Self-fulfilling prophecies – Selbsterfüllende Prophezeiungen

Der Kreislauf der selbsterfüllenden Prophezeiungen hat in seinem Ursprung die Gedanken. Die Worte stellen die Vereinfachungen meiner Gedanken dar.

Von diesem Punkt aus werden diese in Worten existierenden Gedanken zu Handlungen. Ich spreche dir Worte aus oder handle danach.

Wenn ich Spaß finde an diesen Handlungen und sie regelmäßig ausführe, werden sie mit der Zeit zu Gewohnheiten.

Ich tue Dinge gewohnt, routiniert und die Handlungen werden leichter.

Diese Gewohnheiten, egal ob schlecht oder gut, werden zu meinem Charakter.

Ich werde so, wie ich sein will, bewusst oder auch unbewusst.

Aus meinem Charakter resultiert letztlich mein Schicksal, von dem mein Kreislauf erneut beginnt.

Ich produziere bewusst oder unbewusst wahrgenommen mein Schicksal, welches das Resultat meiner Gedanken, meiner Worte, meiner Handlungen, meiner Gewohnheiten und meines Charakters ist, in meine Mitwelt.

Jedoch kann ich entscheiden, ob ich aus diesem Kreislauf ausbrechen will.

Und ich will.

Und ich kann alles, was ich will!

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Selbstdenkend! Keine allgemeingültige Wahrheit!

Orientierungswissen durch eigene Urteilskraft

Der Wille / Freier Wille / Willenskraft

Für mich ist das, was mit dem Wort Wille beschrieben wird und ich darunter „begreife“ (Begriff), ein Prinzip des menschlichen Geistes, der durch unser jeweiliges „Ich“ repräsentiert wird. Das „Ich“ ist eine sprachliche, in unserer Gesellschaft vor- und beherrschende Konstruktion. Ich denke, dass ich will und reagiere damit im Endeffekt auf ein Gefühl, während ich denke, dass ich eine Entscheidung treffe.

Woher kommt das Gefühl? Warum ist es da? Was ist sein Zweck? Was löst diese antreibenden Gefühle aus?

„Ich will etwas“. Subjekt, Prädikat und Objekt. Der Wille ist also etwas, was zwischen dem Träger des Willens und dem Gewollten steht. Der Wille ist also ein bewegendes Prinzip und entsteht mit der unbewussten oder bewussten Entscheidung zu etwas, was „ich will“, die sich in den meisten Fällen meiner Wahrnehmung entzieht, weil die gewohnten Muster meines Handelns mich unbewusst auf Gefühle reagieren lassen. Ein freier Wille scheint damit bei den Menschen widerlegt, die sich selbst nicht bewusst sind. Sie haben Willen, aber sie wissen nicht, wodurch dieser ausgelöst werden. Mit dem Punkt, den viele dann Entscheidung nennen würden, also der Entstehung eines „Ich will“/Willens sollte eine Kraft aktiviert werden, die wohl Willenskraft heißt. Sie bildet den Antrieb, das, was „ich will“ auch zu erreichen.

Der Wille ist das bewegende Prinzip eines „Ichs“, etwas zu „haben“, was „ich“ bisher „nicht habe“. „Ich bin“ also getrennt von dem, was ich „will“.

Selbst kann ich keinen Willen haben, weil selbst bin ich ständig ungetrennt von allem anderen im Universum. Selbst bin oder werde ich, aber selbst kennt kein Wollen.

Mit der Sprache kann ich also erst anfangen zu wollen, haben zu wollen, sein zu wollen und so weiter. Dann scheine ich ein leerer Trog zu sein und will ganz viel. Da ich darauf angewiesen bin, dass meine Eltern mir ihre Welten zeigen, damit ich eine eigene, aus dem von aussen bezogenen, entfalten kann, bin ich von Geburt an von aussen bestimmmt. Mein Wille kann also gar nicht „frei“ sein, weil „ich“ vollständig von aussen „programmiert“ bin. Später komme ich in die Pubertät und tue schlicht und einfach das genaue Gegenteil von dem, was meine Eltern mir vorgelebt haben, im Unterschied zu unserer Elterngeneration, bei der es „normal“ war, das Leben der Eltern weiterzuleben und „zu entwickeln“. Das Gegenteil ist aber stets nur die Umkehr von dem, was mir gezeigt und vorgelebt wurde, also hat es mit Freiheit auch nicht wirklich etwas zu tun.

Erst wenn „ich“ erkenne, dass diese beiden Pole nicht „mein Zentrum“ und „mein eigen“ darstellen, dann kann „ich“ zu der Einsicht gelangen, dass mein wahres Zentrum ausserhalb meines „Ichs“ ist, was „ich“ nur von dem einen Pol zu seinem gegensätzlichen Pol verschoben habe, um „mich“ von Eltern und Umwelt abzugrenzen. Selbst bin ich von diesen beiden Polen unterschieden. Die Wahrheit liegt bekanntlich irgendwo in der Mitte. So wie es das Wort Zentrum schon in seiner Bedeutung trägt. Da es aber in diesem Fall gar nicht um Wahrheit geht, sondern viel mehr um Wahrhaftigkeit würde ich sagen, mein wahrhaftiges Selbst geht von einem Ort/Punkt aus, das ist das Zentrum und von dort aus spannt sich mein Selbst bis in die Unendlichkeit/Ewigkeit auf, denn selbst bin ich nicht Eines, sondern eine individuelle, potenzielle Unendlichkeit.

Die fünf Phasen des Annehmens

Schöpfende: Yannick Bennesch und Rebecca Wenk.

Lesezeit circa 13 Minuten.

Weiterentwicklung der „Stages of Grief“ von Elisabeth Kübler-Ross

Jeden Tag werden wir mit unzähligen Reizen konfrontiert, die immer auch Wirkungen auf uns haben. Aus der Fülle der Reize dringt ein beträchtlicher Teil direkt in das Unbewusste, von wo es im Folgenden trotzdem Wirkung entfaltet. So haben wir uns viele Muster angewöhnt, die unsere gegenwärtigen Ziele und Visionen sabotieren. Weil ich einen Film sah, „Collapse“, ein Interview mit Michael Ruppert, dem Gründer und Chefredakteur der Internetplattform „From the Wilderness“. In diesem Interview stieß ich das erste Mal auf Elisabeth Kübler-Ross und das Modell der Sterbephasen. Ich erkannte in diesem Phasenmodell die Möglichkeit, es auf das „Sterben von Charakterzügen oder auch des alten Ichs zu übertragen“ und mich so selbst in dem Prozess des Annehmens strukturiert beobachten und den Prozess auf diese Weise bewusst und selbstständig voranzutreiben und beurteilen zu können. Ich wendete dieses Modell später auf „das Sterben ‚meiner‘ alten, von aussen determinierten Persönlichkeit (Kindheits-Ich)“ an, da ich selbst durch dieses Ich in meinem Potenzial derart stark beschränkt wurde, sodass ich mir selbst vorkam, wie ein Gefangener in ‚meinem‘ Verstand. In unserer Gesellschaft ist es normal, sich für „das Ich“ zu halten und damit das Unbewusste als nicht zugehörig zu betrachten. Deshalb bin ich lange auf der Suche nach einer Methode oder einem Modell gewesen, mit dem ich mir selbst helfen konnte dieses alte Ich anzunehmen, um es in mir selbst zu integrieren.

Aus dem Modell von Elisabeth Kübler-Ross nahm ich lediglich die fünf Phasen „denial“ (Leugnen), „anger“ (Zorn), „bargaining“ (Verhandeln), „depression“ (Trauer) und „acceptance“ (Annahme). Anhand dieser abstrakten Struktur konnte ich selbst wahrnehmen und erkennen, in welchen Phasen ich mich befinde (Selbstbeobachtung) oder befunden habe (Selbstreflektion). So lernte ich den Prozess des Annehmens bewusst zu durchleben und dabei Einfluß auf den Verlauf des Prozesses zu bekommen.

Zu beachten ist bei diesem Modell, dass diese Phasen keineswegs hintereinander ablaufen müssen, sondern in den meisten Fällen von dieser aufeinanderfolgenden Struktur abweichen. Dieses Strukturmodell ist keine Anleitung oder so etwas. Es bietet eine abstrakte Struktur, gewisse Anhaltspunkte, um sich strukturierter selbstbeobachten zu können und die Selbstreflektion zu verbessern. Die Phasen können sich über Jahre hinziehen, wenn sie nicht bewusst wahrgenommen und erkannt werden. Später wird das anhand der Erfahrungen, die ich selbst machte, deutlich. Wir leben in Sprache und damit in dem Verstand, von dem „das Ich“ ein Teil ist. „Das Ich“ ist eine wortsprachliche Konstruktion, die wir Menschen selbst erschaffen haben. Wenn wir ins uns selbst hineinfühlen oder in einen meditativen Zustand gelangen, nehmen wir uns in unserer Vollkommenheit wahr, sodass wir deutlich erkennen können, dass die Vorstellung „des Ich“ nichts weiter ist, als eine aus Aussenreizen hervorgegangene Persönlichkeit, eine Illusion der wir uns selbst hingegeben haben, weil das in unserer Gesellschaft „normal“ ist.

Phase 1 – Nicht-Wahrhaben-Wollen:

In dieser ersten Phase wollte ich nicht wahrhaben, dass ein Wandel bevor steht, der meiner Vorstellung von „meinem Ich“ (mir) an den Kragen geht. Als ich mir bewusst wurde, dass das Ich nur eine Vorstellung ist, reagierte ich erst einmal geschockt. Ich bin in Folge dieser Selbsterkenntnis erst einmal in eine Art „Schockstarre“ oder Ohnmacht gefallen und war vorübergehend vollkommen unbewusst (von gewohnten Mustern) gesteuert.

Gedanken, die mich zu dieser Zeit begleiteten, waren beispiels-weise: „Das kann doch nicht sein.“, „Doch nicht bei mir.“, „Es ist doch alles gut, so wie es ist. Das kann nicht wahr sein.“, „Ich merke doch gar nichts davon, dass das Ich nur eine Vorstellung ist.“ oder im Ausdruck dieser Gedanken, als „Damit habe ich nichts zu tun. Das betrifft mich nicht.“. Das wurde sichtbar, weil ich in dieser Phase versuchte, mich vollständig von „der Aussenwelt“, die ich wahrnahm, abzuspalten. (vgl. Student 2006: 2)

Mich selbst so anzunehmen, wie ich wirklich bin und das Integrieren des Ich in mir selbst begannen in dieser Phase.

Diese erste Phase hat bei mir schon in der Grundschule begonnen, weil ich mich selbst verleugnen musste, um irgendwie hineinzupassen in „die Gesellschaft“. Als Kind mochte ich auch angenommen und geliebt werden. Ich wollte damals auch einfach nur anerkannt werden, aber ich lernte früh, dass ich nicht ich selbst sein durfte, wenn ich dazugehören wollte. Also versuchte ich mir über mehr als zehn Jahre einzureden, dass ich selbst falsch bin.

