Schlecht — SEIN/IST — Gut

Circa 6 Minuten Lesezeit

Glaubst du, dass wir in einer Welt, einem Universum leben? Glaubst du, dass es „die Welt“ gibt? Glaubst du, dass es eine von Menschen unabhängige Wirklichkeit gibt? Glaubst du, dass du ein winzig kleiner Mensch im Verhältnis zu einem riesengroßen Universum bist? Fühlst du dich ohnmächtig oder mächtig? Glaubst du, dass du die Welt nicht verändern kannst?

Wenn du all das glaubst, dann glaubst du bestimmt auch, dass es gute und schlechte Dinge, Vorgänge und Zusammenhänge gibt, richtig? Du glaubst bestimmt, dass Krieg etwas schlechtes ist, oder? Du glaubst bestimmt auch, dass ich glaube, dass diese Streifen hinter den Flugzeugen, von denen ich in letzter Zeit viel schreibe und spreche, etwas schlechtes sind, richtig?

Dann muss ich dich allerdings enttäuschen. Für mich sind sie nicht gut und nicht schlecht, denn ich bin mir bewusst, dass es auf die Grundannahme ankommt, von der ich ausgehe, damit sie gut oder schlecht erscheinen. Ich erzähle dir einfach mal, wie das ist.

Wenn ich davon ausgehe, dass ich gezielte Bevölkerungsdezimierung befürworte, dann sind diese Streifen, in denen dann hoffentlich schon diese gesundheitsschädlichen Metalle sind, nämlich etwas gutes. Denn sie sorgen dann dafür, dass die Menschheit von der Anzahl her weniger werden wird. Dann kann ich nämlich in meinem Wohlstand einfach weiterleben ohne zu verzichten.

Wenn ich davon ausgehe, dass ich gezielte Bevölkerungsdezimierung nicht befürworte, dann sind diese Streifen etwas schlechtes, sollten da bereits gezielt diese Metalle zugefügt worden sein, denn dann würden sie langfristig zu einer gezielten Bevölkerungsdezimierung führen. Das wiederum würde dann bedeuten, dass einige Menschen, die für das Zufügen verantwortlich sind, das Ziel verfolgen einen Teil der Menschheit durch Gesundheitsschäden auszurotten. Wenn ich dann jedoch einer von denen bin, der diese Dezimierung angeleiert hat, finde ich sie wieder gut.

Was für ein geiles Spiel oder? Alles nur eine Frage der Perspektive. Deshalb sage ich dir. Ich mache nur auf das aufmerksam, was ist. Ob das gut oder schlecht ist, entscheidest du für dich selbst. Für mich gilt: das ist. Und deshalb erfasse ich das, was ist. Und wenn wir belogen werden, dann ist mir egal, warum wir belogen werden. Es ist für mich aus meiner wissenschaftlichen Perspektive nur interessant, ob es gemacht wird. Und für mich hat es nach all meinen Recherchen den Anschein als wäre etwas geschehen. Entweder wurde den Treibstoffen in den letzten Jahrzehnten ein Additiv zugefügt, in dem diese Metall enthalten sind oder sie stammen als Abrieb aus den Triebwerken. Für mich ist aber vor allem interessant zu erfahren, warum die Streifen wirklich stehen bleiben und warum es so viele Menschen gibt, die glauben, dass wir ausgerottet werden sollen. Denn darauf läuft die Angst vieler Menschen ja scheinbar hinaus. Und dann interessiert mich noch, wie es sein kann, dass Menschen mit gesundem Geist, zumindest behaupten sie das von ihrem Geist, sich mit dieser Thematik einfach strikt nicht auseinandersetzen wollen und deshalb zu unglaublich krassen Methoden greifen, um Andersdenkende niederzubügeln. Und das mit vollkommen schlechten Argumenta-tionen, die in den meisten Fällen nicht einmal Argumente enthalten. Totschlag-argumente sind ein beliebtes Mittel der Flugzeugenstreifenleugner. Und das erschreckt mich dann doch manchmal ein wenig. Dass „man“ mit diesen Menschen kein Stück sachlich sprechen kann, obwohl sie immer wieder diejenigen sind, die dann nach Beweisen schreien, wenn „man“ ihnen etwas vor Augen führt, was sie selbst verdrängt haben oder verleugnen.

Mich langweilen diese Art von Menschen einfach. Sollen sie doch wenigstens mal selbst ein Buch lesen, bevor sie klugscheißern. Aber nein, sie käuen ein aufs andere Mal die Argumente aus der Leierkiste oder der Klatschpresse nach. Das ist zum Mäuse melken. Da frage ich mich, ob das die gleiche Art ist wie ich.

Wir wenig Ruhe müssen diese Menschen für sich selbst gehabt haben. Ihr Verstand scheint sie niemals in Frieden zu lassen. Denn wer auch nur einmal wirklich im Jetzt eingekehrt ist, wird umgehend erkennen, dass das alles nur seine eigene Abstraktion von etwas ist, dass unsprachlich, unwörtlich ist. Und dieses Etwas, das Leben, die lebendige Welt, in der sich jede und jeder einelne wiederfindet, ist unendlich. Ja, dieses Etwas ist ewig. Und es ist niemals gut und nicht schlecht. Das sind doch nur Worte. Die haben sich Menschen ausgedacht. In der allem zugrundeliegenden Wirklichkeit gibt es kein gut und schlecht. Da ist nur Sein. Und dieses Seins kann ich mir als Mensch bewusstwerden. Oder ich kann mich mit „Brot und Spielen“ bis ans Ende meines kleinmenschlichen Lebens ablenken. Wie arm-selig und genau für solche Menschen ist dieses Wort. Arm-selig. Du bist arm-selig, wenn du nicht kapierst, dass der Sinn des Lebens Bewusstwerden ist. Du bist arm-selig, denn du bist auf deinen Verstand reduziert. Du glaubst, dass du deine Gedanken bist, dein Körper und das dein Geist in deinem Kopf entspringt und an ihn gebunden ist. Was für ein Quatsch. Wach auf. Wir sind erwachende Götter und Göttinnen. Jede und jeder einzelne. Und auch die Luft, die Abgase der Flugzeuge sind Gott. Auch das Meer und die Pflanzen und die Tiere sind Gott. Und was du als schlecht bewertest sind deine inneren Projektionen. Das sind deine Baustellen, an denen du wachsen kannst. Über dich selbst hinauswachsen kannst.

Peace. Tue es!

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Beobachtung und bewusstes Beobachten

Schöpfende: Yannick Bennesch und Rebecca Wenk.

Lesezeit circa 5 Minuten.

In diesem Artikel wird die menschliche Fähigkeit zu Beobachten und bewusst zu Beobachten sowie die Beobachtung als Ergebnis des Beobachtens beschrieben, damit du eine Möglichkeit bekommst, sie als Erklärung annehmen und daraufhin für dich selbst nutzen zu können. Unser gemeinsames Ziel in diesem Kapitel ist es, einen Begriff und ein tiefverwurzeltes Verständnis von und über das Beobachten als menschliche Fähigkeit, das bewusste Beobachten als Beobachten 2.0 und die Beobachtung als Ergebnis beider Arten des Beobachtens zu erlangen. Als Schreibender verfolge ich zudem das Ziel, meine Beschreibungen dieser drei Worte und ihrer Bedeutungen so ausführlich wie nötig und gleichzeitig so kurz wie möglich darzulegen. Ein Ziel der Leserin oder des Lesers kann das Interesse an neuen Mitteln und Werkzeugen zur Gestaltung deiner selbst und deiner Wirklichkeit sein.

Einfach zu beobachten bedeutet mit Hilfe der äusseren Sinnesorgane, insbesondere der Augen, Dinge, Vorgänge oder Zusammenhänge in der äusseren Welt aufmerksam wahrzunehmen, ohne die eigene Aufmerksamkeit vorher bewusst auf etwas Bestimmtes gerichtet zu haben. Es handelt sich hierbei demnach um nicht-bewusstes Beobachten und bezieht sich auf die eigene äussere Welt oder Bestandteile von ihr.

Bewusstes Beobachten hingegen kann in zwei Richtungen stattfinden: nach Aussen und nach Innen. Das bewusste äussere und innere Beobachten unterscheidet sich von dem des Unbewussten durch die vorherige Ausrichtung der eigenen Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Ding, einen bestimmten Vorgang oder einen bestimmten Zusammenhang, zu einem vorher bekannten Zweck und einem festgelegten Ziel.

Beobachtungen sind das Ergebnis des Beobachtens in all seinen Formen. Aus Beobachtungen kann Ich selbst und können andere Erkenntnisse gewinnen und Schlüsse ziehen. Diese Schlüsse können weiterverwendet werden, um das eigene innere Wachstum im Umgang mit der eigenen Welt (Aussen und Innen) zu fördern.

Selbst-Beobachtung ist das Ergebnis eines Ichs, welches sich zuvor selbst beobachtet hat. Wenn Ich zuvor die Aufmerksamkeit unbewusst oder bewusst auf das eigene Empfinden, Fühlen, Denken, Handeln und daraus entstehende Folgen gerichtet hat, können als Ergebnis Selbst-Beobachtungen entstehen, aus denen Erkenntnisse gewonnen und Schlüsse gezogen werden können, die das innere Wachstum, losgelöst von Raum, Zeit und Materie, auf eine besondere Weise beflügeln.

