin und wieder die Klasse, um auf Klo noch Lines nachzulegen, damit ich meinen Pegel hielt. Ansonsten wäre Schule zu dieser Zeit schon wieder unerträglich gewesen. Erstaunlicherweise waren meine Noten meistens allerdings im Zweier-Dreier-Bereich, mit einigen Ausnahmen wie Mathe, was mich einfach überhaupt nicht mehr interessierte, weil unsere Lehrer uns nicht vernünftig zu vermitteln in der Lage waren, warum wir diese und jene Formel lernen und anwenden sollten. Häufig kam ich erst zur dritten Stunde in den Unterricht und regelmäßig ging ich auch nach der vierten oder fünften Stunde wieder. Schule war mir auch ziemlich egal. Ich hatte in dem ganzen Drogenkonsum und der Feierei schon längst wieder meine guten Vorsätze verdrängt. Es ging bloß noch um durchhalten, bis dieses Gefängnis ein Ende haben würde. Und irgendwie wusste ich immer, dass ich mit meinem Verhalten durchkommen würde.

Im Sommer 2006 reiste ich mit meinem Bruder und der Familie eines seiner Freunde nach Brasilien. Sie hatten meinen Eltern angeboten, mich trotz all meiner Drogenprobleme mit nach Brasilien zu nehmen. Ich muss der Horror für sie gewesen sein. Ich hatte schon monatelang immer wieder über das Aufhören nachgedacht und sah nun endlich die Chance, es auch zu tun. Also ging es los. Kalter Entzug, selbstbestimmt. Das waren fast Höllenqualen, die ich durchzustehen hatte, aber ich hatte es mir auch selbst zuzuschreiben. Vielmehr tut mir heute Leid, dass ich meinen Bruder und die Familie seines Freundes mit hineingezogen habe. Ich fühle mich ihnen seither zu tiefstem Dank verpflichtet. Ich kam wieder und ich kiffte nicht mehr. Nachdem ich vor der Reise zwei Mal durch meine praktische Fahrprüfung gefallen bin, bestand ich meine Fahrprüfung. Von nun an durfte ich Auto fahren. Und wie ich mir vorher bewusst war, wollte ich nüchtern sein beim Autofahren. Und ich war nüchtern. Also konnte ich bedenkenlos und ohne Angst vor Kontrollen Auto fahren. Das tat ich und schnell befand ich mich in einer Gruppe junger Menschen, die alle recht frisch ihre Führerscheine hatten und ebenso gern mit dem Auto unterwegs waren.

Bis zum 10.11.2006. An diesem Abend waren wir mit dem Auto in der Stadt, um auf eine Abi-Party meines alten Gymnasiums zu gehen. Ich war der Fahrer und blieb nüchtern. Da die Party echt scheiße war, sind wir recht zügig wieder abgehauen. Wir hatten dort noch eine Ex-Freundin von mir getroffen und sie hatte uns deutlich gemacht, dass es nicht einmal lohnen würde, den Eintritt auszugeben. Also fuhren wir wieder zurück in Richtung unsere Heimatgegend. Auf dem Weg setzten wir noch einen Freund, Noco, ab und fuhren dann weiter. Nur noch Flo und ich waren übrig, es war noch früh. Ins Bett wollten wir noch nicht, also überlegten wir, was wir stattdessen machen könnten. Wir hatten ein Auto am Start, also dachten wir uns, dass wir noch ne Runde fahren könnten. Wir fuhren dann in Richtung Geesthacht aus Hamburg heraus und entschlossen uns dann in den Speckenweg einzubiegen, um die Verbindung bis zum Elbdeich zu fahren und von dort aus wieder in Richtung Bergedorf. Tolle Idee. Ich, Fahranfänger, fuhren wir also in den Speckenweg. Die Straße ging vor Schienen wieder nach links und dann wieder nach rechts. Darauf folgte eine lange Gerade, die über die Autobahn A 25 führte. Also gab ich Gas. Ein Schild markierte das Ende von Hamburg. Landstraße. 100 kmh erlaubt. Die Straße war dunkel, bis ich plötzlich im Scheinwerferlicht eine sehr enge Rechtskurve erkannte. Da war es allerdings schon zu spät, um von 100 kmh herunterzubremsen. Black-Out. Yannick nicht mehr da.