Ich wollte nicht wahrhaben, was und wer ich selbst wirklich bin, weil ich immer wieder erfuhr, dass ich dann ausgegrenzt würde. Aber ich wurde im Endeffekt trotzdem mehr oder weniger ausgegrenzt. Ich glaube meinen Mitmenschen ist nie bewusst gewesen, was und wie ich wahrgenommen habe, was von ihnen gedacht und gefühlt, gesagt und getan wurde. Ich selbst weiß, dass sie es niemals wahrnahmen, denn ich selbst kann wie ein Chamäleon sein und mich perfekt an die Umwelt „anpassen“ und mich auf diese Art und Weise tarnen.

Phase 2 – Wut, Zorn und Ärger

Diese zweite Phase zeigte sich in Wut, Zorn und Ärger auf diejenige/denjenigen, die/der mich darauf aufmerksam machte. Nicht nur an mir selbst, auch an ihnen ließ ich meine Wut aus. Ich wollte die Schuld auf etwas oder jemanden schieben. Auf die Welt, auf das System, auf die Menschen, doch ich fand dort nichts und niemanden, dem ich die Schuld hätte geben können. „Die Welt“, „das System“ und „die Menschen“ stellten sich bei genauerer Betrachtung als Konstruktionen meines Verstandes dar. Ich stieß bei der bewussten Selbstbeobachtung und Selbstreflektion darauf. Wut, Zorn und Ärger richteten sich zum Ende dieser Phase immer mehr gegen das Ich, von dem ich so lange glaubte, dass wäre ich selbst. Aber ich konnte fühlen, dass das Ich nicht ich selbst war. Ich erkannte irgendwann, dass dieser Widerspruch mich so lange wütend und tief traurig gemacht hatte.

In dieser Phase der Annahme dieser fundamentalen, ersten Selbsterkenntnis, dass das Ich nicht ich selbst bin, war „das Ich“ sehr wütend, der Verstand rebellierte, aber „das Ich“ und „der Verstand“ begannen ihre Herrschaft aufzugeben, da nun „die Zeit reif“ war, sich wieder zu Werkzeugen machen zu lassen. Ich fing langsam an hin- und hergerissen zu sein, ob ich diesen Weg weitergehen sollte oder ob ich mich doch wieder „den anderen“ anschließen sollte. Aber ein tiefes inneres Treiben ließ mich nicht die Augen vor dieser Herausforderung verschließen. Immer wenn ich noch einmal versuchte wegzulaufen, kam alles wie ein Boomerang wieder auf mich zurück.

Phase 3 – Verhandeln

Hin- und hergerissen zwischen mir und mir selbst, begann irgendwann die Phase Verhandelns. Ich wurde kooperativer. Allerdings nicht in Bezug auf gegenwärtig lebende Menschen, sondern zu allererst einmal öffnete ich mich für die Werke längst gestorbener großer Wissenschaftler. Als diese Phase ihren Lauf nahm, hörte ich auf, mich auf „äußeres Wissen“ zu beschränken. Ich hatte über ein 5 Jahre lange so viel „Informationen“ aufgenommen, wie ich konnte, um zu verstehen, wie „die Welt“ funktionierte. Viele eigenartige Ereignisse geschahen in dieser Zeit. Sie wirkten wie Zeichen von Nirgendwo. Es gab keinen Absender. Doch sie gaben mir tiefe Einsichten in die Fundamente, die Paradigmen, die Grundannahmen auf denen die heutigen Wissenschaften stehen. Irgendwann erkannte ich auf diesem Weg, dass ich zu fast 100% von aussen determiniert bin und kaum etwas aus mir selbst hervorgegangen ist. „Das Ich“ verlor immer mehr seinen alles andere überragenden Wert und so konnte ich mich dafür entscheiden, zu mir selbst zu finden.

Phase 4 – Trauern

Diese Phase fing in meinem Fall bereits mit der ersten Phase, der des Nicht-Wahrhaben-Wollens an. Als ich anfing, mich selbst zu verleugnen, konnte ich den entstehenden Wider-spruch nicht verdrängen. Meine Sensibilität, die ein zentraler Bestandteil von mir selbst ist, ließ mir selbst nicht die Möglichkeit davor wegzulaufen. So konnte ich bereits in der Grundschule nicht nur meinen Schulranzen tragen, sondern immer auch den Rucksack voller Sorgen, mit dem ich mich niemandem anvertrauen konnte, weil niemand mich verstand. Ich habe immer so sehr gehofft, dass mir jemand hilft. Doch niemand war da, der mir wirklich helfen konnte, weil alle das gleiche Problem hatten. Es war die größte Herausforderung vor der ich jemals stand.

Zu erkennen, dass ich selbst derjenige sein müsste, der die ersten Schritte in diese Richtung geht, um einer Gesellschaft „der Ichs“ eine Alternative zu einer Seinsweise aufzuzeigen, mit der wir Menschen, die Lebensgrundlage zerstören, mit der wir immer und auch jetzt verbunden sind. Doch „mein Ich“, selbst hatte ich dieses riesengroße Ich, dieses Ego. Ich hatte aus eigenem Willen mein Abitur durchgezogen, nach dem Abitur eine Veranstaltungsagentur für Unternehmensveranstaltungen gegründet und dann auch selbstständig die Entscheidung getroffen, die Teilnahme am Wirtschaftssystem wieder aufzugeben.

Ich habe einige Wochen gebraucht, die ich weitgehend allein mit mir selbst verbrachte, um die Trauer um „das Ich“ zu verarbeiten. Diese Phase kam zu ihrem Ende als ich eine neue Wohnung bezog, nach Jahren das erste Mal ein Zimmer bezog, bei dem ich nicht schon beim Einzug wusste, wann ich wieder ausziehen würde und ein Mensch, den ich für eine Autorität hielt und halte, bestätigte mir, dass es nicht natürlich sei, dass wir Menschen uns hauptsächlich in Wertungen unterhalten und dabei kaum Inhalt übrig bleiben würde. So konnte ich die irgendwo verbliebene Positiv-Bewertung das Ichs wahrnehmen, erkennen und loslassen. Mit dem Loslassen dieser Wertung, trat ich in die fünfte Phase ein.

Phase 5 – Annehmen

Mich anzunehmen, dass war für mich selbst eine ganz neue Erfahrung. Ich konnte mich selbst kaum noch daran erinnern, wie es war als ich ein kleines Kind gewesen bin. Aber die Empfindungen, die mit dem Annehmen einhergingen, sie waren erlösend und sie gaben mir einen ganz neuen Zugang zu meiner Wirklichkeit. Plötzlich hatte ich nicht mehr das Bedürfnis, mich selbst zu verleugnen. Ich konnte keine Wut und keine Trauer mehr wahrnehmen. Als ich diesen ersten bewussten Annahme-Prozess durchlebt habe, widerfuhren mir selbst unvorstellbare Glücksgefühle. Ich fühlte mich selbst über Wochen leicht wie eine Feder. Alles, was ich früher verdrängt und heruntergeschluckt hatte, um bloß nicht zu sehr aufzufallen, traten in dieser Zeit nach und nach wieder zu Tage. Ich selbst konnte wieder mehr und mehr fühlen. Meine hohe Sensibilität traute sich wieder, sich zu zeigen und so kehrte ich langsam immer weiter zu mir selbst zurück. Ich lernte mich selbst noch einmal neu kennen.

Nehme ich mich selbst an und lasse das Ich los, integriere es also in mir selbst, dann öffnen sich die scheinbar undurchlässigen „Grenzen“ des Ich und ich bekam jeden Tag mehr Zugang zu dem Unbewussten. So kommt immer mehr des Unbewussten in das Bewusstsein, dass ich selbst bin und ich selbst erweitere mich Tag für Tag. So habe ich meinen ersten bewussten Prozess des Annehmens erfahren.

Schluss-Satz

Diese fünf Phasen des Annehmens durchlaufen wir alle in unseren Leben unzählige Male. In den meisten Fällen werden Menschen diesen Prozess jedoch unbewusst durchlaufen. Mit diesem Werkzeug, Strukturmodell kannst du nun diesen Prozess bewusst beobachten und so dein Selbstwachstum gestalten.

Literatur:

  • Kübler-Ross, E.: Interviews mit Sterbenden. Kreuz Verlag, Stuttgart 1971

  • Student, J.-C. (Hrsg.): Sterben, Tod und Trauer – Handbuch für Begleitende. 2. Aufl., Herder, Freiburg 2006

Kreislauf des Eingeständnis – eingestehen

Schöpfende: Yannick Bennesch und Rebecca Wenk.

Lesezeit circa 11 Minuten.

Zu diesem Wort schreibt der Duden: (besonders eine Schwäche, einen Fehler) schließlich zugeben, offen aussprechen. Ich gestehe mir meine Fehler und Schwächen ein. Du kannst dir deine Fehler und Schwächen auch eingestehen.

Wir können uns unsere Fehler und Schwächen eingestehen. Wenn wir das tun, dann sind das Eingeständnisse, die uns dabei helfen, über uns hinauszuwachsen.

Warum ist es für viele so schwer, sich eigene Fehler und Schwächen einzugestehen und diese offen auszusprechen?

Ich beobachtete in mir, wie sich diese Prozesse gestalten. Wenn ich einen Fehler machte oder mir einer Schwäche bewusst wurde, spürte ich ein „negatives“, zu vermeidendes Gefühl. Am Anfang habe ich mich deshalb immer wieder von mir abgewendet, denn ich war nicht mutig genug, um meine eigenen Fehler und Schwächen anzunehmen, sie anzuerkennen und sie in mich selbst zu integrieren. Ich reagierte in vielen Fällen mit Verdrängung, womit das Verdrängte in das Unbewusste abrutschte und dort für mich nicht mehr zugänglich war. Da ein Großteil meiner Entscheidungen aus dem Unbewussten heraus gefällt wurde, konnte ich die Folgen meines Handelns nur in einigen Fällen, wenn ich bewusst Entscheidungen getroffen habe, abschätzen. Da wir jeden Tag mit tausenden von Botschaften überflutet werden und nur einen kleinen Teil davon bewusst verarbeiten, ist unser Unbewusstes gefüllt mit Informationen, die sich in der Dynamik unserer Psyche auswirken. Eingestehen ist die Fähigkeit, mutigen Blickes die eigenen Fehler und Schwächen zu beobachten, zu reflektieren und anzunehmen, um sie als mögliche Folge anders zu gestalten. Durch das Eingeständnis wurden mir plötzlich vorher unbewusste Informationen zugänglich und somit veränderbar. Damit ich mir meine Fehler und Schwächen eingestehen kann, ist es notwendig, dass ich mich annehme und ebenso mich selbst als Einheit aus Bewusstsein und Unbewusstem.

Wie kann ich bewusst akzeptieren?