Mit den Gedanken, die ein Ich denkt oder mit den Worten, die ein Ich hört, werden Gefühle in dem Ich ausgelöst, die Ich fühlen kann. Durch häufigen Mangel an Ruhe- und Stille-Phasen kann Ich sich selbst nicht oder nur selten wahrnehmen. Wenn Ich seine innere Welt besser kennengelernt hat und sie frei von Bedingungen annimmt, wird Ich nach und nach die Fähigkeit fertigen, all seine Gedanken und Gefühle mit Hilfe des Frage-Wortes „Warum?“ hinterfragen und zu ihren Ursprüngen zurückzuverfolgen. Und mit Hinterfragen ist hier nicht automatisch Infrage stellen gemeint. Das könnte ein zweiter Schritt eines Ichs danach sein. Zuerst aber zurück zu dem ersten Schritt: Hinterfragen. Am Anfang ist es wahrscheinlich, dass es in dir erstmal nur so vor lauter Gedanken und Gefühle schwirrt und Selbstbeobachtung geistig und körperlich anstrengend für dich ist. Auch das ist normal, wenn du dich bisher noch nie in diese deine innere Welt begeben hast. Deshalb fange ganz in deinem Tempo an. Setze dich nicht unter Druck. Jeder innere Druck wirkt hemmend auf dein inneres Wachstum. Warum habe ich mir Notizen gemacht? Ich liebe Schreiben. Ich liebe meine Sprache. Zu Beginn (das war im Frühling 2013) war ich mir überhaupt nicht bewusst darüber, warum ich anfing die Beschreibungen meiner selbst aufzuschreiben. Ich hatte ein großes Skizzenbuch von meiner Mutter geschenkt bekommen als es mir schlecht ging. Also habe ich angefangen meine Gefühle in Worten greifbar zu machen und meine Gedanken aufzuschreiben. Ich habe so mit meinen Notizen zahlreiche meiner eigenen Wachstumsprozesse und der meiner Freundinnen und Freunde dokumentiert und auf diese Weise über Jahre hinweg inneres Wachstum aus der Innenperspektive bei mir selbst und aus der Außenperspektive bei meinen Mitmenschen beobachten können. Ab einer für jede und jeden selbst fühlbaren Stufe der Beobachtungsfähigkeit können wir alle auch aktiv selbst gestalten.

annehmen ist akzeptieren

schöpfer: yannick bennesch

lesezeit circa 35 minuten.

ich hatte fünfzehn harte jahre durchlebt, als ich mich dieses jahr mir zuwandte. durch bewusste auseinandersetzung mit mir, begann ich mich zu akzeptieren (anzunehmen) und reflektierte von diesem punkt an immer bewusster meine gefühle und gedanken, handlungen und handlungsmuster. das führte im märz 2013 zu einer fast schlagartigen veränderung in meiner wahrnehmung. es wirkte auf mich und in mir, wie ein über viele jahre vorbereiteter großer schritt in der entwicklung meines bewusst-seins.

ich bin und werde seitdem täglich bewusster.

als ich durch den film „collapse“ von dem modell der „fünf phasen des sterbens“ erfuhr, erkannte ich darin die möglichkeit, diese fünf phasen auf das sterben von charakterzügen zu übertragen. nachdem ich diesen film gesehen hatte, wurde mir dieser möglichkeit bewusst und um mir das erst einmal zu ver-deutlichen, fing ich an meine jugend zu reflektieren.

in diesem essay beschreibe ich anhand meines bisherigen lebens, wie ich diese fünf phasen wiedererkannte, wie ich diese im nachhinein reflektierte und daraufhin begann mich anzunehmen (akzeptieren).

akzeptieren bedeutet begreifen und verstehen. wenn ich akzeptiere, begreife und verstehe ich etwas oder je-man-den. Wenn ich nicht akzeptiere, begreife und verstehe ich etwas oder jemanden nicht.

in zahlreichen gesprächen mit menschen in meiner umwelt überprüfte ich seither diese feststellung und kam dabei zu dem ergebnis, dass ich kein einzelfall bin, auf den sich dieses modell übertragen und zur entwicklung und zum loslassen nutzen lässt.

[begründung: ich schreibe alles klein, weil ich durch die großschreibung bestimmter worte, diesen worten größere wertigkeiten beimesse. diese wertung will ich nicht vornehmen. auch an satzanfängen schreibe ich klein, da ich den anfängen von sätzen ebenfalls keine besondere bedeutung zuschreiben will. ich will damit verdeutlichen, dass satzanfänge gleich-bedeutend mit satzmitten und -enden sind.]

ich entwickelte die fünf phasen des akzeptierens in anlehnung an die fünf stufen des sterbens („the five stages of grief“). erschaffen hat sie elisabeth kübler-ross, die als begründerin der sterbeforschung gilt. sie setzte sich zeit ihres lebens mit dem tod und dem umgang mit sterbenden, sowie mit trauer und trauerarbeit auseinander. dafür entwickelte sie das modell der fünf phasen des sterbens, um den sterbenden und den trauernden bewusst machen zu können, wie es sich mit dem tod leichter umgehen lässt.

die erste phase ist die des leugnens (denial). in dieser phase wollen menschen das sterben nicht wahrhaben. die zweite ist die phase des zorns (anger). menschen fragen sich, weshalb gerade sie oder eine bestimmte andere person stirbt oder sterben wird und sind deshalb wütend und zornig. verhandeln (bargaining) stellt die dritte phase dar. in dieser phase verhandeln menschen mit sich selbst, zwischen kann ich das sterben akzeptieren und kann ich das sterben nicht akzeptieren. die vierte phase ist die phase der depression (depression). in dieser phase trauern menschen und sind deprimiert. akzeptieren (acceptance) ist die fünte phase. in dieser phase können menschen akzeptieren, dass sterben sterben ist. das sind die fünf phasen. sie haben keine abgrenzungen voneinander, sondern „verschwimmen“ von mensch zu mensch unterschiedlich ineinander.

wir menschen können diese phasen bei uns selbst erkennen, in dem wir unsere handlungen in der vergangenheit und in der gegenwart bewusst reflektieren und hinter-fragen. daraus entsteht die möglichkeit, punkte in der entwicklung zu erkennen, an denen menschen sich befinden. ich behaupte, menschen können bewusst die eigene perspektive verlassen und sich in jede andere mit uns kommunizierende perspektive hinein-fühlen und mitgefühl entwickeln. mitgefühl ist wichtig, um akzeptieren zu können, weshalb menschen handeln, wie sie handeln.

auch ohne menschen näher zu kennen, lässt sich anhand der sprache, von aussen erkennen, wie es menschen geht und welche gefühle menschen stark ausgeprägt in sich tragen. dabei stelle ich immer wieder fest, dass viele menschen nicht bewusst daran arbeiten, ihr bewusstsein zu entwickeln. zeitmangel führt zu mangel an bewusstsein für bewusstes sein. wir wissen das ein großer teil unserer gedanken und handlungen unbewusst abläuft. wir können uns das bewusst machen und es verstehen, dann können wir es verändern.

sprache ist nicht nur das was aus unserem mund kommt. sprache ist mehr, viel mehr. jede handlung ist sprache. einzeln und im ganzen. anhand der handlungen lassen sich handlungsmuster erkennen, die sich wiederum gefühlen zuordnen lassen. in allem was wir menschen tun, steckt unsere eigene wertung. alles was wir menschen tun ist subjektiv. sensibilität und mitgefühl ermöglichen es, den subjektiven teil der sprache bewusst wahrnehmen, bewerten und einordnen zu können.

Im folgenden zeige ich anhand vergangener, ausgewählter ereignisse, die fünf phasen auf.

bis vor ein paar jahren konnte ich nicht mit meiner sensibilität umgehen. ich habe mit elf das erste mal gekifft. von da an habe ich bis in mein neunzehntes lebensjahr fast täglich gekifft. dadurch war ich betäubt, sodass es dieser auseinandersetzung nicht erforderte. zu dieser zeit waren widersprüche in abhängig-keit zu meinen eltern vorhanden und mir fehlte das wissen, um sie auf diese widersprüche aufmerksam zu machen.

zu dieser zeit war wladimir einer meiner wenigen weggefährten. mit ihm verbrachte ich damals verdammt viel zeit. gemeinsam fingen wir an im internet zu recherchieren und eine reportage nach der anderen zu schauen. wir waren ständig auf der suche nach antworten auf unsere unendlich vielen fragen. wir suchten eine alternative zu den nachrichten, die uns die massenmedien zu liefern versuchten. Wir stellten immer mehr fest, dass es auch andere nachrichten und sichtweisen gibt, von denen wir in den massenmedien kaum etwas erfahren.

immer wieder fragten wir uns, was wir glauben sollten und wem wir vertrauen könnten. mit diesen recherchen endete etwas später die phase des leugnens, in der ich versuchte „meine augen vor dem was ist zu verschließen“. Ich nahm schon länger etwas wahr. zu der zeit war ich noch nicht in der lage es in worte zu fassen, um es auszusprechen.

mittlerweile bin ich mir sicher, dass dieses gefühl dafür stand, dass hier irgendetwas schief lief.