Mein Beifahrer sagte später, dass ich nicht einmal mehr gebremst hatte. Ich war in einer Schockstarre eingefroren. Mit knapp 100 kmh kriegten wir die Kurve nicht, knallten mit dem linken vorderen Reifen gegen eine Rasenkante und das Auto wurde seitlich, auf Höhe der Fahrertür, gegen eine Baum geschleudert. Die Beifahrertür wurde um knapp 30 Zentimeter nach innen gedrückt, der Fahrersitz brach nach hinten aus der Halterung, kein Airbag löste aus. Da war sie, die Konfrontation mit dem Tod, die ich schon so lange in meinen Gedanken und Gefühlen im mir trug. Sie war diesmal, nicht wie bei dem immensen, aber bewussten Drogenkonsum, unbewusst. Ich als mein bewusstes Sein, hatte dies nicht gewollt. Aber diese Todesgedanken hatte ich schon über Jahre mit mir herumgetragen. Nun war es soweit.

Die Scheinwerfer waren noch an, die Musik lief noch. Ich schleppte mich durch das Auto nach hinten, weil ich dachte, dass ich auf der Fahrerseite wohl nicht herauskommen würde. Aber die Kofferraumklappe ließ sich nicht von innen öffnen. Also kletterte ich wieder nach vorn und stieg über den Beifahrersitz aus. Flo war bereits zuvor ausgestiegen. Als ich draußen stand drückte ich ihm mein Portmonnaie, mein Handy und meinen Schlüssel in die Hand und sagte ihm, dass er es aufbewahren sollte, bis ich wieder da bin. Daraufhin sackte ich auf der Straße zusammen und wurde bewusstlos.

Flo in seiner Verzweiflung, Angst und was da sonst noch so in ihm los war, rief Noco an, den wir kurz zuvor abgesetzt hatten. Er hatte etwas getrunken. Es war ihm egal. Er rief den Notruf und schickte den Krankenwagen los. Dann sprang er in sein Auto und begab sich ebenfalls zur Unfallstelle. Auf dem Weg dorthin begegnete er dem Krankenwagen und folgte ihm bis zum Unfallort. Auch die Polizei traf kurz darauf ein. Sie wollten am liebsten erstmal noch einen Alkohol- und Drogentest mit mir durchführen. Die Krankenwagenbesatzung verneinte dies.

Am Unfallort waren zwei Krankenwagen samt Besatzungen zu gegen. Die eine Besatzung kam aus Geesthacht, die andere aus Bergedorf. Die eine Besatzung wollte mich ins Dorf-Krankenhaus nach Geesthacht bringen. Die andere Besatzung aus Bergedorf wollte mich ins Unfallkrankenhaus nach Boberg bringen. Die Bergedorfer Besatzung setzte sich durch. Ansonsten wäre ich heute wohl tot. In Geesthacht hätte es nämlich das Gerät nicht gegeben, mit dem sie meinen Bruch in Boberg feststellen konnten. Ich wurde also soweit transportfähig stabilisiert und es ging ins Unfallkrankenhaus.

Schon hier musste eine ganze Armee an Schutzengeln von Gott, dem Alles in Allem, für mich losgeschickt worden sein. Im Krankenhaus in der Notaufnahme kann ich zum ersten Mal wieder aus meinen eigenen Erinnerungen beschreiben, was vor sich ging. Es war eigenartig. Etwas dumpfer als sonst klang es und ich schaute nicht aus meinen Augen. Ich sah mich selbst. Ich sah den Raum. Ich sah viele Menschen in weißen Kitteln, die wild miteinander sprachen. Ich konnte die Szene von der Raumdecke beobachten. Und ich konnte hören. Ohne Augen und ohne Ohren hörte und sah ich, was in diesem Raum geschah.

Zahlreiche Male wurde ich in den CT und den MRT geschoben. Die Ärzte entdeckten einen Trümmerbruch meines ersten Halswirbels, einen direkt durch den Nervenkanal liegenden Splitter sowie eine Blutung nahe des Stammhirns. Zusätzlich noch eine doppelt gebrochene linke Schulter und ein doppelt gebrochenes linkes Becken. Die Nervenbahnen wurden glücklicherweise lediglich von dem Splitter zur Seite geschoben, aber nicht beschädigt. Die Blutung erhöhte stetig den Druck in meinem Schädel, was die Ärzte sehr beunruhigte. Ich bekam Substanzen gespritzt, die die Blutung stoppen sollten. Die Ärzte sahen das Risiko, wenn der Druck zu groß werden würde, denn dann hätte der Überdruck mein Herz-Kreislauf-Zentrum in Mitleidenschaft gezogen und mein Herz wäre stehen geblieben. Später, in einer Nachuntersuchung, sagte uns der Chefarzt, dass es um Haaresbreite gut gegangen ist, denn die Blutung stoppte kurz bevor der Druck zu groß geworden wäre. Die Ärzte hatten bereits überlegt meinen Schädel anzubohren, um den Druck zu regulieren. Auf diese Weise habe ich gleich mehrfach innerhalb einer Nacht riesengroßes „Glück“ gehabt. Meine Armee von Schutzengeln war stets zur Stelle, um den Tod abzuwimmeln.