Wie das Akzeptieren abläuft und von mir bewusst gesteuert werden kann, lernte ich durch einen Film namens „Collapse“ kennen, worin Elisabeth Kübler-Ross, eine weltweit bekannte Sterbeforscherin, und ein von ihr entwickeltes Modell, dass den Titel trägt: „The Five Stages of Grief“, angesprochen wird.

Mit diesem Modell ist für mich das Annehmen ganz leicht geworden und je mehr ich übte, desto leichter fiel es mir, ganz einfach und direkt bestimmte Charakterzüge meines „künstlichen (kybernetischen) Ichs“ abzulegen.

Ich entwickelte dieses Modell weiter, um nicht Sterbende und Angehörige beim Akzeptieren des körperlichen Todes zu begleiten, sondern um ganz bewusst und wann ich es möchte Teil meines bewussten Ichs loslassen zu können. Ich habe sehr schnell erkannt, dass ich dieses Modell auf das Sterben oder Gehenlassen oder Annehmen und Loslassen von Charakterzügen, die mich an meiner Selbstentfaltung und Selbstgestaltung hinderten, anwenden kann.

Im Folgenden bestimme ich also die fünf Phasen „Leugnen“, „Zorn“, „Verhandeln“, „Niederdrückung“ und „Annahme“. Darauf folgen dann am Beispiel meines Ichs, wie sich diese Phasen beschreiben lassen.

1. Phase: Leugnen (denial)

Leugnen bedeutet, dass ein Mensch etwas für nicht zutreffend hält oder etwas nicht wahrhaben will und es deshalb für nicht bestehend erklärt.

 

Bsp.: In dieser Phase habe ich versucht, mir schön zu reden, wie es gewesen ist. Ich redete mir ein, dass ich nichts an mir ändern muss und alle anderen falsch liegen, die mich auf meine Makel oder von der anderen Seite Lernpotenziale aufmerksam gemacht haben. Ich habe mich innerlich tief traurig und enttäuscht gefühlt, da mein höheres selbst ganz genau begriff, dass ich mich selber belogen habe. Ich haben zu dieser Zeit meine Fehler und Schwächen verleugnet, weil ich sie nicht als Herausforderungen und unentwickelte Stärken erkannt habe Doch mit einiger Zeit habe ich mich so tief in meine eigene Verleugnung verstrickt, dass es mir immer schlechter gegangen ist. Bis mein eigenes Fühlen immer tiefer werdender innerlicher Traurigkeit und Enttäuschung über meine eigene Sturheit mich in die zweite Phase beförderte.

 

2. Phase: Zorn (anger)

Zorn bedeutet ein scharfes und scheinbar unüberwindbares Gefühl des Unwillens über etwas zu spüren, was ein Mensch als Unrecht wahrnimmt und den Wünschen des Ich oder Verstands entgegensteht. „Der Kopf sagt NEIN.“ Ein zorniger Mensch ist gefangen in den selber konstruierten Richtlinien und Vorstellungen. Zudem ist ein solcher Mensch vom Beginn bis zur Mitte dieser Phase völlig uneinsichtig und neigt zu Selbstzerstörung, womit ein zorniger Mensch immer auch seine Mitmenschen und Mitwelt in Mitleidenschaft zieht, was zu einem wachsenden schlechten Gewissen führt. Doch dieses will ein Mensch, der sich in dieser zweiten Phase befindet, keinesfalls wahr haben.

Beispiel: Irgendwann ging es mir so dreckig, dass ich nicht mehr nur noch traurig und enttäuscht war, sondern innerlich wütend und zornig wurde. Ich konsumierte Substanzen, um mich dumpf zu machen. Aber im Verlauf dieser Phase ist mir immer nur noch beschissener gegangen, bis ich mich in Phase drei eintreten ließ.

3. Phase: Verhandeln (bargaining)

Verhandeln bedeutet zu beginnen mit sich in einen inneren Dialog einzutreten und mir selber Fragen zu stellen, ob ein Mensch mit ihrer/seiner bisherigen Meinung nicht möglicherweise doch in eine Sackgasse geraten ist. Nun ist der innere Druck durch Phase zwei so groß geworden, dass das Kartenhaus kurz vor dem Zusammenstoss steht. Also beginnt sich die innere Gedankenspirale zu drehen. Ein Mensch, der sich in Phase drei befindet, probiert unterschiedliche Betrachtungsweisen durch, um so zu hinterfragen, ob die gewohnten Richtlinien und Vorstellungen, an denen dieser Mensch bis dahin wie verrückt festgehalten hat, möglicherweise doch zu überdenken und zu überwerfen seien.

Bsp.: Als sich dann eine Frau aus meinem Leben verabschiedete, erreichte ich langsam aber sicher meinen Tiefpunkt. Ich isolierte mich mehr und mehr von der Aussenwelt und las eine Studie nach der anderen, über den Zustand unserer Umwelt. Ich wurde immer trauriger und zog mich immer mehr zurück. Ich stand in einem ständigen Spannungsverhältnis zwischen Ich und Ich selbst. Ich verhandelte mit mir selbst. Mir wurde immer mehr der Widerspruch klar, in dem ich selbst zu dieser Zeit lebte. Doch nach aussen hin, konnte ich immer noch meine Maske tragen, hinter die niemand in der Lage war zu schauen, bei dem ich nicht wollte, dass ich selbst sichtbar werde.

 

4. Phase: Depression – Niederdrückung (depression)

Depression ist das Fachwort für Niederdrückung, Senkung. Niederdrückung, Senkung bedeutet, sich mit Hilfe der eigenen Gefühle und Gedanken kleiner zu machen als ein Mensch es in Wirklichkeit ist. Die Liebe zu sich selbst ist Auslöser für diese tiefe Niederdrückung des Ich mit seinen überholten Richtlinien und Vorstellungen, an das es sich geklammert hat. Diese Traurigkeits-Energie braucht ein Mensch, um auch in die letzte Phase eintreten zu können. Mit der Zeit der Niederdrückung, Senkung wird ein Mensch/Ich immer und immer kleiner, bis dieser Mensch die nächste Stufe des Eingestehens-Vorgangs einleitet.

Beispiel: Mit den Semesterferien im Frühjahr 2013 kam die Depression an einen so tiefen Punkt, dass sie sich plötzlich auflöste und ich wieder das Licht erblicken konnte. Zum Ende der Semesterferien hatten wir (ich und meine Mitbewohner) wieder eine gemeinsame Wohngemeinschaft. Hier ist endlich wieder ein Raum für mich gewesen, in dem ich Zeit und Ruhe mit mir selber gehabt habe, um mich mit der Überwindung meiner alten Ich-Strukturen auseinanderzusetzen.

 

5. Phase: Akzeptanz – Annahme (acceptance)

Akzeptanz ist das Fachwort für Annahme. Annehmen bedeutet aus der eigenen Liebe heraus, eine eigene Wahrnehmung zu verinnerlichen. Annehmen ist die Grundvoraussetzung dafür, etwas loslassen zu können. Dafür braucht es Vergebung und dies nicht einem anderen gegenüber, sondern sich selbst.

Bsp.: Als wir Anfang April in unsere WG gezogen sind und ich das erste Mal nach Jahren wieder ein Zimmer bewohnte, in dem ich mich ausbreiten konnte, weil ich nicht schon beim Einzug wusste, wann ich wieder ausziehen würde. Diese Erfahrung, mein eigenes Zimmer ganz allein zu gestalten. Das war schön und machte mir sehr viel Freude. Damit einher ging dieser Prozess des Akzeptieren auf sein Ende zu. Ich konnte mir an einem gewissen Punkt verzeihen. Immer mehr wurde ich mir selbst bewusst, dass ich selbst meine künstlichen Ich-Strukturen auflösen möchte. Ich begann zu verstehen, was ich bereist lange begriffen hatte. Mein Gefängnis bin ich. Ich konnte mit mir selbst nun Frieden schließen. Wir hatten uns voneinander getrennt, aber wir entschieden uns an dieser Stelle uns wieder miteinander verbunden zu denken. Mit dem „Ende“ dieses Zyklus hatte ich ein Instrument entwickelt, mit dem es möglich ist, den eigenen Annehmensvorgangs bewusst zu beobachten und bewusst zu gestalten.

Der Beispiel-Vorgang

In den Beispielen beschreibe ich den Vorgang des Annehmens, den ich, nachdem ich den oben genannten Film („Collapse) mehrfach gesehen hatte und mir daraufhin Bücher und Artikel von Elisabeth Kübler-Ross aus der Universtitäts-Bibliothek und dem Intranet meiner Universität besorgt hatte, endlich nicht nur begriff, sondern auch verstanden habe. Von da an war ich mein eigener Meister dieses Vorgangs und ich konnte ihn bewusst durchlaufen. Und das habe ich seitdem immer und immer wieder mit unterschiedlichsten Aspekten meines Ichs durchlaufen. Auf diese Weise habe ich plötzlich meine eigene Bewusstseinsentwicklung und stetige, weitere Differenzierung bewusst in selbst in Hand nehmen können und bin ab diesem Zeitpunkt nicht mehr auf Impulse aus meiner Um- bzw. Mitwelt angewiesen gewesen. Und ich wollte raus und weg aus meinem fast ein Jahrzehnt andauernden Depressions-Zustand. Ich wollte endlich glücklich sein. Und so machte ich mich auf meinen Weg zu mir selbst, wo ich nur noch Liebe gefunden habe, die hin und wieder von Angst verdeckt ist. Sie hält mich dann wieder von etwas zurück und dann merke ich das und durchlaufe bewusst diesen Kreislauf des Eingestehens erneut und das einfach in meinem Geist. So habe ich mich, was das Annehmen angeht, von Raum und Zeit ablösen können.

Diese Anleitung schenke ich dir, euch und uns allen, weil ich sie für sehr nützlich halte. Sie hat schlicht und einfach meinem Leben einen ganz neuen „Drive“ gegeben.

Unendliche und ewige Liebe für dich. Nach dem Lesen mach dir ein Lied oder ein Set an, möglichst ohne Gesang und dann lass sacken.

 

 

Teil 1: Verlasse das Ego – Löse die Identifikation – Sei glückselig und schöpfe aus dem Vollen

Schöpfende: Yannick Bennesch und Rebecca Wenk.

Lesezeit circa 26 Minuten + Zeit, die der Verstand dich davon abzubringen versucht.

Einführung

Wenn du die von den Worten ausgehenden, heilenden Impulse nutzen willst, ist eine notwendige Bedingung, dass du unvoreingenommen und offen an diese Worte herangehst. So fällt es dir leichter, auf friedliche Weise in deinen meditativen Lebensprozess einzutreten. Diese Worte können für dich einen Eingang zur Seele darstellen, zu deinem einzigartigen Selbst, dass du selbst bist. Du kannst mit dieser Konzeption dein Ich in das Selbst integrieren und die Grenzen deines Ichs in das Selbst/in die Seele transzendieren. Dann wird dein Ich nicht mehr in den Grenzen deines Ichs eingesperrt sein, sondern kann selbst, aus dem selbst heraus und durch sich, durch dein Ich hindurch, sein.