Im nachhinein betrachtet, begann ich an dieser stelle zu verstehen, dass mein bewusstsein nicht mit meinen handlungen im einklang stand. zwischen bewusstsein und handlungen waren riesige nicht akzeptierte widersprüche zu erkennen.

zu der zeit begannen die phasen des zorns, des verhandelns und der depression. meine stark ausgeprägte sensibilität führte dazu, dass sich zorn und depression „nebeneinander“ aus-prägten.

damals spielten ganz andere dinge eine rolle in meinem leben. fragen wie diese: wieviel geld kann ich aus einem kilo machen? habe ich genug tüten? wie oft haben meine handys schon geklingelt? steht schon wieder ein fremdes auto mit mensch vor der haustür meines elternhauses? was kann ich mit dem profit tun? woher kriege ich andere drogen? wo ist die party? welches mädchen nehme ich mit nachhause? oder gehe ich lieber mit zu ihr? welche djs sind in der stadt? gehe ich zur schule? bleibe ich liegen? ziehe ich eine „line“ und fahre los? auch noch eine mische durch die bong?

in dieser zeit spiegelt sich zorn und depression gleichermaßen wider. aus zorn fing ich an mich zu zerstören in dem ich immer mehr drogen konsumierte. ich ging risiken ein. immer mehr risiken. aus risiken wurden gefahren. aus zorn auf alles begann ich das risiko in kauf zu nehmen, auch anderen menschen zu schaden.

die depressionen hielt ich so gut ich konnte unter kontrolle, in dem ich viel rauchte und dann zu härteren drogen griff. betäubt wollte ich sein. darum ging es zu dieser zeit. ich wollte nichts spüren und nichts denken.

diese phasen haben ihre jahre gebraucht. Im sommer 2006 flog ich nach rio de janeiro, kalter entzug, das hatte ich mir vorgenommen. von allem runterkommen binnen einiger wochen. dazu noch ein so weit entferntes land sehen. das war meine chance. es funktionierte. ich kam wieder und nahm keine drogen mehr.

am 11.11.2006 jedoch, zwei monate nach dem ich meinen führerschein bestanden hatte, kam ich mit dem auto meiner eltern in einer engen kurve von der straße ab und krachte mit der fahrerseite gegen einen baum. dabei brach ich mir das linke becken doppelt, die linke schulter doppelt und zertrümmerte mir den ersten halswirbel. danach lag ich auf der intensiv-station und die ärzte sagten, es sei ein sehr ungewöhnlicher bruch, sie hätten bisher keine bilder von einem lebenden mit einem solchen bruch gesehen und ich hätte wohl so einige schutzengel gehabt, dass ich überhaupt noch lebe. später stellte sich heraus, dass am unfall-ort zwei krankenwagen waren, der eine kam aus geesthacht und der andere aus bergedorf. Einer war also aus schleswig-holstein und einer aus hamburg. von meinem beifahrer erfuhr ich, dass die krankenwagenbesatzung aus schleswig-holstein mich nach geesthacht ins dorfkrankenhaus bringen wollte. die kranken-wagenbesatzung des hamburger kranken-wagens wollte mich ins unfallkrankenhaus boberg fahren.

die ärzte in boberg sagten mir auch noch, dass es tödlich für mich gewesen wäre, wenn sie mich nach geesthacht gebracht hätten, weil sie dort das gerät um meinen bruch festzustellen, nicht gehabt hätten.

nun war ich erst an das bett und dann irgendwann an den rollstuhl gefesselt. ich musste in der schule ein jahr wiederholen. alles brach wieder in sich zusammen. kein auto fahren, nachdem ich mich solange darauf gefreut hatte. keine bewegung vorüber-gehend, ohne gewissheit, ob es überhaupt wieder wird. ein jahr länger bis zum schul-abschluss.

im krankenhaus dachte ich erstmals mit klarem kopf darüber nach, warum mein leben bis zu diesem zeitpunkt so war wie es war und warum es ist wie es ist, was der sinn meines lebens ist, warum ich überlebte, warum ich drogen nahm, warum ich es derart exzessiv machte und warum sich ausser meinem engsten kreis, keiner von den menschen blicken ließ, von denen ich damals dachte es wären freunde.

der unfall und die zeit danach warfen mich wieder vollkommen zurück in die depression. doch sie hatte neue ausmaße angenommen. da ich ständig kopfschmerzen hatte, fing ich wieder an zu kiffen bis ich wieder beim täglichen konsum angekommen war. dann ging alles ganz schnell.

ich geriet an einen menschen von dem ich tausende pillen kaufen konnte, für unglaublich wenig geld pro stück. ich brauchte beschäftigung. also fing ich an diese pillen in größeren mengen zu kaufen und zu verkaufen und so landete ich auch wieder in meinem alten „freundeskreis“.

der weg bis zum konsum war damit auch nicht mehr weit und steigerte sich schnell wieder auf fünf, sechs tage pro woche auf drogen. kiffen ist kiffen. ich schließe kiffen nicht in das drogen nehmen ein. kiffen war zu dieser zeit längst wieder alltäglich. ich war immer mit dem auto unterwegs. mir war alles egal. das lebens-motto zu dieser zeit: „mehr geht immer. wenn’s auf der einen seite wieder rausrieselt, einfach andere seite nehmen…“.

im nachhinein nenne ich das zerstörung. selbstzerstörung und zerstörung anderer. zu dieser zeit war mir alles egal. ich wusste nicht, ob die schmerzen wieder aufhören würden und ob ich meinen hals wieder vollständig bewegen können würde.

damals traten zorn und depressionen wieder in erscheinung. noch einmal waren sie heftiger als zuvor. bis mitte des jahres 2008 dehnten sich diese schübe des zorns und der depressionen aus. im herbst endete die phase des zorns mit einem knall.

ehemalige freunde brachen bei meinen eltern ein als sie im urlaub waren. ich feierte in der nacht auf einer open-air im freihafen. sie räumten das haus aus. fernseher, computer, laptops, schmuck und weiteres. ich kam morgens auf einem pilztrip nachhause und stellte entsetzt fest, dass die haustür offen stand. Ich fragte mich selbst, ob ich die tür zu schließen vergessen hatte, doch schon hinter der haustür begannen fußabdrücke. auch alle meine drogen waren weg. so verschwand in dieser nacht auch mein kapital.

an diesem punkt in meinem leben kam nur noch eine option in frage. raus, raus aus dieser szene. raus aus diesen kreisen. die gedanken, die ich in der darauffolgenden woche hatte, sie ließen mich das gefühl haben nicht mehr runter zu kommen von dem pilztrip. fünf tage ohne schlaf später, ohne eine weitere droge zu konsumieren, entschied ich mich mir einen flug nach london zu buchen und zu meiner exfreundin zu fliegen. ich wollte nur noch raus, raus aus dieser wirklichkeit.

es war eine gute entscheidung, denn als ich wieder zurück in deutschland war, konnte ich normal schlafen. zu dieser zeit entschied ich mich das erste mal bewusst für eine veränderung. ich begann mein leben zu ordnen. das erste mal begann ich etwas bewusst zu akzeptieren. ich akzeptierte, dass ich mein leben verändern wollen muss, damit es sich verändert. das war meine erste bewusste auseinandersetzung mit dem gefühl der akzeptanz.

die darauffolgenden jahre plätscherten so dahin. ich baute etwas neues auf. ich machte wahr, was ich mir vorgenommen hatte und blieb dieser szene fern. in diesem sommer schaffte ich, trotz aller fehlstunden, mein abitur. im herbst flog ich nach australien, wo ich den entschluss fasste einen weiteren gedanken in die tat umzusetzen. ich flog wenige wochen später wieder zurück und setzte mich intensiv mit existenzgründungen auseinander. ich erarbeitete ein geschäftsplan und gründete nordic cross entertainment in einem leicht verschachtelten firmenkonstrukt, um steuern zu sparen. Dabei stellte ich fest, dass ich verstanden hatte, was mir auf dem wirtschaftsgymnasium beigebracht wurde.

im sommer gab es immer das sommerloch, da unsere kunden während der sommerferienzeit kaum veranstaltungen machten. das ermög-lichte mir, viel zu lesen, zu recherchieren, mich zu informieren, um nach und nach noch mehr zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen.

zwei jahre in der veranstaltungsbranche haben mir vieles gezeigt. wie es in unserem wirtschaftssystem abläuft. wie die menschen sich gegenseitig ausbeuten. wie menschen andere tiere ausbeuten. wie menschen pflanzen ausbeuten. wie menschen die fossilen und mineralischen ressourcen ausbeuten. In diesen zwei jahren wurde mir durch eigene erfahrungen bewusst, was ich aus bwl noch nicht verstanden hatte. die oberste handlungs-maxime ist profitmaximierung. Die meisten streben bewusst oder unbewusst das gleiche ziel an.

knapp zwei jahre nach der gründung bot sich mir die chance, die selbstständigkeit an den nagel zu hängen und das zu tun, was ich wirklich wollte. die welt verändern.