Peace

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That’s my life (Teil 1)

Weil mir jahrelang alles scheißegal war!

Ich heiße Yannick. Ich lebe seit fast 29 Jahren. Ich bin am Sonntag, den 20. März 1988 geboren. In meiner Geburtsurkunde steht, dass ich um 05:50 Uhr zur Welt gekommen bin. Dieser Tag war Frühlingsanfang, also Tag-und-Nacht-Gleiche. Ich bin als einer der letzten Fische ins Licht der Welt gerutscht. 1988, Schaltjahr mit 366 Tagen, in der 11. Kalenderwoche, am 80.ten Tag des Jahres.

Aufgewachsen bin ich in einer deutschen Mittelstandsfamilie. Mit anderen Worten: es gab zuhause nie zu wenig Geld, aber eben auch niemals zu viel. Trotzdem ist mein Lebensweg nicht gerade der Geradlinige.

Als ich zur Welt kam, hatte ich die Nabelschnur um den Hals gewickelt, wobei ich mich fast selbst erdrosselt hätte. Die darauffolgenden Untersuchungen meines Gesundheits-zustandes wiesen keine Anomalien auf. Der Sauerstoffmangel hatte keine Schäden herbeigeführt. So startete ich mit einer ersten Begegnung mit dem Tod in mein neues Leben ausserhalb von Mamas Bauch.

Mit knapp zwei Jahren bin ich mit meinen Eltern in ein Einfamilienhaus in eine alte Arbeiter-Wohnsiedlung am östlichen Rand von Hamburg gezogen. Während des Hausbaus, bei dem mein Vater zahlreiche Arbeiten selbst erledigte, zog er sich einen Bandscheibenvorfall zu, der sich nach einer Operation entzündete. Dadurch zog ich mit meiner Mutter allein in das neue Zuhause. Meine Mutter fühlte sich in dem großen, neuen Haus so ganz allein nicht so recht wohl. Für mich resultierte aus der andauernden Abwesenheit meines Vaters ein  fundamentaler Bruch in meinem Ur-Vertrauen, was mir jedoch erst über 20 Jahre später zu Bewusstsein kam.

Als ich drei Jahre jung war, zog ich mir im Kindergarten eine, für meine Größe, große Platzwunde zu. Ich spielte mit den anderen Kindern auf einem Kettler-Klettergerüst, welches sich aus der Verankerung löste und kippte. Ich sprang/fiel vom Klettergerüst und durch die Verlagerung des Schwerpunkts, kam daraufhin das Klettergerüst wieder zurück in seine Ausgangsposition. Doch zu meinem Unglück lag ich an der Stelle, wo das eine Rohr des Gerüsts niederging. Das offene Rohrende traf mich an der Stirn. Nachdem diese Wunde wieder weitgehend verheilt war, ich war mit meinen Eltern am Gardasee, schaukelte ich auf der Kette eines Bootsanlegers und verlor das Gleichgewicht. Ich knallte mit dem Hinterkopf auf das Rost des Anlegers und zog mir dieses Mal eine Platzwunde am Hinterkopf zu, die in einem italienischen Krankenhaus, ohne Betäubung genäht wurde.

1992 wurde mein kleiner Bruder geboren und damit einher ging für mich das Gefühl, meine Mutter nicht mehr für mich zu haben. 1993 kam ich in die Vorschule und 1994 in die erste Klasse. Meine Eltern entschieden sich dazu, mich in eine Integrationsklasse zu stecken. Dort hatten wir vier Lehrer, die sich jeweils um fünf Schüler kümmerten. Ich kam in die Gruppe zu Herrn Eggers, unserem einzigen Lehrer. Als dann das dritte Schuljahr begann, wurden die Regeln angezogen. Still sitzen, leise sein, Aufgaben machen und immer schön das tun, was die Lehrerinnen und Lehrer sagten. Zu dieser Zeit begann für mich die dunkle Phase meines Lebens.