Alt gegen neu

Wenn du immer noch willst, wenden wir uns jetzt den zwei Herausforderungen zu. Die Herausforderungen bestehen darin, sich gegen das eigene Ich durchzusetzen und die inneren Widerstände ohne Wertungen wahrzunehmen, zu erkennen und bewusst Entscheidungen gegen die inneren Widerstände zu treffen (wie bspw. weiterlesen). Die inneren Widerstände werden vom Individual-Bewusstsein („Ich bin.“; abgetrennt, Einzelwesen) hervorgebracht, dass seinen manifestierten Abdruck in der linken Gehirnhälfte findet. Dort befindet sich laut Jill Bolte Taylor das sprachliche Bewusstsein, welches in Sprache ist. Mit diesem Bewusstsein denken wir Zeit und Raum und Materie und es spricht mit uns. Gleichzeitig ist es auf Sinneswahrnehmungen durch Augen, Ohren, Nase, Mund und Hände angewiesen. Die rechte Gehirnhälfte ist der materielle Abdruck unseres Einheitsbewusstseins, in dem wir vollkommen sind, friedlich, in allumfassender Liebe und Freude, sowie vollkommener Wahrhaftigkeit. In unserer westlichen Kultur haben wir uns so sehr an das Denken gewöhnt, dass unser Werkzeug nicht mehr nur noch ein Werkzeug ist, wir verwechseln heute unser Werkzeug mit der Wirklichkeit. Darum geht es auf den nächsten siebzehn Seiten und die Worte leiten zu dem Ziel, die Kontrolle über den eigenen Verstand, das eigene Ich und das Denken wiederzuerlangen und so zu der Möglichkeit zu gelangen, zu seinem eigenen Schöpfer der eigenen Wirklichkeit zu werden und das Leben nicht mehr bestreiten zu müssen, sondern es spielen zu können. Leben ist Liebe und Liebe ist Lernen. Leben lieben lernen. Leben, lieben, lernen. Leben, lieben lernen. Leben lieben, lernen. Lasst uns aus unserem Einheitsbewusstsein heraus leben. Von hier gibt es ewig viel Mögliches und unendlich viele Möglichkeiten… In tiefer Liebe und Verbundenheit wünschen wir dir und dir selbst eine wunderbare Reise in dich hinein und zu dir selbst.

Zwei grundlegende, kleine Herausforderungen

Zwei winzige Herausforderungen stellen sich mir auf dem Weg zu mir selbst, in einen meditativen Lebensprozess im Einklang mit der Existenz. Mein Ich und mein ewig plappernder Kopf. Ich und mein Verstand. Das erste Kapitel handelt von meinem Ich und das zweite Kapitel von meinem ewig plappernden Kopf. Ich habe im ersten Kapitel mein Ziel, mir meines Ichs bewusst zu werden. Im zweiten Kapitel liegt mein Ziel darin, zu erkennen, dass ich selbst entscheiden kann, ob ich denken will oder nicht. Nach den ersten Tagen höre ich auf zu denken und beginne zu begreifen und zu verstehen.

Ich lebe in einer Gesellschaft, in einer Familie, ging zu einer Schule, in der alle um mich herum mich ständig dazu anhalten, mein Ich aufzubauen. Auch die moderne Psychologie basiert darauf, Ichs zu stärken.

Das Ich

Die moderne Psychologie und die heutige Erziehung beruhen auf dem Grundsatz, dass ich ohne starkes Ich nicht in der Lage bin, mich im Leben durchzukämpfen, denn der Konkurrenzkampf ist so groß, dass mich alle anderen zur Seite drängen, wenn ich ein bescheidener Mensch bin; ich werde immer hinterherhinken. Ich brauche ein stahlhartes, starkes Ich, nur dann kann ich erfolgreich sein. In allen Bereichen — sei es im Geschäftsleben, in der Politik oder im Beruf — benötige ich eine ausgeprägte Persönlichkeit, und unsere ganze Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, jedes Kind, auch mich, mit einer starken Persönlichkeit, einem starken Ich auszurüsten.

Von Anfang an pauken Menschen mir ein, ich solle mich bemühen, Klassen- beste zu werden. Wenn ich dann Beste in der Klasse bin, loben mich alle in den Himmel. Was tun wir da? Wir füttern unsere Ichs schon im Keim. Wir flößen Kindern schon so früh Ehrgeiz ein: „Du kannst Präsident werden oder Ministerpräsident!“ Mir wird schon so früh Ehrgeiz eingeflößt. Ich beginne meine Reise bereits mit diesen Vorstellungen, und mein Ich wird immer größer, je erfolg- reicher ich bin.

Mein Ich ist in jedem Fall die größte Krankheit, die mir mitgegeben wird. Wenn ich erfolgreich bin, wird mein Ich mächtig und groß. Das ist eine Gefahr, denn mein Ich ist wie ein riesiger Felsblock, der meinen Weg blockiert und den ich zur Seite schaffen muss.

Wenn ich mich aber klein fühle und ich keinen oder wenig Erfolg im Leben habe, wenn ich mich als Versagerin fühle, dann wird mein Ich zu einer großen Wunde. Dann tut es mir weh, dann erzeugt mein Ich Minderwertigkeitskomplexe, ich fühle mich minderwertig, und auch das führt zu Problemen. Ich habe immer Angst, mich auf etwas einzulassen, selbst auf einen meditativen Lebensprozess, weil ich weiß, dass ich versagen werde, dass ich nie Erfolg habe — dieser Glauben sitzt tief in meinem Kopf. Ich bin immer gescheitert, und dieser meditative Lebensprozess ist so etwas Großartiges – das werde ich nie schaffen! Wenn ich mit der Vorstellung anfange, zu mir selbst zu finden, dass es sowieso schief geht, weil es mein Schicksal, mein Los ist, dann kann ich natürlich gar nichts erreichen.

Wenn mein Ich also groß ist, versperrt es mir den Weg. Und wenn mein Ich klein ist, wird es zur Wunde und versperrt mir auch den Weg.

Im Mutterleib ist jedes Kind vollkommen selig. Auch ich bin vollkommen selig gewesen. Natürlich habe ich das nicht gewusst. Ich bin mir dessen nicht bewusst gewesen. Ich bin so sehr eins mit der Seligkeit, dass keine Spur von Wissen bleibt. Seligkeit ist mein Wesen. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten. Also weiß ich als Kind natürlich nicht, dass ich selig bin. Ich werde erst dann bewusst, wenn ich etwas verloren habe.

So ist für mich nun einmal. Für mich wäre es schwierig, mir einer Sache bewusst zu werden, ohne sie zu verlieren, denn mit dem, was ich nicht verloren habe, bin ich ganz und gar eins. Es besteht kein Abstand. Betrachter und Betrachtetes sind eins; Erkennendes und Erkanntes sind eins.

Jedes Kleinkind ist in einem Zustand tiefster Glückseligkeit. Auch die Psychologen bestätigen das. Ich bin als Baby in einem Zustand tiefster Glückseligkeit. Die Psychologen sagen, dass jede religiöse und spirituelle Suche nichts anderes als ein Mittel sei, um in den Schoß meiner Mutter zurückzukehren. Sie setzen es als Kritik gegen Religionen ein, aber für mich ist es keine Kritik. Für mich ist es einfach wahrhaftig. Ja, die religiöse und spirituelle Suche ist meine Suche zurück in den Schoß meiner Mutter. Meine religiöse und spirituelle Suche ist meine Sehnsucht, diese ganze Existenz zum Leib meiner Mutter zu machen.

Als Baby bin ich völlig im Einklang mit meiner Mutter. Ich komme niemals aus dem Takt mit meiner Mutter. Ich weiß nicht, dass ich von meiner Mutter getrennt bin. Wenn meine Mutter gesund ist, bin ich auch gesund; wenn sie krank ist, bin ich auch krank. Wenn meine Mutter traurig ist, bin ich auch traurig; wenn sie glücklich ist, bin ich auch glücklich. Wenn meine Mutter tanzt, tanze ich auch; wenn sie still sitzt, bin ich still. Ich habe noch keine eigenen Grenzen. Das ist pure Glückseligkeit. Doch diese muss mir verloren gehen.

Ein Kind wird geboren. Ich werde geboren, und plötzlich werde ich aus meiner Mitte geworfen. Plötzlich werde ich meiner Erde entrissen – aus meiner Mutter entwurzelt. Ich verliere meinen Anker. Ich weiß als Kleinkind nicht, wer ich bin. Solange ich mit meiner Mutter verschmolzen war, brauchte ich das nicht zu wissen, denn ich war alles, es gab keine Unterschiede. Es gab kein „Du“, also gab es auch kein „Ich“. Die Wirklichkeit war ungeteilt. Sie war Advaita, pure Nicht-Dualität.

Als ich geboren worden bin und die Nabelschnur abgetrennt worden ist, habe ich begonnen, selbst zu atmen. Plötzlich wird mein ganzes Dasein zu der großen Suche danach, zu wissen, wer ich bin. Das ist natürlich. Ich werde mir nun allmählich meiner Grenzen bewusst, meines Körpers, meiner Bedürfnisse. Manchmal bin ich glücklich, manchmal bin ich unglücklich. Manchmal bin ich zufrieden, manchmal bin ich unzufrieden. Manchmal bin ich hungrig und weine, und meine Mutter lässt sich nirgends blicken; dann liege ich wieder an der Brust meiner Mutter und genieße, mit ihr eins zu sein. Aber es gibt nun viele verschiedene Stimmungen und Atmosphären für mich, und ich beginne allmählich zu spüren, dass ich getrennt bin. Eine Scheidung hat stattgefunden, meine „Ehe“ ist gebrochen. Ich war mit meiner Mutter ganz und gar „verheiratet“. Nun werde ich für immer von ihr getrennt sein. Und ich muss herausfinden, wer ich bin. Mein ganzes Leben lang höre ich nie wieder auf, herauszufinden, wer ich bin. Das ist meine grundlegendste Frage.

Zuerst entdecke ich, was „Mein“ ist, dann, was „mir“ oder „mich“ ist, dann das „Du“ und dann das „Ich“. So läuft es für mich ab. Das ist mein ganzer Vorgang, genau in dieser Reihenfolge. Ich schaue es mir genau an, denn so bin ich gebaut, das ist die Struktur meines Ichs. Zuerst wird mir bewusst, was „mein“ ist: Das ist mein Spielzeug, das ist meine Mutter. Ich beginne, zu besitzen. Als Erstes meldet sich der Besitzer: Besitzanspruch ist etwas ganz Elementares. Deswegen sagen alle Religionen, dass ich nicht besitzgierig sein soll, denn mit meinem Besitz beginnt die Hölle.