ich informierte mich über studiengänge und erfuhr von umweltwissenschaften. in lüneburg ging ich zum test. besonders gefiel mir in lüneburg die ausrichtung auf humanwissen-schaften, da ich mich schon immer für menschen interessierte. schon viele jahre fragte ich mich, weshalb wir menschen derart mit uns selbst und unserer umwelt, unserer lebensgrundlage umgehen.

in lüneburg bot sich mir die chance mich innerhalb meines studiums mit dieser für mich spannenden frage auseinanderzusetzen. so begann ich mein studium in lüneburg. in den ersten drei semestern gab es unglaublich viel faktenwissen.

und zu diesem zeitpunkt, vier semester später, saß ich an einem schreibtisch und schrieb diesen text.

für das vierte semester nahm ich mir vor, mehr zu tun als für die semester zuvor. der anfang des semesters unterschied sich nicht großartig von den vorigen semestern. alles war wie sonst auch. bis zur ersten ethikvorlesung.

nach der ersten ethikvorlesung begann der wandel, so fühlte es sich an. es ging in der vorlesung um wertungen. der dozent erklärte, dass wir bewusst darauf acht geben könnten, wann wertungen vorgenommen werden, egal ob von uns selbst oder von anderen. er erzählte uns, dass wir selbst entscheiden könnten diese wertenden worte auch als diese wahrzunehmen. auch sagte er uns, dass diese wertungen unseren aussagen häufig jegliche objektivität nehmen, weil nur noch meinungen und gefühle übrig bleiben.

all das tat er mit dieser autorität, die er durch seine position erhält und verursachte damit bei den studierenden unbehagen. studierende fühlten sich angegriffen oder auf den schlips getreten.

nach der vorlesung im gang, der dozent war zügig verschwunden, standen andere stu-dierende und sprachen über die vorlesung. ich hörte einen spruch, der mir bis heute im gedächtnis blieb: „man ist das ein arschloch!“.

daraufhin begann ich die wirklichkeit, in der ich bisher lebte, immer weniger zu verstehen. es war der perfekte widerspruch. und das ohne auch nur ein einziges hinterfragen dieser aussage. ich war nicht der einzige der drum herum stand. keiner sagte etwas dazu und ich dachte: „das kann doch nicht sein. der dozent hat uns eineinhalb stunden etwas über wertungen erzählt und was tun andere studierende? sie sprechen eine derart schwerwiegende wertung, wie arschloch, aus“. in diesem moment musste ich mich innerlich festhalten, um nicht von dieser gedankenlosigkeit mitgerissen zu werden.

an diesem tag begann eine entwicklung, in der entwicklung meines bewusstseins. die folgenden wochen waren unglaublich und wertvoll, deshalb beschrieb ich sie. an diesem abend verstand ich, was widersprüche sind und ich begann mich bewusst mit diesen auseinander zu setzen.

ich lebte im widerspruch, mein ganzes leben ein riesiger widerspruch. erste ansätze in die richtige richtung, jedoch nicht richtig umgesetzt. ich dachte über die widersprüche in meinem leben nach und mir kam ein spruch in den sinn, den mir meine mutter auf einer postkarte schenkte:

„Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal“.

irgendwie passte der spruch perfekt in diesen zusammenhang. die widersprüche sind überall. sie sind in meinen gedanken. sie sind in der menschengemachten oder -beeinflussten welt sichtbar und auch in gesprächen hörbar. wir leben seit jahrhunderten mit diesen widersprüchen. sie sind zur wirklichkeit vieler menschen geworden.

diese widersprüche in meinen gedanken sind in mir zu worten geworden. die worte wurden daraufhin zu handlungen. die handlungen wurden zu handlungsmustern und dann zu gewohnheiten, als ich diese handlungen öfter ausführte. und mit der zeit entwickelte sich aus den gewohnheiten mein charakter.

meine sensibilität zeigte mir immer deutlicher, weshalb ich vor langer zeit begonnen hatte, mich selbst zu hassen. unterbewusst war mir scheinbar klar, dass dieser charakter aus handlungen und handlungsmustern entstand, die nicht im einklang mit meinem bewusstsein waren. diese riesigen widersprüche sind wie tag und nacht, und die starke sensibilität ist die nacht. sie bedingen einander, doch der bewusste umgang mit beiden ermöglicht es die balance zu finden und zu halten.

an diesem abend schaute ich den film „collapse“, ein eineinhalbstündiges interview mit michael ruppert. am ende des films erläutert er das modell von elisabeth kübler-ross, die fünf phasen des sterbens . an diesem abend lernte ich das modell der fünf phasen kennen. elisabeth kübler-ross wandte das modell bei sterbenden und deren angehörigen an. ich wendete es nun bewusst auf mich selbst an. genauer. auf das sterben von charakterzügen. durch das bewusstsein, was ich an diesem abend für den prozess des akzeptierens zu entwickeln begann, erreichte ich die fünte phase. ich fing an zu verstehen und mich zu akzeptieren.

ich lag im bett und ließ den tag revue passieren. ich schlief ein.

am nächsten morgen hatte ich den entschluss gefasst, bis zum ende des semesters in der lage zu sein, mit dem ethikprofessor auf augenhöhe diskutieren zu können. ich sah in ihm nicht das arschloch von dem die anderen redeten. ich sah in ihm einen menschen der uns von seinen erkenntnissen erzählt. er will uns, genau wie alle anderen dozenten, das mit auf den weg geben, was er als gut bewertet hat.

der ethikprofessor hat seine eigene art, er mag nicht immer der umgänglichste sein, aber wen stört es? menschen sind menschen. alle haben ihre eigenarten. welchen nutzen hat es sich darüber gedanken zu machen?

nach der ersten vorlesung, in der er über wertungen und den bewussten umgang mit gedanken und allem daraus entstehenden sprach, sagte er etwas zu uns, dass ich so wahrnahm: es könnte sinnvoll sein, wenn ihr […die texte…] lesen würdet, damit wir nächste vorlesung darüber sprechen können.

bei anderen studierenden konnte ich feststellen, dass sie es so wahrgenommen hatten als sollten sie die texte lesen. Viele von ihnen machten dann daraus, sie müssten die texte lesen.

in den folgenden vorlesungen wurden wir immer weniger anwesende, wenige hatten die texte gelesen oder nahmen aktiv an der vorlesung teil. es schien so zu sein als nahmen es die meisten als eine zwangsveranstaltung wahr, die sie besuchen müssen, um ihren bachelor zu bekommen. im weiteren verlauf des semesters war vorerst alles so wie sonst. zumindest schien es so zu sein.

ich war motiviert und so las ich die texte, die der ethikprofessor uns an die hand gab. von plato, sokrates, aristoteles, kant, rawls, ott und weiteren. direkt nach dem lesen konnte ich nicht in eigenen worten wiedergeben, was ich gelesen hatte. es dauerte einige zeit, bis ich es verstand.

dann kam die attac aktionsakademie 2013 und wurde zum bisherigen höhepunkt dieses jahres. anfang mai, dienstag uni und mittwoch ging es los. dienstag abend gab es noch einmal drei stunden input in ethik. mit vollem kopf ging es nachhause, sachen packen und schlafen gehen. ich habe lange wach gelegen an diesem abend und folgte meinen gedanken bis ich einschlief.

am nächsten morgen startete ich in richtung hamburg-volksdorf und kam gegen frühen nachmittag dort an. ich konnte sogar noch den nachmittagsworkshop mitmachen. abends lernte ich madita und patrick kennen. mit beiden verstand ich mich auf anhieb sehr gut.

mit madita verbrachte ich den mittwoch abend und die halbe nacht mit wein und zigaretten auf der bank vor der tür. bis um vier redeten wir miteinander. über uns, über die menschen und über die welt. dabei stellten wir immer wieder gegenseitig fest, dass wir das aussprachen, was der andere auch gedacht hatte.

an diesem abend begannen nicht nur die gedanken sich zu strukturieren, ich entdeckte die fähigkeit, diese gedankengänge zusammenhängend aussprechen zu können. das war ein unglaublicher abend und es entwickelten sich unglaubliche gefühlsstürme in meinem bauch.

noch nie zuvor in meinem leben habe ich mich so leicht gefühlt wie an diesem abend. als ich um vier im bett lag konnte ich es noch nicht glauben, was passiert war. wie lange hatte ich mir das vorher gewünscht?

um halb acht ging es wieder hoch. ich bin aufgewacht und war erstaunt über das was mit mir geschah. auf einmal war vieles so viel klarer in meinem kopf. Ich konnte plötzlich viele zusammenhänge erkennen. ich hatte ein gefühl in meinem bauch als würde ich gerade auf einen lsd-trip kommen. kribbeln unter der haut, kribbeln im bauch. unglaubliche gefühle stiegen in mir auf. im kopf wuselten unzählige gedanken umher. es war wie ein sturm der über nacht ordnung in das chaos meines kopfes, und gleichzeitig meines lebens, brachte. ich freute mich regelrecht aufzustehen und den tag zu beginnen. und das nun auch ohne drogen.