Zum Einen waren Regeln und Autoritäten irgendwie nichts für mich und zum Anderen fiel es mir sehr schwer mich mit meinen männlichen Artgenossen zu identifizieren. Sie spielten Fussball oder mit Spielzeug-Autos in der Sandkiste und Mädchen waren für sie „Bäh“. Ich hingegen interessierte mich bereits für Mädchen und hatte mich zudem zum ersten Mal verliebt. Meine erste große Liebe Kati. Sie machte Geräte-Turnen und so kam ich schließlich auch zum Geräte-Turnen. Das waren die lichten Stunden der Woche. Ich war einer der wenigen Jungen, denn die anderen Jungs hatten natürlich kein Boden-Turnen, Reck-Turnen, Stufen-Barren-Turnen oder Pferd und Trampolin springen im Sinn. Nach kurzer Zeit durften Kati und ich nicht nur bei den Kleinen (mit uns ungefähr Gleichaltrigen) mitturnen, sondern auch bei den großen Mädchen mitturnen. Zum Ende der vierten Klasse stand der Schulwechsel auf eine weiterführende Schule an. Fast meine gesamte Klasse wechselte geschlossen auf eine Gesamtschule. Ich wechselte mit vier anderen Schülerinnen und Schülern auf ein Gymnasium, wo wir uns jedoch auf drei Klassen verteilten.

Ausserhalb der Schulzeit hatte ich den größeren Teil meiner Freundschaften mit Menschen, die bereits ein paar Jahre älter waren und nicht mit mir in die gleiche Klasse gingen. Die ersten Jahre auf dem Gymnasium hatte ich noch sporadischen Kontakt zu Mitschülern. Mit den älteren Jungs begann ich zu kiffen. Das erste Mal dürfte ich nicht viel älter als zehn gewesen sein. Mit meinem Nachbarn geriet ich an eine Gruppe von arbeits- und perspektivlosen Jungs, die rauchten, soffen und kifften. Wir wollten dazu gehören, also haben wir mitgemacht. Wir mussten Mutproben machen, damit wir uns „beweisen“ würden. Weil wir dazu gehören wollten, waren wir bereit all das mitzumachen. Dazu gehörte beispielsweise, dass sie uns auf dem Bolzplatz ins Tor stellten, uns von links und rechts an den Armen festhielten und einer mit Vollspann und einem Lederball auf uns schoss. Einmal waren wir dabei, wie sich einige von den Jungs mächtig stritten, bis plötzlich einer eine Gasknarre zog und aus knapp einem Meter Entfernung auf einen anderen schoss. Das war eine verrückte Erfahrung.

In dieser Zeit habe ich mir mit meinem Nachbarn Taktiken überlegt, wie wir es schaffen konnten, auch nachts mit ihnen rumzuhängen. Dazu überredeten er seine Mutter und ich meine Eltern, dass wir im Garten zelten durften. So waren wir nachts mehr oder weniger frei zu tun, was wir wollten und konnten mit den großen Jungs in einem Keller herumhängen, wo sie eine Bong stehen hatten. Das ergab eine weitere Mutprobe, nämlich einen ganzen Bong-Kopf auf Lunge zu ziehen. Wir taten es. Schon zu dieser Zeit wurde rauchen eher zu einem Nebenbei. Mit dem richtigen Rauchen fingen wir, indem wir zogen und dann sagten: „Hah! Meine Mutter kommt.“ und Zack, war der Qualm bis in die Lunge hineingezogen. Am Anfang husteten wir natürlich noch, das legte sich aber schnell. Da die Jungs kifften und darunter auch welche waren, die mit Gras handelten, wurden wir „eingestellt“, manchmal kleinere Lieferungen von A nach B zu transportieren. So lernte ich schnell über dieses Geschäft und ebenso, dass man damit Geld verdienen könnte. Auch lernte ich denjenigen kennen, von dem die großen Jungs ihr Gras kauften. Nach einiger Zeit machten wir uns diese Verbindung zu nutze und liehen uns von ihm etwas mehr Gras und fingen an, den Großen das Gras zu verkaufen, um unseren eigenen Konsum zu finanzieren. Zu dieser Zeit habe ich auch, und das bereue ich heute, meinen Eltern eine ganze Menge Geld aus dem Portmonnaie geklaut. Mein Nachbar tat das Gleiche bei seiner Mutter.

Einmal, daran erinnere ich mich noch gut, waren wir in Bergedorf am Schillerufer, wo auf einer Rasenfläche im Sommer immer viele Kiffer herumhingen. Manchmal, wir waren ja noch relativ jung, verkauften wir auch etwas an andere Gleichaltrige. Dies wurde uns damals einmal zum Verhängnis, als wir dem kleinen Bruder von einem russischen Großdealer Gras verkauften. Er suchte uns daraufhin, fand uns und haute meinem Nachbarn kräftig eine rein. Was soll’s. Gewalt war ja nichts Neues mehr für uns.