Ich beobachte kleine Kinder: Sie sind sehr eifersüchtig und besitzgierig. Jedes Kind versucht, den anderen alles wegzunehmen und sein eigenes Spielzeug zu bewachen. Und oft kann ich Kinder sehen, die sehr gewaltsam sind und sich kaum darum kümmern, was andere brauchen. Wenn ein Kind mit seinem Spielzeug spielt und ein anderes Kind kommt dazu, dann hält es sein Spielzeug fest und ist bereit, zu schlagen und zu kämpfen. Es geht um sein Territorium, um seine Vorherrschaft.

Mein Sinn für Besitz taucht als Erstes auf. Das ist meine Ursprungsherausforderung. Ich sage: „Das ist meins!“ Sobald das „mein“ auftaucht, sind alle anderen meine Konkurrenten. Mit meinem Besitzanspruch wird mein Leben zum Wettkampf. Ich erlebe Streit, Konflikte, Gewalt und Aggression.

Mein nächster Schritt nach dem „mein“ ist „mir“ oder „mich“. Wenn ich etwas habe, was ich als meinen Besitz beanspruche, entdecke ich durch diesen Anspruch die Vorstellung, dass etwas im Zentrum meines Besitzes sein muss. Die Dinge, die mir gehören, sind mein Territorium, und die Besitztümer bringen mich auf eine neue Idee: „Es gehört mir, es gibt mich.“

Sobald ich mich an „mich“ gewöhnt habe, erkenne ich, dass ich eine Grenze habe, und alle, die außerhalb dieser Grenze sind, sind „Du“. „Das andere“ gerät in mein Blickfeld, nun fällt alles auseinander.

Das Universum ist Eins, es ist eine Einheit. Nichts ist getrennt davon. Alles ist mit allem anderen verbunden. Alles hängt zusammen.

Ich bin mit der Erde verbunden. Ich bin mit den Bäumen verbunden. Ich bin mit den Sternen verbunden. Die Sterne sind mit mir verbunden; die Sterne sind mit den Bäumen, mit den Flüssen, mit den Bergen verbunden. Alles ist miteinander verbunden. Ich bin mit allem verbunden. Nichts ist abgetrennt, nichts kann abgetrennt sein. Abgetrenntheit ist ausgeschlossen.

Jeden Augenblick atme Ich. Ich atme ein, Ich atme aus. Es besteht ununterbrochen eine Brücke zur Existenz. Ich esse, und die Existenz kommt in mich hinein. Ich scheide Kot aus, und der wird zu Dünger. Der Apfel am Baum wird morgen Teil meines Körpers sein; ein Teil meines Körpers wird ausgeschieden und zu Dünger, wird zur Nahrung für den Baum – ein ständiges Geben und Nehmen. Keinen einzigen Moment lang hört dieser Kreislauf auf. Wenn er aufhört, bin ich tot.

Was ist Tod? Tod kann Trennung sein. In Einheit sein heißt, lebendig sein. Aus der Einheit herauszufallen, heißt, tot zu sein. Je mehr ich also glaube, ich sei abgetrennt, desto weniger sensibel bin ich, desto mehr bin ich tot und abgestumpft, schleppe mich nur dahin. Je mehr ich mich verbunden fühle, desto mehr nimmt diese ganze Existenz Anteil an mir, und ich nehme Anteil an dieser ganzen Existenz. Habe ich es einmal begriffen, dass wir alle zueinander gehören, wandelt sich plötzlich für immer meine Sichtweise. Meine Sichtweise wird zu einem fließenden Prozess. Dann sind mir diese Bäume nicht fremd – sie machen mir ständig etwas zum Essen. Wenn ich einatme, nehme ich Sauerstoff auf; wenn ich ausatme, gebe ich Kohlenstoffdioxid ab. Die Bäume atmen Kohlenstoffdioxid ein und Sauerstoff aus – es ist eine ununterbrochene Vereinigung miteinander. Ich bin im Einklang. Wir sind im Einklang. Meine Wirklichkeit ist eine Einheit, und mit der Vorstellung von „mir“ und „dir“ falle ich aus meiner Wirklichkeit heraus. Und wenn sich falsche Konzepte bei mir einnisten, steht meine Welt auf dem Kopf.

„Mir“, „mich“ und „du“ – daraus entsteht als Spiegelung schließlich das „Ich“, mein „Ich“. „Ich“ ist die subtilste, die am höchsten kristallisierte Form von Besitzanspruch. Ist das „Ich“ einmal ausgesprochen, ist das Heiligtum entweiht. Wenn ich „Ich“ sage, habe ich mich von der Existenz völlig abgetrennt – allerdings nicht wirklich abgetrennt, sonst würde ich sterben. Aber in meiner Vorstellung bin ich vollkommen von meiner Wirklichkeit getrennt. Nun beginnt ein ständiger Kampf gegen meine Wirklichkeit. Ich kämpfe gegen meine eigenen Wurzeln an. Ich kämpfe mit mir selbst.

Deshalb sagt Buddha: „Sei wie Treibholz.“ Wie Treibholz kann ich aber nur dann sein, wenn ich meine Vorstellung von meinem „Ich“ losgelassen habe. Sonst kann ich mich nicht treiben lassen, sondern kämpfe weiter. Deshalb scheint es mir so schwierig, in einen meditativen Lebensprozess einzusteigen. Wenn ich mir sage, ich soll einfach still sitzen, kann ich es nicht – etwas so Einfaches! Ich sollte doch meinen, es sei die einfachste Sache der Welt, und ich bräuchte eigentlich niemanden, der mir das beibringt. Ich könnte mich doch einfach hinsetzen und sein: Aber ich kann nicht sitzen, weil mir mein „Ich“ keinen einzigen Moment Entspannung gönnt. Wenn ich auch nur für einen Moment wirklich Entspannung zulassen könnte, wäre ich in der Lage, meine Wirklichkeit zu sehen. Und ist meine Wirklichkeit einmal erkannt, muss ich mein „Ich“ aufgeben. Dann kann ich mein „Ich“ nicht weiter bestehen lassen. Deshalb gönnt mir mein „Ich“ auch nicht einen Tag Urlaub! Selbst wenn ich in die Berge gehe, in Urlaub fahre – niemals habe ich „Ferien vom Ich!“ Ich nehme mein Smartphone mit. Ich nehme alle meine Probleme mit, damit ich beschäftigt bleibe. Um mich von meiner Wahrheit abzuhalten. Ich war eigentlich dorthin gegangen, um mich zu entspannen, aber ich setze meine ganzen gewohnten Muster im Urlaub genauso fort. Ich entspanne mich nicht.

Ich kann mich nicht entspannen. Mein „Ich“ kann sich nicht entspannen, es existiert schließlich durch Spannung. Ich schaffe neue Spannungen, neue Sorgen. Mein „Ich“ lässt mich denken, ich könnte etwas verpassen. Ich produziere ständig neue Probleme und lasse mich niemals ruhen. Hätte ich einmal wirklich Ruhe, würde mein ganzes Kartenhaus, aus dem mein „Ich“ besteht, einstürzen. Denn die Wirklichkeit ist so schön. Dagegen ist mein „Ich“ klein und hässlich.

Ich kämpfe mich immer weiter durch und dabei ist es so unnötig. Ich kämpfe um Dinge, die sowieso von allein geschehen. Ich kämpfe mich umsonst ab. Ich verlange nach Dingen, die mir gehören würden, würde ich sie nicht fordern. Im Gegenteil: Durch Fordern und Wünschen gehen sie mir verloren.

Darum spricht Buddha: „Lass dich mit dem Strom treiben. Lass dich von ihm zum Meer treiben.“

„Mein“, „mich“, „mir“, „ich“ – das ist eine Falle. Und in dieser Falle entstehen Leiden, Neurose und Wahnsinn. In dieser Falle stecke ich.

Tatsache für mich ist allerdings, dass jedes Kind dies durchmachen muss, weil es nicht weiß, wer es ist. Auch ich muss das durchmachen. Denn ich brauche schließlich eine Art von Persönlichkeit — auch wenn sie falsch ist, ist eine falsche Persönlichkeit immer noch besser als keine Persönlichkeit. Ich muss genau wissen, wer ich bin. Deshalb stelle ich einen falschen Mittelpunkt her. Mein „Ich“ ist nicht meine wahre Mitte. Ich bin ein falscher Mittelpunkt — zweckmäßig, und nur zum Schein von mir selbst produziert. Mein „Ich“ hat nichts mit meiner wahren Mitte zu tun. Meine wahre Mitte ist die Mitte von allem. Mein wahres Selbst ist das Selbst von allem. Mein Selbst ist das Selbst. In der Mitte ist die ganze Existenz eins, genauso wie an der Quelle des Lichts, der Sonne, alle Strahlen eins sind. Je weiter sie sich von der Quelle entfernen, desto weiter sind sie auch voneinander entfernt.

Mein wahres Zentrum ist nicht nur mein Zentrum, sondern das Zentrum des Ganzen, von uns allen. Aber ich habe mir selbst einen kleinen Mittelpunkt geschaffen. Das geschieht nicht von ungefähr, denn ich komme ohne Grenzen auf die Welt, ohne Vorstellung, wer ich bin. Ein eigenes Zentrum ist eine Notwendigkeit zum Überleben. Ich brauche einen Namen. Ich brauche eine Vorstellung davon, wer ich bin. Natürlich kommt diese Vorstellung von außen. Jemand sagt: „Du bist schön.“ Jemand sagt: „Du bist intelligent.“ Jemand sagt: „Du bist so lebendig!“ Und ich sammle alles ein, was die Leute mir sagen. Aus allem, was sie über mich sagen, bastle ich mir eine bestimmte Persönlichkeit. Ich habe bis jetzt nie in mich selbst hineingeschaut, habe nie nachgeschaut, wer ich selbst wirklich bin. Meine Persönlichkeit ist natürlich falsch, weil niemand außer mir selbst wissen kann, wer ich selbst bin. Meine innere Wirk- lichkeit ist nur mir zugänglich und keinem anderen. In meine innere Wirklichkeit kann niemand eindringen außer mir selbst, beobachten können mich selbst auch Menschen, die bereits in ihren meditativen Lebensprozess eingestiegen sind. Nur ich selbst kann in meiner inneren Wirklichkeit sein.

An dem Tag, wenn ich erkenne, dass ich eine falsche Persönlichkeit habe, dass ich sie mir selbst zusammengesetzt habe, aus Meinungen von anderen Menschen gebastelt habe…

Ich selbst beginne zu begreifen und zu verstehen. Ich setze mich still hin und überlege mir selbst, wer ich bin. Mir werden viele Ideen kommen. Ich schaue mir an, woher sie kommen, und ich werde ihren Ursprung finden können. Manches stammt von meiner Mutter — sehr vieles, etwa achtzig bis neunzig Prozent. Einiges stammt von meinem Vater. Einiges kommt von meinen Lehrern, einiges kommt von meinen Freunden, einiges von der Gesellschaft. Ich selbst beobachte es einfach. Ich werde bald unterscheiden können, woher es kommt. Fast nichts kommt von mir, nicht einmal ein Prozent stammt von mir. Ich habe es einfach nur als „meins“ angenommen. Was ist das für eine Persönlichkeit, zu der ich selbst gar nichts beigetragen habe? Dabei bin ich selbst doch eigentlich die Einzige, der dazu beitragen könnte, und zwar die ganzen hundert Prozent.