ich nahm mein handtuch und ging kalt duschen. ich zog mich an und legte mich vor dem gebäude auf den boden, in den schein der aufgehenden sonne. ich fühlte mich gut. unfassbar gut.

seitdem wurde jeder tag zu einem abenteuer. in der uni verstehe ich seitdem regelmäßig die welt nicht mehr und nach der reflektion wieder neu. an jedem tag verändert sich sehr viel. ich versuche seitdem so viel wahr-zunehmen wie ich kann. tag für tag übe ich gezielt noch bewusster wahrzunehmen.

in der ethikvorlesung fielen die begriffe der hermeneutik und der mäieutik. die herme-neutik, die lehre des verstehens und die mäieutik, die kunst des fragen stellens. ich ging in die bibliothek und lieh mir ein buch zur hermeneutik aus. zur mäieutik fand ich nichts. mittlerweile weiß ich, dass ich nach der sokratischen methode hätte suchen können, um bücher zu finden.

ich las also das buch über hermeneutik und lernte das verstehen zu verstehen. im internet recherchierte ich zur mäieutik und las einige texte. einigermaßen bekannt war mir die methode bereits, da der ethik-professor sie in der vorlesung nutzte.

mein bewusstsein braucht zeit, um neue informationen zu verarbeiten. ich machte mir bewusst, worüber ich mir bewusst war und stellte es meinen handlungen gegenüber. ich stellte fest, dass ich zwar großes bewusstsein für sehr vieles habe, es jedoch kaum zusammenhänge zu meinen handlungen gab.

erkennen konnte ich fast nur widersprüche. ich zähle das auf, wo ich schon versuchte mein bewusstsein mit meinen handlungen in einklang zu bringen. meinen nahrungsmittel-konsum, fleischkonsum, kleidung, mobil-telefone und feiern gehen. ich stieß auf den begriff konsequenz und machte mir bewusst, welche bedeutung dieser hat.

so lernte ich, dass ich konsequent bin, wenn ich mir ein ziel setze und dieses ziel verfolge bis ich es erreiche. und ich lernte, dass ich reflektierte, dass ich in der vergangenheit sehr inkonsequent war und vieles nicht umgesetzt habe, was ich als gedanken oder worte im kopf hatte.

mit der kenntnis darüber ist es mir plötzlich wichtig, daran konsequent etwas zu ändern und bewusst konsequenzen zu ziehen, wenn diese notwendig sind. bei diesen gedanken kam ich auf meinen willen und begann über meinen willen nachzudenken.

was ist der wille überhaupt? jeder mensch hat ihn, aber wer kann ihn ohne ebenfalls zu definierende worte definieren? ich kann etwas von mir wollen, denn wenn ich etwas von etwas anderem will, dann kann es sich gezwungen fühlen und das steht der freiheit gegenüber. ich will alles können und ich kann alles von mir wollen. die begriffe zwänge und freiheit, das eine nimmt dem anderen die existenz. wenn zwänge herrschen, nimmt es der freiheit die freiheit. wenn alles frei ist, können zwänge nicht existieren. wenn ich mich leiten lasse von der wirklichkeit werde ich beherrscht. wenn ich frei bin, kann ich alles tun, was ich will, solange ich dabei nicht die freiheit von etwas anderem einschränke. wenn der zustand freiheit ist, dann ist das einzige was diesen einschränkt die freiheit, wenn sie soweit geht, dass die freiheit freiheit einschränkt.

noch häufiger wurde meine freiheit durch mein eigenes ego eingeschränkt. es verleitet mich dazu, auf gewohnte handlungsmuster zurückzugreifen, weil das ego sagt: du bist der beste, du machst alles richtig. ich reflektierte mein eigenes ego, ließ mich bewusst darauf ein und übte bewusster auf mein ego acht zu geben. nach einigen tagen bemerkte ich erste veränderungen und täglich werden es mehr.

in weiteren gedanken setzte ich mich mit meinem menschen- und weltbild auseinander.

mein menschenbild ist das bild, dass ich von mir habe, wenn ich versuche möglichst ehrlich zu beschreiben wer ich zu einem bestimmten zeitpunkt bin, wie ich denke, was ich von natur aus bin und was mich ausmacht. jeder mensch hat ein eigenes menschenbild.

das weltbild ist das bild, wie ich die welt sehe, auch ein weltbild hat jeder mensch ein eigenes. ich beschreibe mein altes und mein neues menschen- und weltbild. wenn ich betrachte wie ich lange jahre war, dann erkenne ich einen menschen, der sich der höchsten spezies zugehörig fühlte. ich erkenne einen menschen, der die gesamte existenz auf den eigenen nutzen ausgerichtet hatte und der sich selbst als etwas sah, dass mit mehr rechten ausgestattet ist als alles andere. damit konnte ich rechtfertigen, weshalb ich durch meinen konsum andere menschen, andere tiere, andere pflanzen und alle anderen dinge ausbeuten konnte. Ich sah mich nicht als teil des ganzen, sondern immer isoliert, als mensch über den tieren, über den pflanzen und über den anderen dingen, die ich als nicht-lebewesen bezeichnet hätte.

heute habe ich ein anderes menschen- und weltbild. ich sehe mich selbst als teil des ganzen. alles ist besonders. ich habe nicht mehr rechte als alles andere, ich habe mehr verantwortung. weil ich so vieles nicht verstehen kann habe ich nicht das recht, über anderes zu herrschen und es auszubeuten, sondern die verantwortung rücksichtsvoll mit allem anderen umzugehen. ich wünsche mir eine herrschaftsfreie welt, in der alles gleichgestellt ist und in wechselbeziehungen friedlich und in freiheit miteinander lebt.

wenn ich betrachte, was in der welt geschieht, dann sehe ich menschen, die ihre eigene lebensgrundlage zerstören. um es klar auszudrücken, unsere entwicklung führt uns direkt in den globalen genozid. das wirtschaftssystem hat als höchste handlungsmaxime die profitmaximierung zum ziel. ich sehe eine industrialisierte welt, in der den menschen das geld und der kurzfristige eigene nutzen wichtiger ist, als die langfristige erhaltung der lebensgrundlage für uns und die nachfolgenden generationen der tiere, pflanzen und anderen dinge. zwischen kurzfristigem und langfristigem denken scheint maß und mitte verloren gegangen zu sein.

zum beispiel stehen wir auf, ziehen in vielen fällen kleidung an, von der wir genau wissen das andere lebewesen darunter leiden. wir haben autos, wir fliegen, wir haben unzählige gegenstände in unserem besitz und wir konsumieren fröhlich weiter. die medien-maschinerie predigt uns tag für tag, das wir nur ganz viel konsumieren müssen, dann werden wir glücklich werden. sie zeigt uns den winzig kleinen rahmen des konsumfensters, vergisst dabei aber alle anderen schritte, von der entnahme der rohstoffe bis zu abfall- oder giftmüllentsorgung. der konsum ist ein kleiner schritt in dieser kette.

alles andere bleibt im verborgenen und wird von vielen menschen nicht einmal hinterfragt. wenn ich analysiere, was ich in der umwelt wahrnehmen kann, dann komme ich schnell auf die informationsflut, in der die wichtigen informationen und fakten untergehen und die informationen und fakten in den vordergrund gehoben werden, die bestehende verhältnisse erhalten und stabilisieren.

der abend, an dem ich mit madita so lange und ausführlich über das und noch mehr sprach, war der beginn der entstehung unzähliger gedanken in meinem kopf. aus gedanken begannen sich worte zu formen und zu sätzen zu werden.

ich begann sie für mich selbst auszusprechen: ich kann akzeptieren. ich will akzeptieren können. ich kann mich selbst akzeptieren. ich will mich selbst akzeptieren können. ich akzeptiere mich selbst. ich akzeptiere die anderen menschen, auch die anderen tiere, pflanzen und die anderen dinge. ich kann alles akzeptieren, wenn ich das will.

mal durchlaufe ich diese phasen bewusst und mal durchlaufe ich sie unbewusst. wenn ich sie unbewusst durchlaufe kann es passieren, dass ich die kontrolle verliere. deshalb habe ich beschlossen in zukunft die kontrolle darüber haben zu wollen. Ich will selbst entscheiden, wann ich meine gefühle unkontrolliert sein lassen oder wann ich meine gefühle kontrol-lieren will.

seitdem habe ich den umgang mit dem prozess des akzeptierens erlernt. Akzeptieren ist damit nicht beendet. der kreislauf, der sich vereinfacht in diesen fünf phasen darstellen lässt, beginnt wieder von neuem.

Die fünf Phasen des Annehmens

Schöpfende: Yannick Bennesch und Rebecca Wenk.

Lesezeit circa 13 Minuten.