Dann kam der 11. September 2001, was für mich ein prägendes Ereignis war. Zu dieser Zeit hatte ich noch keinen eigenen Computer, also war ich auf Informationen aus Zeitungen und Fernsehen gebunden. An dem Tag des Anschlags saß ich den ganzen Nachmittag vor dem Fernseher und verfolgte die Berichte. Auf einem englischen Sender sah ich ein Interview einer Reporterin. Sie sprach über den Zusammenbruch eines weiteren Gebäudes, des WTC 7 und plötzlich konnte ich in ihrem Hintergrund ein Gebäude in sich zusammenfallen sehen. Das war abgefahren, dachte ich damals schon. Sie schien schon von dem Zusammenbruch gewusst zu haben, bevor er geschah. War sie eine Hellseherin. Nein, an so etwas glaubte ich damals noch nicht. Aber sie wusste davon. Das war für mich schockierend und hat mein Vertrauen in unsere ach-so-demokratischen Institutionen und angeblich objektiven Medien nachhaltig beeinflusst.

Mit ungefähr 13 Jahren lernte ich dann auch über das Gymnasium einen anderen Jungen kennen, der mehr oder weniger von seinen Eltern vernachlässigt aufwuchs und bereits auf ähnlichen Abwegen unterwegs war, wie wir. Er war eine Klasse über mir und mit ihm konnte ich mehr anfangen als mit meinen gleichaltrigen Klassenkameraden.

Mit ihm begann zuerst illegaler Kleinkram. Einbrechen in Gartenlauben und Schrebergärten, Fahrräder klauen und Teile verkaufen und dann das Dealen mit Gras und Amphetaminen. Konsum illegaler Substanzen gehörte ja längst schon zum Alltag und ist deshalb nicht mehr extra erwähnenswert. In dieser Zeit lernte ich auch noch einige Menschen kennen, die leidenschaftlich gern Pilze und LSD konsumierten und mir anboten mal mitzumachen. Ich war dabei. Bei meinen ersten Trips war ich zwischen 15 und 16 Jahren jung.

Zu dieser Zeit, genauer gesagt zu meinem 15.ten Geburtstag bekam ich meinen ersten eigenen Computer mit einem Internetanschluss. Das war ein Gefühl der Befreiung. Endlich nicht mehr auf den Kram angewiesen zu sein, den Zeitungen und Fernsehen kommunizierten und so begann meine lange Suche nach Antworten, die Mainstream-Medien nicht im Stande waren zu geben. Zumindest nicht solch glaubwürdige Antworten, wie ich sie damals gebraucht hätte, damit sie ihre Glaubwürdigkeit nach dem Beitrag zum WTC 7 wieder hätten herstellen können. Im Internet fand ich unzählige Informationen zu den Anschlägen des 11. September 2001, doch die zeigten zwei sich ganz deutlich unterscheidende Geschichten. Die eine Story, nämlich die der Mainstream-Medien war immer die gleiche. Und was noch erstaunlicher war, durch das Internet konnte ich die Medien miteinander vergleichen und so wurde ich Beobachter einer Angleichung der Aussagen quer durch die Medien und rund um die Erde. Es sah aus wie eine Gleichschaltung. Im zweiten Teil von „That’s my life“ werde ich darauf noch einmal zurückkommen.

Dazu gesellte sich dann noch das Schwänzen, bis ich in der zehnten Klasse mit ein paar Tütchen Gras und einer durchgebohrten Gas-Pistole in der Schule erwischt wurde, weil eine Mitschülerin etwas mitbekommen hatte und es lustig fand, sie in der kleinen Pause aus meinem Rucksack zu holen und damit im Klassenraum herumzufuchteln. Daraufhin riet mir mein damaliger Schulleiter, dass ich mir doch besser nach dem Realschulabschluss eine neue Schule suchen sollte, wenn ich denn noch mein Abitur machen wollte. Damit war ich besser weggekommen als ich es mir hätte erträumen lassen. Also fragte ich ihn, ob er mir drei Wochen zum Überlegen und Suchen einer neuen Schule frei geben würde, was er bejahte. Also war ich von da an vorübergehend freigestellt.

[Im nächsten Teil von „That’s my life“ werde ich hier wieder ansetzen und die Zeit von 2004 bis zu meinem Abitur 2008]