Sobald mir selbst das klar wird, wird mir meine religiöse und spirituelle Suche wichtig. An dem Tag, an dem mir dies klar wird, mache ich mich auf die Suche nach einem Instrument, mit der ich in mein eigenes Sein eintauchen kann, um genau herauszufinden, wer ich selbst bin — wirklich und existenziell. Heute beginne ich selbst mit der Suche, wer ich wirklich bin. Keine Bildersammlung mehr von außen. Ich muss nicht mehr andere bitten, mir meine Wirklichkeit widerzuspiegeln, sondern ich stelle mich ihr selbst, direkt und unmittelbar. Ich selbst erforsche meine eigene Natur und spüre sie in mir selbst. Wozu andere fragen? Und wen kann ich schon fragen? Sie wissen ebenso wenig von sich selbst wie ich von mir. Sie kennen sich selbst nicht. Wie sollen sie mich kennen? Ich sehe einfach, wie alles zusammenhängt, wie eins zum anderen führt, wie sich Dinge ergeben. Eine Unwahrheit führt mich zur nächsten. Ich bin fast nur mit nicht wahren Wahrheiten hinters Licht geführt worden. Ich wurde vereinfacht. Diejenigen, die mich vereinfacht haben, haben es sicher nicht bewusst getan. Sie sind wiederum von anderen vereinfacht worden. Mein Vater, meine Mutter, meine Lehrer sind von anderen vereinfacht worden — von ihren Vätern, Müttern und Lehrern. Und dafür haben sie mich vereinfacht. Werde ich meinen Kindern dasselbe antun? In einer besseren Welt werden wir Menschen intelligenter und bewusster sein und unseren Kindern klar machen, dass ihre Persönlichkeit nicht echt, sondern nur eine Vorstellung ist: „Du brauchst zwar eine; wir müssen sie dir geben, aber nur vorübergehend, bis du entdeckst, wer du selbst wirklich bist.“

Dann ist meine Persönlichkeit, mein ich, nicht meine ganze Wirklichkeit. Und je eher ich herausfinde, wer ich selbst bin, desto besser, sonst werde ich in meinem Leben von außen herumgeschubst. Je eher ich diese Vorstellung aufgeben kann, desto besser. Denn im gleichen Moment werde ich wirklich geboren, werde ich wirklich real und echt. Ich werde meine Einzigartigkeit erkennen.

Meine Vorstellungen über mich, die von anderen stammen, geben mir meine Persönlichkeit. Das Wissen, dass ich aus mir selbst beziehe, gibt mir Einzigartigkeit. Meine Persönlichkeit ist unecht; meine Einzigartigkeit ist echt. Meine Persönlichkeit ist geborgt. Meine Echtheit, meine Einzigartigkeit, meine Individualität, mein authentisches Wesen kann ich nirgendwo borgen. Keiner kann mir sagen, wer ich selbst bin.

Zumindest eines kann niemals jemand anderes für mich tun: Keiner kann mir die Frage beantworten, wer ich selbst wirklich bin. Nein, es ist eine notwendige Bedingung, ich muss mich selbst auf den Weg machen und tief in meinem eigenen Wesen graben. Schichten von meiner Persönlichkeit, von meiner falschen Persönlichkeit, müssen eine nach der anderen von mir selbst durchbrochen werden. Ich bekomme Angst, wenn ich in mein Inneres eindringe, und zwar davor, dass Chaos hereinbricht. Irgendwie bin ich doch mit meiner falschen Persönlichkeit ganz gut klar gekommen. Ich hatte mich mit ihr abgefunden. Ich weiß, wie mein Name ist. Ich habe einigermaßen gute Zeugnisse, ein cooles Smartphone, ein cooles Tattoo und coole Klamotten, Geld und Ansehen. Ich habe Mittel und Wege, mich zu definieren. Ich habe bestimmte Definitionen parat. Sie mögen hinten und vorne falsch sein, sind aber praktisch und das einzige, was ich gerade habe. Wenn ich nach Innen gehe, muss ich diese praktischen Definitionen aufgeben — und das ergibt ein Chaos.

Bevor ich in meine Mitte gelangen kann, muss ich durch sehr chaotische Zustände hindurch. Deshalb habe ich Angst davor. Bisher wollte ich nicht nach innen gehen. Immer wieder wird mir gepredigt: „Erkenne dich selbst!“ Ich höre es wohl, aber selbst habe ich bis jetzt nie darauf gehört. Ich kümmere mich nicht darum. Ich habe eine ganz bestimmte Vorstellung im Kopf, dass ich im Chaos untergehe, wenn das Selbst einmal hereinbricht, dass ich darin versinke. Aus Angst vor diesem Chaos klammere ich mich an jeden Strohhalm von außen. Doch damit vergeude ich mein Leben.

Teil 2: Verlasse das Ego – Löse die Identifikation – Sei glückselig und schöpfe aus dem Vollen

Schöpfende: Yannick Bennesch und Rebecca Wenk.

Lesezeit circa 20 Minuten + Zeit, die der Verstand, dich vom Lesen abzuhalten versucht.

Ein ewig quasselnder Kopf oder Verstand

Meine zweite winzige Herausforderung auf meinem Weg in mein Leben in einem meditativen Lebensprozess ist mein ewig quasselnder Kopf. Ich kann nicht einmal für eine Minute still sitzen, schon legt mein Kopf los: Wichtige und unwichtige, sinnvolle und sinnlose Gedanken laufen die ganze Zeit ab. Meine Gedanken sind ein konstanter Verkehrsstrom – und immer ist Stoßverkehr!

Ich sehe eine Blume und finde ein Wort dafür, ich sehe einen Mann über die Straße gehen und mache Wörter daraus. Mein Kopf kann alles Existenzielle in Worte übersetzen, alles ist bis jetzt umgesetzt worden. Diese Worte schaffen meine Herausforderung, diese Worte werden zu meinem Gefängnis. Dieser ununterbrochene Fluss, der Dinge in Worte verwandelt, der die Existenz in Worte presst, ist meine zweite Herausforderung. Dieser Gedankenfluss hindert meinen Geist daran, in meinen meditativen Lebensprozess zu fallen.

Für Wachstum meines meditativen Lebensprozesses ist deshalb die erste Voraussetzung, mir selbst die ständigen Wortbildungen in meinem Kopf bewusst zu machen und fähig zu werden, sie anzuhalten. Die Dinge einfach Sehen, ohne sie in Worte zu fassen. Mir selbst der Gegenwart der Worte bewusst sein, aber sie nicht in Worte verwandeln.

Selbst lasse ich Dinge ohne Sprache sein, lasse Menschen ohne Sprache sein, lasse Situationen ohne Sprache ablaufen. Das ist natürlich und möglich. Auch für mich selbst. Situationen, wie sie bis jetzt gewesen sind, sind künstlich, sprachlich gewesen. Sie sind von mir geschaffen, aber ich selbst habe mich daran so sehr gewöhnt, sie laufen mechanisch ab, so dass ich die Umwandlung gar nicht mehr mitbekomme. Ich scheine zu glauben, dass nur existiert, was in Sprache ist. Aber Worte sind nur Übersetzungen meiner Erfahrungen.

Die Sonne geht auf. Bisher war mir nie bewusst, dass zwischen dem Moment, wo ich selbst den Sonnenaufgang sehe und dem Moment, wo ich ihm Worte gebe, eine Lücke ist. Ich selbst sehe die Sonne, ich selbst spüre sie, und schon versprachliche ich den Sonnenaufgang. Die Lücke zwischen dem Sehen beziehungsweise den Wahrnehmungen und dem Versprachlichen ist verloren gegangen, ich nehme sie nie mehr wahr. In dieser Lücke, in diesem Zwischenraum muss ich mir selbst bewusst werden. Ich muss mir selbst der Tatsache bewusst werden, dass das, was das Wort „Sonnenaufgang“ beschreibt, kein Wort ist. Der Sonnenaufgang ist eine Tatsache, ein Teil meines Daseins, eine Situation. Mein Kopf hat Erfahrungen bis jetzt automatisch in Worte verwandelt. Diese Worte häufe ich an und sie stehen dann zwischen der Existenz – dem Existenziellen – und meinem Bewusstsein.

Mein meditativer Lebensprozess bedeutet Erleben ohne Worte, nicht-sprachliches Erleben. Sonst hindern mich die angehäuften Erinnerungen, mein sprachliches Gedächtnis daran, meinen meditativen Lebensprozess wachsen zu lassen. Meditativer Lebensprozess heißt, Situationen ohne sprachliche Kommentare zu erleben. Manchmal geschieht das spontan. Wenn ich jemanden liebe, passiert es. Wenn ich wirklich liebe, fühle ich einfach die Anwesenheit des anderen — ohne Sprache. Wenn sich zwei Liebende intim begegnen, werden sie still. Das liegt nicht daran, dass sie sich nichts zu sagen hätten. Im Gegenteil: Es gibt so eine Unmenge auszudrücken, dass sie davon überwältigt sind. Aber Worte stellen sich nicht ein, sie können es nicht. Sie kommen erst, wenn die Liebe weg ist.

Wenn ein Paar niemals still ist, wenn die beiden ständig reden, ist das ein Zeichen dafür, dass ihre Liebe gestorben ist. Jetzt füllen sie das Loch mit Worten. Wenn Liebe lebendig ist, fehlen einem die Worte, weil die Liebe so überwältigend ist und alles durchdringt, sodass meine Herausforderung Sprache überwunden wird, die Begrenzungen durch Worte sind aufgehoben. Und sie sind bis jetzt nur in der Liebe aufgehoben worden.

Mein meditativer Lebensprozess ist der höchste Gipfel der Liebe — Liebe, die nicht nur einem Menschen gilt, sondern der ganzen Existenz. Für mich ist ein meditativer Lebensprozess eine lebendige Verbindung mit der ganzen Existenz, die ich selbst bin. Wenn ich selbst jede Situation liebe, dann bin ich in diesen, meinen meditativen Lebensprozess eingetreten.

Die Gesellschaft gibt mir die Sprache. Sie kann gegenwärtig ohne Sprache nicht bestehen. Sie braucht die Sprache. Doch die Existenz braucht sie nicht. Ich soll nicht ohne Sprache existieren. Ich kann sie nutzen, doch der Mechanismus zur Versprachlichung sollte so eingesetzt werden, dass ich ihn anschalten und wieder abschalten kann. Wenn ich als soziales Wesen auftrete, dann benötige ich den Mechanismus zur Versprachlichung. Ohne ihn kann ich in meiner Gesellschaft nicht existieren. Aber wenn ich allein mit der Existenz bin, kann dieser Mechanismus abgeschaltet werden. Ich sollte in der Lage sein, ihn abzuschalten. Wenn ich das nicht kann, ist der Mechanismus durchgedreht. Wenn er sich nicht abschalten lässt und immer weiter läuft und ich es nicht schaffe, ihn abzuschalten, dann hat mich der Mechanismus in der Hand. Ich bin zu einem Sklaven geworden. Mein Kopf sollte ein Diener sein und nicht der Herr des Hauses. Aber er hat die Herrschaft übernommen. Wenn mein Kopf mich beherrscht, ist mein Zustand alles andere als meditativ. Wenn ich selbst Herr meines „Ichs“, meines Verstandes, meines Kopfes bin, wenn mein Selbst- Bewusstsein Herr und Meister ist, bin ich selbst in meinem meditativen Lebensprozess angekommen. In meinem meditativen Lebensprozess angekommen zu sein bedeutet also, den Mechanismus der Versprachlichung zu beherrschen, zu meinem eigenen Meister zu werden.