Weiterentwicklung der „Stages of Grief“ von Elisabeth Kübler-Ross

Jeden Tag werden wir mit unzähligen Reizen konfrontiert, die immer auch Wirkungen auf uns haben. Aus der Fülle der Reize dringt ein beträchtlicher Teil direkt in das Unbewusste, von wo es im Folgenden trotzdem Wirkung entfaltet. So haben wir uns viele Muster angewöhnt, die unsere gegenwärtigen Ziele und Visionen sabotieren. Weil ich einen Film sah, „Collapse“, ein Interview mit Michael Ruppert, dem Gründer und Chefredakteur der Internetplattform „From the Wilderness“. In diesem Interview stieß ich das erste Mal auf Elisabeth Kübler-Ross und das Modell der Sterbephasen. Ich erkannte in diesem Phasenmodell die Möglichkeit, es auf das „Sterben von Charakterzügen oder auch des alten Ichs zu übertragen“ und mich so selbst in dem Prozess des Annehmens strukturiert beobachten und den Prozess auf diese Weise bewusst und selbstständig voranzutreiben und beurteilen zu können. Ich wendete dieses Modell später auf „das Sterben ‚meiner‘ alten, von aussen determinierten Persönlichkeit (Kindheits-Ich)“ an, da ich selbst durch dieses Ich in meinem Potenzial derart stark beschränkt wurde, sodass ich mir selbst vorkam, wie ein Gefangener in ‚meinem‘ Verstand. In unserer Gesellschaft ist es normal, sich für „das Ich“ zu halten und damit das Unbewusste als nicht zugehörig zu betrachten. Deshalb bin ich lange auf der Suche nach einer Methode oder einem Modell gewesen, mit dem ich mir selbst helfen konnte dieses alte Ich anzunehmen, um es in mir selbst zu integrieren.

Aus dem Modell von Elisabeth Kübler-Ross nahm ich lediglich die fünf Phasen „denial“ (Leugnen), „anger“ (Zorn), „bargaining“ (Verhandeln), „depression“ (Trauer) und „acceptance“ (Annahme). Anhand dieser abstrakten Struktur konnte ich selbst wahrnehmen und erkennen, in welchen Phasen ich mich befinde (Selbstbeobachtung) oder befunden habe (Selbstreflektion). So lernte ich den Prozess des Annehmens bewusst zu durchleben und dabei Einfluß auf den Verlauf des Prozesses zu bekommen.

Zu beachten ist bei diesem Modell, dass diese Phasen keineswegs hintereinander ablaufen müssen, sondern in den meisten Fällen von dieser aufeinanderfolgenden Struktur abweichen. Dieses Strukturmodell ist keine Anleitung oder so etwas. Es bietet eine abstrakte Struktur, gewisse Anhaltspunkte, um sich strukturierter selbstbeobachten zu können und die Selbstreflektion zu verbessern. Die Phasen können sich über Jahre hinziehen, wenn sie nicht bewusst wahrgenommen und erkannt werden. Später wird das anhand der Erfahrungen, die ich selbst machte, deutlich. Wir leben in Sprache und damit in dem Verstand, von dem „das Ich“ ein Teil ist. „Das Ich“ ist eine wortsprachliche Konstruktion, die wir Menschen selbst erschaffen haben. Wenn wir ins uns selbst hineinfühlen oder in einen meditativen Zustand gelangen, nehmen wir uns in unserer Vollkommenheit wahr, sodass wir deutlich erkennen können, dass die Vorstellung „des Ich“ nichts weiter ist, als eine aus Aussenreizen hervorgegangene Persönlichkeit, eine Illusion der wir uns selbst hingegeben haben, weil das in unserer Gesellschaft „normal“ ist.

Phase 1 – Nicht-Wahrhaben-Wollen:

In dieser ersten Phase wollte ich nicht wahrhaben, dass ein Wandel bevor steht, der meiner Vorstellung von „meinem Ich“ (mir) an den Kragen geht. Als ich mir bewusst wurde, dass das Ich nur eine Vorstellung ist, reagierte ich erst einmal geschockt. Ich bin in Folge dieser Selbsterkenntnis erst einmal in eine Art „Schockstarre“ oder Ohnmacht gefallen und war vorübergehend vollkommen unbewusst (von gewohnten Mustern) gesteuert.

Gedanken, die mich zu dieser Zeit begleiteten, waren beispiels-weise: „Das kann doch nicht sein.“, „Doch nicht bei mir.“, „Es ist doch alles gut, so wie es ist. Das kann nicht wahr sein.“, „Ich merke doch gar nichts davon, dass das Ich nur eine Vorstellung ist.“ oder im Ausdruck dieser Gedanken, als „Damit habe ich nichts zu tun. Das betrifft mich nicht.“. Das wurde sichtbar, weil ich in dieser Phase versuchte, mich vollständig von „der Aussenwelt“, die ich wahrnahm, abzuspalten. (vgl. Student 2006: 2)

Mich selbst so anzunehmen, wie ich wirklich bin und das Integrieren des Ich in mir selbst begannen in dieser Phase.

Diese erste Phase hat bei mir schon in der Grundschule begonnen, weil ich mich selbst verleugnen musste, um irgendwie hineinzupassen in „die Gesellschaft“. Als Kind mochte ich auch angenommen und geliebt werden. Ich wollte damals auch einfach nur anerkannt werden, aber ich lernte früh, dass ich nicht ich selbst sein durfte, wenn ich dazugehören wollte. Also versuchte ich mir über mehr als zehn Jahre einzureden, dass ich selbst falsch bin.

Ich wollte nicht wahrhaben, was und wer ich selbst wirklich bin, weil ich immer wieder erfuhr, dass ich dann ausgegrenzt würde. Aber ich wurde im Endeffekt trotzdem mehr oder weniger ausgegrenzt. Ich glaube meinen Mitmenschen ist nie bewusst gewesen, was und wie ich wahrgenommen habe, was von ihnen gedacht und gefühlt, gesagt und getan wurde. Ich selbst weiß, dass sie es niemals wahrnahmen, denn ich selbst kann wie ein Chamäleon sein und mich perfekt an die Umwelt „anpassen“ und mich auf diese Art und Weise tarnen.

Phase 2 – Wut, Zorn und Ärger

Diese zweite Phase zeigte sich in Wut, Zorn und Ärger auf diejenige/denjenigen, die/der mich darauf aufmerksam machte. Nicht nur an mir selbst, auch an ihnen ließ ich meine Wut aus. Ich wollte die Schuld auf etwas oder jemanden schieben. Auf die Welt, auf das System, auf die Menschen, doch ich fand dort nichts und niemanden, dem ich die Schuld hätte geben können. „Die Welt“, „das System“ und „die Menschen“ stellten sich bei genauerer Betrachtung als Konstruktionen meines Verstandes dar. Ich stieß bei der bewussten Selbstbeobachtung und Selbstreflektion darauf. Wut, Zorn und Ärger richteten sich zum Ende dieser Phase immer mehr gegen das Ich, von dem ich so lange glaubte, dass wäre ich selbst. Aber ich konnte fühlen, dass das Ich nicht ich selbst war. Ich erkannte irgendwann, dass dieser Widerspruch mich so lange wütend und tief traurig gemacht hatte.

In dieser Phase der Annahme dieser fundamentalen, ersten Selbsterkenntnis, dass das Ich nicht ich selbst bin, war „das Ich“ sehr wütend, der Verstand rebellierte, aber „das Ich“ und „der Verstand“ begannen ihre Herrschaft aufzugeben, da nun „die Zeit reif“ war, sich wieder zu Werkzeugen machen zu lassen. Ich fing langsam an hin- und hergerissen zu sein, ob ich diesen Weg weitergehen sollte oder ob ich mich doch wieder „den anderen“ anschließen sollte. Aber ein tiefes inneres Treiben ließ mich nicht die Augen vor dieser Herausforderung verschließen. Immer wenn ich noch einmal versuchte wegzulaufen, kam alles wie ein Boomerang wieder auf mich zurück.

Phase 3 – Verhandeln

Hin- und hergerissen zwischen mir und mir selbst, begann irgendwann die Phase Verhandelns. Ich wurde kooperativer. Allerdings nicht in Bezug auf gegenwärtig lebende Menschen, sondern zu allererst einmal öffnete ich mich für die Werke längst gestorbener großer Wissenschaftler. Als diese Phase ihren Lauf nahm, hörte ich auf, mich auf „äußeres Wissen“ zu beschränken. Ich hatte über ein 5 Jahre lange so viel „Informationen“ aufgenommen, wie ich konnte, um zu verstehen, wie „die Welt“ funktionierte. Viele eigenartige Ereignisse geschahen in dieser Zeit. Sie wirkten wie Zeichen von Nirgendwo. Es gab keinen Absender. Doch sie gaben mir tiefe Einsichten in die Fundamente, die Paradigmen, die Grundannahmen auf denen die heutigen Wissenschaften stehen. Irgendwann erkannte ich auf diesem Weg, dass ich zu fast 100% von aussen determiniert bin und kaum etwas aus mir selbst hervorgegangen ist. „Das Ich“ verlor immer mehr seinen alles andere überragenden Wert und so konnte ich mich dafür entscheiden, zu mir selbst zu finden.