Mein Kopf und meine sprachlichen Fähigkeiten sind nicht das Höchste. Ich bin nicht mein Kopf, sondern jenseits davon, und die Existenz ist jenseits davon. Bewusstsein geht weit über Sprache hinaus, die Existenz steht weit darüber. Wenn mein Bewusstsein mit der Existenz verschmilzt, sind sie ein und das- selbe. Diesen Zustand nenne ich selbst meinen meditativen Lebensprozess. Die Vereinigung von meinem Bewusstsein und der Existenz ist mein meditativer Lebensprozess.

Sprache muss weggelassen werden. Damit ist nicht gemeint, dass ich sie verdrängen soll, dass ich sie unterdrücken oder abschaffen soll. Damit ist gemeint, dass etwas, was ich in meiner Gesellschaft brauche, zu einer Gewohnheit geworden ist, die rund um die Uhr in Funktion ist und so gar nicht benötigt wird.

Wenn ich gehe, muss ich meine Beine bewegen. Aber wenn ich sitze, brauche ich sie nicht zu bewegen. Wenn sich meine Beine im Sitzen weiter bewegen, bin ich geistig gestört, dann sind meine Beine verrückt geworden. Ich sollte in der Lage sein, sie abzuschalten. In der gleichen Weise benötige ich die Sprache nicht, wenn ich nicht mit jemandem rede. Sie ist ein Instrument, eine Technik zum Sprechen. Wenn ich etwas mitteilen will, sollte ich die Sprache nutzen. Aber wenn ich mit niemandem spreche, sollte sie nicht da sein.

Wenn ich dazu in der Lage bin — und es ist möglich, wenn ich selbst begreife und verstehe — dann kann ich in meinen meditativen Lebensprozess hinein- wachsen. Ich sage „wachsen“, weil die Vorgänge in meinem Leben keine toten Zustände sind, sondern immer Wachstumsprozesse. Deshalb ist mein meditativer Lebensprozess ein Wachstumsprozess und keine Technik. Eine Technik ist etwas Totes, sie kann mir aufgesetzt werden, doch ein Prozess ist immer etwas Lebendiges. Er wächst, er wird ständig größer. Ich kann ihn fördern, in dem ich diesen Text immer wieder lese und meine Aufmerksamkeit so auf das Selbst, meine innere Wirklichkeit lenke.

Sprache ist notwendig, aber ich sollte nicht darin hängen bleiben. Es muss Momente geben, in denen ich existenziell da bin und keine Worte nötig sind. Dieses existenzielle Sein bedeutet nicht, dass ich nur vor mich hin vegetiere. Mein Bewusstsein ist da, und zwar schärfer und lebendiger, als je zuvor, denn durch Sprache wird mein Bewusstsein abgestumpft. Sprache wiederholt sich zwangsläufig, aber die Existenz wiederholt sich nie. Deshalb erzeugt Sprache Langeweile. Je wichtiger mir Sprache ist, je mehr mein Geist sprachlich orientiert ist, desto mehr bin ich gelangweilt. Sprache ist Wiederholung. Die Existenz ist immer neu. Schaue ich eine Rose an, ist es nie eine Wiederholung. Eine Rose ist neu, ganz und gar neu. Sie ist nie zuvor gewesen und wird nie wieder sein. Sie ist für mich selbst zum ersten und zum letzten Mal da.

Wenn ich aber sage: „Das ist eine Rose“, ist das Wort „Rose“ eine Wiederholung. Es ist schon lange da und wird immer da sein. Ich habe das Neue mit einem alten Wort getötet. Die Existenz ist immer jung, und Sprache ist immer alt. Durch Sprache vermeide ich mein Leben, denn Sprache ist tot. Je mehr ich in Sprache verstrickt bin, desto mehr werde ich davon abgetötet. Ein Gelehrter ist vollkommen tot, weil er zu Sprache geworden ist. Er besteht nur aus Worten und nichts anderem. Sartre hat seiner Autobiographie den Titel „Die Wörter“ gegeben.

Bewusst in meinem meditativen Lebensprozess zu sein heißt Leben, totales Leben, und total leben kann ich nur dann, wenn ich still bin. Mit „Stillsein“ meine ich nicht „unbewusst sein“. Ich kann still und unbewusst sein, aber das wäre keine lebendige Stille, sondern Friedhofsstille. Und dann habe ich selbst wieder mein Ziel verfehlt.

Was kann ich also tun? Besonders wichtig ist, dass ich mich selbst beobachte und nicht versuche, meine Gedanken zu stoppen. Es ist nicht nötig, etwas dagegen zu unternehmen. Wer soll das überhaupt tun? Es wäre nur mein Kopf, der gegen sich selbst ankämpft. Ich würde meinen Kopf zweiteilen: in den, der versucht das Kommando zu übernehmen und den Chef zu spielen, und den anderen Teil, den er umzubringen versucht. Es ist absurd, ein idiotisches Spiel. Es kann mich verrückt machen. Ich versuche nicht, meine Seele oder Gedanken zu stoppen – ich selbst schaue einfach zu, lasse alles zu. Ich lasse meinem Geist total freien Lauf. Ich lasse ihn so schnell laufen, wie er will. Selbst versuche ich in keiner Weise, ihn zu kontrollieren. Selbst bin ich einfach nur Zeuge.

Das macht Spaß! Ich selbst beginne heute mein eigener Zeuge zu sein.

Mein menschlicher Verstand, mein „Kopf“ ist einer der wunderbarsten Mechanismen. Wissenschaftler waren bis jetzt noch nicht in der Lage, etwas Gleichwertiges zu schaffen. Mein Verstand ist und bleibt ein Meisterstück – so kompliziert und komplex, so ungeheuer kraftvoll, mit so vielen Möglichkeiten. Ich schaue einfach zu und genieße.

Und ich selbst betrachte meinen Verstand nicht als du, denn wenn ich ihn als du sehe, kann ich selbst nicht zuschauen. Dann bin ich selbst bereits voreingenommen, ich bin schon dagegen. Ich habe schon beschlossen, dass mit meinem Kopf etwas nicht stimmt, ich habe mich schon entschieden. Und immer wenn ich jemanden als mein du betrachte, kann ich mich nicht auf ihn einlassen. Genauso kann ich mich nicht auf etwas einlassen, dass ich vorher schon negativ bewertet habe. Ich schaue meinem du nicht in die Augen, ich meide ihn.

Meinem Verstand zuzuschauen, heißt, ihn mit großer Liebe, mit tiefem Respekt und mit Ehrfurcht zu betrachten. Er ist ein Geschenk der Schöpfung, des Ursprungs an mich selbst. Nichts an meinem Geist ist an sich verkehrt. Es ist für mich nicht falsch, zu denken. Es ist ein wunderbarer Vorgang, wie es auch andere Vorgänge sind. Wolken, die am Himmel entlang ziehen, sind schön. Warum nicht meine Gedanken, die an meinem inneren Himmel entlang ziehen? Knospen, die am Baum aufblühen, sind schön. Warum nicht meine Gedanken, die aus dem Sein entspringen? Der Fluss, der zum Meer fließt, ist schön. Warum nicht der Strom meiner Gedanken, der mit unbekanntem Ziel irgendwohin fließt? Ist er nicht wunderschön?

Ich schaue mit tiefer Ehrfurcht zu. Ich bin nicht mehr wie ein Kämpfer, sondern wie ein Liebhaber. Ich schaue mir die feinen Nuancen meines Geistes an, die plötzlichen Drehungen, die schönen Wendungen, wie er plötzlich springt und hüpft, die Spiele, die er spielt, die Träume, die er webt, die Fantasie, die Erinnerungen, wie er tausend und abertausend Male Vorstellungen erzeugt. Ich schaue zu. Während ich meinem Geist aus der Ferne zuschaue, ohne mich einzumischen, werde ich selbst nach und nach ein Gefühl dafür bekommen.

Und in dem Maße, wie sich meine Achtsamkeit vertieft, meine Bewusstheit tiefer wird, tauchen allmählich Lücken auf, Zwischenräume. Ein Gedanke geht, und der nächste ist noch nicht da. Es entsteht eine Lücke. Eine Wolke ist vorbeigezogen, die nächste kommt gleich — da ist eine Lücke.

In diesen Lücken kommt mir selbst eine erste Ahnung von meinem Prozess des „Kein-Geist“, des Nicht-Denkens. Ich selbst kann es auch einen Vorgeschmack von Zen und Tao und Yoga nennen. In diesen winzigen Pausen ist plötzlich der Himmel klar, und es scheint die Sonne. Meine Welt ist plötzlich voller Magie, denn alle Begrenzungen sind fort. Uber meinen Augen ist kein Schleier mehr. Mein Blick ist klar und durchdringt alles. Die ganze Existenz wird durchsichtig.

Am Anfang, in der Gewöhnungsphase sind diese Momente noch selten. Sie kommen nur ab und zu. Doch sie vermitteln mir selbst eine Ahnung davon, was Samadhiist – ein Teich der Stille. Diese kleinen Teiche kommen und verschwinden wieder. Doch nun weiß ich, dass ich auf der richtigen Spur bin. Und ich schaue weiter zu.

Wenn ein Gedanke kommt, schaue ich zu. Wenn eine Lücke kommt, schaue ich zu. Wolken sind schön, Sonnenschein ist ebenfalls schön. Nun bin ich nicht mehr wählerisch. Nun bin ich nicht mehr auf etwas fixiert. Ich sage nicht: „Ich möchte lieber nur Pausen.“ Damit würde ich mich blockieren, denn sobald ich mich darauf versteife, nur Pausen zu wollen, habe ich mich wieder gegen mein Denken entschieden. Und dann verschwinden die Pausen wieder. Sie kommen nur, wenn ich Distanz halte und mich nicht einmische oder gegen ankämpfe. Sie kommen — ich kann sie nicht machen. Sie geschehen von selbst, ich kann sie nicht zwingen zu kommen. Sie sind spontane Erscheinungen.

Ich schaue weiter zu. Ich lasse Gedanken kommen und gehen — wo immer sie hingehen wollen. Nichts ist verkehrt. Ich versuche nicht, sie zu manipulieren oder zu dirigieren. Ich lasse die Gedanken in völliger Freiheit ziehen. Und dann werden immer größere Pausen kommen. Ich werde erleben, welch ein Segen ein kleines „Satori“ ist — ein „Mini-Satori“: Minuten werden für mich ver- streichen, und kein Gedanke kommt. Es ist kein Verkehr da — totale Stille, ungestört.

Wenn die größeren Pausen kommen, werde ich nicht nur meine äußere Welt klar sehen, sondern mit größeren Zwischenräumen entsteht eine neue Klarheit: Ich werde in der Lage sein, meine innere Welt klar zu erkennen.

In den ersten Pausen sehe ich hinaus in meine Welt – die Bäume werden plötzlich grüner als sie jetzt aussehen. Ich werde um mich herum eine unendliche Musik vernehmen – Sphärenmusik. Ich bin plötzlich in Gegenwart des Ursprungs und Gottes: Ich bin von etwas Unsagbarem, Geheimnisvollen berührt, obwohl ich es nicht greifen kann. Es ist in meiner Reichweite und doch jenseits davon.

In den größeren Zwischenräumen geschieht dasselbe innerlich. Ursprung, Gott und Schöpfung sind nicht nur außen. Plötzlich stelle ich überrascht fest: Ursprung, Gott und Schöpfung sind auch in mir selbst. Sie sind nicht nur in dem, was ich sehe; sie sind auch in mir selbst, dem, der sieht — innen und außen. Doch selbst halte ich mich auch daran nicht fest.

Sobald ich selbst an etwas festhalte, bekommt mein Kopf neue Nahrung und kann weitermachen. Durch Zuschauen ohne Festhalten hört er von selbst auf, ohne dass ich mich bemühe, ihn zum Aufhören zu bringen. Und wenn ich anfange, Momente der Seligkeit einfach zu genießen, werde ich meine Fähigkeit entwickeln, meine Seligkeit für immer längere Zeiträume zu halten. Mit einiger Erfahrung werde ich schließlich selbst zu einem Meister darin. Nach einiger Zeit bin ich schließlich selbst Meister. Dann denke ich nur dann, wenn ich selbst denken will. Wenn Gedanken benötigt werden, nutze ich selbst meinen Kopf, meinen Verstand; wenn keine Gedanken benötigt werden, lasse ich ihn ausruhen. Es ist nicht so, dass mein Verstand plötzlich nicht mehr vorhanden ist. Er ist da, aber ich kann ihn benutzen oder auch nicht. Nun ist es meine Entscheidung. Es ist wie mit meinen Beinen: Wenn ich laufen will, nutze ich sie; wenn ich nicht laufen will, lasse ich sie ruhen. Meine Beine sind einfach da. In gleicher Weise ist mein Kopf immer da.

„Kein-Geist“ ist für mich selbst nicht gegen den Kopf, sondern bedeutet, darüber zu stehen, Selbstbeobachter, mein eigener Zeuge zu sein. Der Prozess von „Kein-Geist“ heißt nicht, dass meine Denkfähigkeit getötet oder zerstört wird, sondern ich selbst trete in meinen meditativen Lebensprozess ein, wenn ich beginne meinen Kopf so total zu durchschauen, dass ich nicht mehr immer zu denken brauche. Ich selbst habe mich, mein „Ich“, losgelassen. Mein Denken ist durch Begreifen und Verstehen ersetzt worden. Ich selbst werde jetzt anfangen, mich selbst zu begreifen und zu verstehen.

Nun bin ich selbst wieder Oberhaupt im eigenen „Haus“.

Selbst bin ich ganz und gar Meisterin meiner selbst.

Selbst bin ich nun wieder in Einheit mit der ganzen Existenz.

Selbst heiße ich mich herzlich willkommen, wo ich selbst jetzt hineinwachse werde. Ich freue mich selbst, dass ich meine inneren Widerstände hinter mir gelassen habe, um mich für diesen, meinen Wandel zu öffnen und endlich vollkommen ich selbst zu werden.

 

INTEGR-ISMUS: Grundhaltung des Annehmens und Erkennens (Teil 2)

Schöpfende: Yannick Bennesch und Rebecca Wenk.

Lesezeit circa 6 Minuten.

Zur musikalischen Untermalung: Klicke im Stream auf „Play“ und dann nach deinem Empfinden auf eine individuelle Stelle. Es wird genau die richtige für dich sein…

 

Eine Einsicht und ein aktuelles Eingeständnis

In meinen seelischen, geistigen und körperlichen Untersuchungen erlangte ich eine Einsicht und erkannte in meiner letzten Zeit, dass ich viele Menschen an ihre inneren Abgründe geführt habe. Ich habe teilweise vorher geglaubt, Menschen müssten erst einmal diesen ihren Abgrund vor ihren inneren Augen sehen. Heute glaube ich, diese Ansicht ist falsch gewesen. Ich glaube heute, dass nur Menschen, die ihren Weg vollkommen allein gehen wollen, so wie ich es lange Jahre tat, ohne es bewusst zu wollen, ihrem inneren Abgrund direkt in die Augen schauen müssen, um von diesem Tiefpunkt aus den Aufstieg aus sich selbst heraus anzutreiben. Ich habe gedacht und denke teilweise immer noch, dass sich ein Mensch einmal vollständig selbst „Neustarten“ muss, um seinen inneren Antrieb wieder zu erwecken. Kurz gesagt: ich bin lange davon ausgegangen, dass jede und jeder ihr/sein eigenes, neues „mind set“ selbst zusammenstellen muss.

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Von dieser Ansicht möchte ich mich an dieser Stelle deutlich distanzieren. Sie ist heute (Frühling 2017) nicht mehr meine aktuelle Ansicht. Vielmehr erkenne ich jetzt, dass dieser Absolutismus in meiner Grundannahme nicht zutreffend ist. Es gibt gleichzeitig auch noch unendlich viele andere Wege, zu einem neuen Satz von Grundeinstellungen zu gelangen und nicht jede oder jeder muss „meinen Weg“ der totalen Stille und hermetischen Abriegelung gehen. Deshalb glaube ich heute, dass es möglich für einen sprachmächtigen Menschen ist, einen grundlegenden Satz an Grundeinstellungen zu bestimmen, die allerdings allen und jedem Menschen jede und alle Möglichkeiten zwischen 1 und unendlich offen lassen und sie oder ihn vor allem dazu befähigen, selbst ihre oder seine Grundeinstellungen zu wählen.

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Zwei erste grundlegende Sätze des Integr-ismus

1. Ich-Satz: „Integrismus“ bedeutet für ein Ich die grundlegende Geisteshaltung, in der es sich selbst und das eigene Leben bedingungslos in seiner unvollkommenen Vollkommenheit anerkennt und annimmt.

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„Ich bin mir selbst voll bewusst, dass ich immer unfertig bin und sein werde.

Ich nehme das frei von Bedingungen an.“

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2. WirSatz: „Integrismus“ bedeutet für ein Ich die grundlegende Geisteshaltung, ab jetzt immer auch Wir (mehrere gleichgesinnte Menschen in Gruppen zusammen-genommen) zu sein und mit dessen Mitgliedern gemeinsame grundlegende Geisteshaltungen zu pflegen. Zu dieser Geisteshaltung gehört auch, das gegenwärtige Ich um Wir als höheres Selbst zu ergänzen und die gemeinsamen, sich überschneidenden Lebensbereiche bedingungslos in ihrer unvollkommenen Vollkommenheit anzuerkennen und anzunehmen.

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„Ich bin mir selbst voll bewusst, dass Ich weiß, dass Ich immer auch Wir ist.

Ich nehme mich selbst auch als uns viele frei von Bedingungen an.“

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Anmerkungen zum ersten Satz

Bei einem gewöhnlichen Ich ist das Ersetzen der alten Grundeinstellung hin zu dieser eine fundamentale Wandlung des eigenen Seins, die am Anfang erschreckend oder angsteinflössend erscheinen und wirken kann. Das kann unter Anderem daran liegen, dass Menschen in den westlichen Kulturen zumeist eher in eine andere Richtung erzogen werden. Im vorherrschenden westlichen Erziehungsmodell wird behauptet, dass man versucht, dem heranwachsenden Ich und Menschen dabei zu helfen, möglichst viele „Fehler“ zu vermeiden und Probleme zu umgehen, damit dieses Ich es leichter hat als das jeweilige erziehende Ich es früher hatte.

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Mit „sich selbst“ bedingungslos in seiner unvollkommenen Vollkommenheit anerkennen und annehmen ist gemeint, dass Ich sich selbst auch anerkennen und annehmen kann, wenn Ich nicht vollkommen Vollkommen ist. Denn gerade dies unterscheidet im Wesentlichen die natürliche, aus dem Zentrum der inneren Welt entspringenden Perfektion des Ich selbst gegenüber der normalen, durch äußere Reize gelenkten und aus den Erinnerungen und Erfahrungen entspringenden Perfektionsvorstellung. Ich selbst ist in seinem natürlichen Wesen unbegrenzte, unendliche, freie und ewige Liebe.

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Diese natürliche Form von Liebe ist in vielen Fällen jedoch durch dicke Schichten von „schlecht“ bewerteten Erinnerungen und Erfahrungen umgeben und überlagert, sodass die Kraft der Liebe nur in verfälschter Form und Gestalt zum Ausdruck kommt.

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Das echte Ich selbst überdeckend, drängt sich der Verstand, der sprachlich beschreibbare Anteil des Ich selbst, häufig und ganz gewohnt in den Vordergrund. Durch die Wortsprachen und die Orientierung auf Wissen und Wahrheit in unserer Kultur, erscheint es den meisten Menschen, „normal“ zu sein, dass sie sich mit Hilfe der Wortsprachen definieren und sich auf diese Weise von einem unendlichen Möglichen, das sie ebenfalls sind, abgrenzen. Häufig ist dies früheren, hemmenden Erinnerungen und Erfahrungen geschuldet, die das natürlicherweise unendliche Selbstwertgefühl untergraben haben und später, als Persönlichkeit in einer abgespeckten Form ersetzt wurde.

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Anmerkungen zum zweiten Satz

Bei einem gewöhnlichen Ich ist dies eine zusätzliche Ergänzung zu der neuen, weiter gefassten Vorstellung, sich selbst und das eigene Leben in seiner unvollkommenen Vollkommenheit anzuerkennen und anzunehmen. Nun heißt es zusätzlich auch noch das eigene Bewusstsein dahingehend auszuweiten, dass Ich nicht nur ein einzelner, individueller Mensch ist und Ich sich durch dieses definiert, durch dieses aber nicht, sondern Ich sich selbst von jetzt an immer auch als Wir in seiner unvollkommenen Vollkommenheit anerkennt und annimmt.

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Wir ist unspezifisch. Dies ist es deshalb, damit darin alle möglichen Arten der Vereinigung eingefügt werden können. Vom wir beide über das Wir als Menschheit zum Wir als alle Lebewesen unserer Erde oder unserer gemeinsamen Welt.

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