Phase 4 – Trauern

Diese Phase fing in meinem Fall bereits mit der ersten Phase, der des Nicht-Wahrhaben-Wollens an. Als ich anfing, mich selbst zu verleugnen, konnte ich den entstehenden Wider-spruch nicht verdrängen. Meine Sensibilität, die ein zentraler Bestandteil von mir selbst ist, ließ mir selbst nicht die Möglichkeit davor wegzulaufen. So konnte ich bereits in der Grundschule nicht nur meinen Schulranzen tragen, sondern immer auch den Rucksack voller Sorgen, mit dem ich mich niemandem anvertrauen konnte, weil niemand mich verstand. Ich habe immer so sehr gehofft, dass mir jemand hilft. Doch niemand war da, der mir wirklich helfen konnte, weil alle das gleiche Problem hatten. Es war die größte Herausforderung vor der ich jemals stand.

Zu erkennen, dass ich selbst derjenige sein müsste, der die ersten Schritte in diese Richtung geht, um einer Gesellschaft „der Ichs“ eine Alternative zu einer Seinsweise aufzuzeigen, mit der wir Menschen, die Lebensgrundlage zerstören, mit der wir immer und auch jetzt verbunden sind. Doch „mein Ich“, selbst hatte ich dieses riesengroße Ich, dieses Ego. Ich hatte aus eigenem Willen mein Abitur durchgezogen, nach dem Abitur eine Veranstaltungsagentur für Unternehmensveranstaltungen gegründet und dann auch selbstständig die Entscheidung getroffen, die Teilnahme am Wirtschaftssystem wieder aufzugeben.

Ich habe einige Wochen gebraucht, die ich weitgehend allein mit mir selbst verbrachte, um die Trauer um „das Ich“ zu verarbeiten. Diese Phase kam zu ihrem Ende als ich eine neue Wohnung bezog, nach Jahren das erste Mal ein Zimmer bezog, bei dem ich nicht schon beim Einzug wusste, wann ich wieder ausziehen würde und ein Mensch, den ich für eine Autorität hielt und halte, bestätigte mir, dass es nicht natürlich sei, dass wir Menschen uns hauptsächlich in Wertungen unterhalten und dabei kaum Inhalt übrig bleiben würde. So konnte ich die irgendwo verbliebene Positiv-Bewertung das Ichs wahrnehmen, erkennen und loslassen. Mit dem Loslassen dieser Wertung, trat ich in die fünfte Phase ein.

Phase 5 – Annehmen

Mich anzunehmen, dass war für mich selbst eine ganz neue Erfahrung. Ich konnte mich selbst kaum noch daran erinnern, wie es war als ich ein kleines Kind gewesen bin. Aber die Empfindungen, die mit dem Annehmen einhergingen, sie waren erlösend und sie gaben mir einen ganz neuen Zugang zu meiner Wirklichkeit. Plötzlich hatte ich nicht mehr das Bedürfnis, mich selbst zu verleugnen. Ich konnte keine Wut und keine Trauer mehr wahrnehmen. Als ich diesen ersten bewussten Annahme-Prozess durchlebt habe, widerfuhren mir selbst unvorstellbare Glücksgefühle. Ich fühlte mich selbst über Wochen leicht wie eine Feder. Alles, was ich früher verdrängt und heruntergeschluckt hatte, um bloß nicht zu sehr aufzufallen, traten in dieser Zeit nach und nach wieder zu Tage. Ich selbst konnte wieder mehr und mehr fühlen. Meine hohe Sensibilität traute sich wieder, sich zu zeigen und so kehrte ich langsam immer weiter zu mir selbst zurück. Ich lernte mich selbst noch einmal neu kennen.

Nehme ich mich selbst an und lasse das Ich los, integriere es also in mir selbst, dann öffnen sich die scheinbar undurchlässigen „Grenzen“ des Ich und ich bekam jeden Tag mehr Zugang zu dem Unbewussten. So kommt immer mehr des Unbewussten in das Bewusstsein, dass ich selbst bin und ich selbst erweitere mich Tag für Tag. So habe ich meinen ersten bewussten Prozess des Annehmens erfahren.

Schluss-Satz

Diese fünf Phasen des Annehmens durchlaufen wir alle in unseren Leben unzählige Male. In den meisten Fällen werden Menschen diesen Prozess jedoch unbewusst durchlaufen. Mit diesem Werkzeug, Strukturmodell kannst du nun diesen Prozess bewusst beobachten und so dein Selbstwachstum gestalten.

Literatur:

  • Kübler-Ross, E.: Interviews mit Sterbenden. Kreuz Verlag, Stuttgart 1971

  • Student, J.-C. (Hrsg.): Sterben, Tod und Trauer – Handbuch für Begleitende. 2. Aufl., Herder, Freiburg 2006

Kreislauf des Eingeständnis – eingestehen

Schöpfende: Yannick Bennesch und Rebecca Wenk.

Lesezeit circa 11 Minuten.

Zu diesem Wort schreibt der Duden: (besonders eine Schwäche, einen Fehler) schließlich zugeben, offen aussprechen. Ich gestehe mir meine Fehler und Schwächen ein. Du kannst dir deine Fehler und Schwächen auch eingestehen.

Wir können uns unsere Fehler und Schwächen eingestehen. Wenn wir das tun, dann sind das Eingeständnisse, die uns dabei helfen, über uns hinauszuwachsen.

Warum ist es für viele so schwer, sich eigene Fehler und Schwächen einzugestehen und diese offen auszusprechen?

Ich beobachtete in mir, wie sich diese Prozesse gestalten. Wenn ich einen Fehler machte oder mir einer Schwäche bewusst wurde, spürte ich ein „negatives“, zu vermeidendes Gefühl. Am Anfang habe ich mich deshalb immer wieder von mir abgewendet, denn ich war nicht mutig genug, um meine eigenen Fehler und Schwächen anzunehmen, sie anzuerkennen und sie in mich selbst zu integrieren. Ich reagierte in vielen Fällen mit Verdrängung, womit das Verdrängte in das Unbewusste abrutschte und dort für mich nicht mehr zugänglich war. Da ein Großteil meiner Entscheidungen aus dem Unbewussten heraus gefällt wurde, konnte ich die Folgen meines Handelns nur in einigen Fällen, wenn ich bewusst Entscheidungen getroffen habe, abschätzen. Da wir jeden Tag mit tausenden von Botschaften überflutet werden und nur einen kleinen Teil davon bewusst verarbeiten, ist unser Unbewusstes gefüllt mit Informationen, die sich in der Dynamik unserer Psyche auswirken. Eingestehen ist die Fähigkeit, mutigen Blickes die eigenen Fehler und Schwächen zu beobachten, zu reflektieren und anzunehmen, um sie als mögliche Folge anders zu gestalten. Durch das Eingeständnis wurden mir plötzlich vorher unbewusste Informationen zugänglich und somit veränderbar. Damit ich mir meine Fehler und Schwächen eingestehen kann, ist es notwendig, dass ich mich annehme und ebenso mich selbst als Einheit aus Bewusstsein und Unbewusstem.

Wie kann ich bewusst akzeptieren?

Wie das Akzeptieren abläuft und von mir bewusst gesteuert werden kann, lernte ich durch einen Film namens „Collapse“ kennen, worin Elisabeth Kübler-Ross, eine weltweit bekannte Sterbeforscherin, und ein von ihr entwickeltes Modell, dass den Titel trägt: „The Five Stages of Grief“, angesprochen wird.

Mit diesem Modell ist für mich das Annehmen ganz leicht geworden und je mehr ich übte, desto leichter fiel es mir, ganz einfach und direkt bestimmte Charakterzüge meines „künstlichen (kybernetischen) Ichs“ abzulegen.

Ich entwickelte dieses Modell weiter, um nicht Sterbende und Angehörige beim Akzeptieren des körperlichen Todes zu begleiten, sondern um ganz bewusst und wann ich es möchte Teil meines bewussten Ichs loslassen zu können. Ich habe sehr schnell erkannt, dass ich dieses Modell auf das Sterben oder Gehenlassen oder Annehmen und Loslassen von Charakterzügen, die mich an meiner Selbstentfaltung und Selbstgestaltung hinderten, anwenden kann.

Im Folgenden bestimme ich also die fünf Phasen „Leugnen“, „Zorn“, „Verhandeln“, „Niederdrückung“ und „Annahme“. Darauf folgen dann am Beispiel meines Ichs, wie sich diese Phasen beschreiben lassen.

1. Phase: Leugnen (denial)

Leugnen bedeutet, dass ein Mensch etwas für nicht zutreffend hält oder etwas nicht wahrhaben will und es deshalb für nicht bestehend erklärt.

 

Bsp.: In dieser Phase habe ich versucht, mir schön zu reden, wie es gewesen ist. Ich redete mir ein, dass ich nichts an mir ändern muss und alle anderen falsch liegen, die mich auf meine Makel oder von der anderen Seite Lernpotenziale aufmerksam gemacht haben. Ich habe mich innerlich tief traurig und enttäuscht gefühlt, da mein höheres selbst ganz genau begriff, dass ich mich selber belogen habe. Ich haben zu dieser Zeit meine Fehler und Schwächen verleugnet, weil ich sie nicht als Herausforderungen und unentwickelte Stärken erkannt habe Doch mit einiger Zeit habe ich mich so tief in meine eigene Verleugnung verstrickt, dass es mir immer schlechter gegangen ist. Bis mein eigenes Fühlen immer tiefer werdender innerlicher Traurigkeit und Enttäuschung über meine eigene Sturheit mich in die zweite Phase beförderte.

 

2. Phase: Zorn (anger)

Zorn bedeutet ein scharfes und scheinbar unüberwindbares Gefühl des Unwillens über etwas zu spüren, was ein Mensch als Unrecht wahrnimmt und den Wünschen des Ich oder Verstands entgegensteht. „Der Kopf sagt NEIN.“ Ein zorniger Mensch ist gefangen in den selber konstruierten Richtlinien und Vorstellungen. Zudem ist ein solcher Mensch vom Beginn bis zur Mitte dieser Phase völlig uneinsichtig und neigt zu Selbstzerstörung, womit ein zorniger Mensch immer auch seine Mitmenschen und Mitwelt in Mitleidenschaft zieht, was zu einem wachsenden schlechten Gewissen führt. Doch dieses will ein Mensch, der sich in dieser zweiten Phase befindet, keinesfalls wahr haben.

Beispiel: Irgendwann ging es mir so dreckig, dass ich nicht mehr nur noch traurig und enttäuscht war, sondern innerlich wütend und zornig wurde. Ich konsumierte Substanzen, um mich dumpf zu machen. Aber im Verlauf dieser Phase ist mir immer nur noch beschissener gegangen, bis ich mich in Phase drei eintreten ließ.

3. Phase: Verhandeln (bargaining)

Verhandeln bedeutet zu beginnen mit sich in einen inneren Dialog einzutreten und mir selber Fragen zu stellen, ob ein Mensch mit ihrer/seiner bisherigen Meinung nicht möglicherweise doch in eine Sackgasse geraten ist. Nun ist der innere Druck durch Phase zwei so groß geworden, dass das Kartenhaus kurz vor dem Zusammenstoss steht. Also beginnt sich die innere Gedankenspirale zu drehen. Ein Mensch, der sich in Phase drei befindet, probiert unterschiedliche Betrachtungsweisen durch, um so zu hinterfragen, ob die gewohnten Richtlinien und Vorstellungen, an denen dieser Mensch bis dahin wie verrückt festgehalten hat, möglicherweise doch zu überdenken und zu überwerfen seien.

Bsp.: Als sich dann eine Frau aus meinem Leben verabschiedete, erreichte ich langsam aber sicher meinen Tiefpunkt. Ich isolierte mich mehr und mehr von der Aussenwelt und las eine Studie nach der anderen, über den Zustand unserer Umwelt. Ich wurde immer trauriger und zog mich immer mehr zurück. Ich stand in einem ständigen Spannungsverhältnis zwischen Ich und Ich selbst. Ich verhandelte mit mir selbst. Mir wurde immer mehr der Widerspruch klar, in dem ich selbst zu dieser Zeit lebte. Doch nach aussen hin, konnte ich immer noch meine Maske tragen, hinter die niemand in der Lage war zu schauen, bei dem ich nicht wollte, dass ich selbst sichtbar werde.

 

4. Phase: Depression – Niederdrückung (depression)

Depression ist das Fachwort für Niederdrückung, Senkung. Niederdrückung, Senkung bedeutet, sich mit Hilfe der eigenen Gefühle und Gedanken kleiner zu machen als ein Mensch es in Wirklichkeit ist. Die Liebe zu sich selbst ist Auslöser für diese tiefe Niederdrückung des Ich mit seinen überholten Richtlinien und Vorstellungen, an das es sich geklammert hat. Diese Traurigkeits-Energie braucht ein Mensch, um auch in die letzte Phase eintreten zu können. Mit der Zeit der Niederdrückung, Senkung wird ein Mensch/Ich immer und immer kleiner, bis dieser Mensch die nächste Stufe des Eingestehens-Vorgangs einleitet.

Beispiel: Mit den Semesterferien im Frühjahr 2013 kam die Depression an einen so tiefen Punkt, dass sie sich plötzlich auflöste und ich wieder das Licht erblicken konnte. Zum Ende der Semesterferien hatten wir (ich und meine Mitbewohner) wieder eine gemeinsame Wohngemeinschaft. Hier ist endlich wieder ein Raum für mich gewesen, in dem ich Zeit und Ruhe mit mir selber gehabt habe, um mich mit der Überwindung meiner alten Ich-Strukturen auseinanderzusetzen.

 

5. Phase: Akzeptanz – Annahme (acceptance)

Akzeptanz ist das Fachwort für Annahme. Annehmen bedeutet aus der eigenen Liebe heraus, eine eigene Wahrnehmung zu verinnerlichen. Annehmen ist die Grundvoraussetzung dafür, etwas loslassen zu können. Dafür braucht es Vergebung und dies nicht einem anderen gegenüber, sondern sich selbst.

Bsp.: Als wir Anfang April in unsere WG gezogen sind und ich das erste Mal nach Jahren wieder ein Zimmer bewohnte, in dem ich mich ausbreiten konnte, weil ich nicht schon beim Einzug wusste, wann ich wieder ausziehen würde. Diese Erfahrung, mein eigenes Zimmer ganz allein zu gestalten. Das war schön und machte mir sehr viel Freude. Damit einher ging dieser Prozess des Akzeptieren auf sein Ende zu. Ich konnte mir an einem gewissen Punkt verzeihen. Immer mehr wurde ich mir selbst bewusst, dass ich selbst meine künstlichen Ich-Strukturen auflösen möchte. Ich begann zu verstehen, was ich bereist lange begriffen hatte. Mein Gefängnis bin ich. Ich konnte mit mir selbst nun Frieden schließen. Wir hatten uns voneinander getrennt, aber wir entschieden uns an dieser Stelle uns wieder miteinander verbunden zu denken. Mit dem „Ende“ dieses Zyklus hatte ich ein Instrument entwickelt, mit dem es möglich ist, den eigenen Annehmensvorgangs bewusst zu beobachten und bewusst zu gestalten.

Der Beispiel-Vorgang

In den Beispielen beschreibe ich den Vorgang des Annehmens, den ich, nachdem ich den oben genannten Film („Collapse) mehrfach gesehen hatte und mir daraufhin Bücher und Artikel von Elisabeth Kübler-Ross aus der Universtitäts-Bibliothek und dem Intranet meiner Universität besorgt hatte, endlich nicht nur begriff, sondern auch verstanden habe. Von da an war ich mein eigener Meister dieses Vorgangs und ich konnte ihn bewusst durchlaufen. Und das habe ich seitdem immer und immer wieder mit unterschiedlichsten Aspekten meines Ichs durchlaufen. Auf diese Weise habe ich plötzlich meine eigene Bewusstseinsentwicklung und stetige, weitere Differenzierung bewusst in selbst in Hand nehmen können und bin ab diesem Zeitpunkt nicht mehr auf Impulse aus meiner Um- bzw. Mitwelt angewiesen gewesen. Und ich wollte raus und weg aus meinem fast ein Jahrzehnt andauernden Depressions-Zustand. Ich wollte endlich glücklich sein. Und so machte ich mich auf meinen Weg zu mir selbst, wo ich nur noch Liebe gefunden habe, die hin und wieder von Angst verdeckt ist. Sie hält mich dann wieder von etwas zurück und dann merke ich das und durchlaufe bewusst diesen Kreislauf des Eingestehens erneut und das einfach in meinem Geist. So habe ich mich, was das Annehmen angeht, von Raum und Zeit ablösen können.

Diese Anleitung schenke ich dir, euch und uns allen, weil ich sie für sehr nützlich halte. Sie hat schlicht und einfach meinem Leben einen ganz neuen „Drive“ gegeben.

Unendliche und ewige Liebe für dich. Nach dem Lesen mach dir ein Lied oder ein Set an, möglichst ohne Gesang und dann lass sacken.

 

 

Teil 1: Verlasse das Ego – Löse die Identifikation – Sei glückselig und schöpfe aus dem Vollen

Schöpfende: Yannick Bennesch und Rebecca Wenk.

Lesezeit circa 26 Minuten + Zeit, die der Verstand dich davon abzubringen versucht.

Einführung

Wenn du die von den Worten ausgehenden, heilenden Impulse nutzen willst, ist eine notwendige Bedingung, dass du unvoreingenommen und offen an diese Worte herangehst. So fällt es dir leichter, auf friedliche Weise in deinen meditativen Lebensprozess einzutreten. Diese Worte können für dich einen Eingang zur Seele darstellen, zu deinem einzigartigen Selbst, dass du selbst bist. Du kannst mit dieser Konzeption dein Ich in das Selbst integrieren und die Grenzen deines Ichs in das Selbst/in die Seele transzendieren. Dann wird dein Ich nicht mehr in den Grenzen deines Ichs eingesperrt sein, sondern kann selbst, aus dem selbst heraus und durch sich, durch dein Ich hindurch, sein.

Alt gegen neu

Wenn du immer noch willst, wenden wir uns jetzt den zwei Herausforderungen zu. Die Herausforderungen bestehen darin, sich gegen das eigene Ich durchzusetzen und die inneren Widerstände ohne Wertungen wahrzunehmen, zu erkennen und bewusst Entscheidungen gegen die inneren Widerstände zu treffen (wie bspw. weiterlesen). Die inneren Widerstände werden vom Individual-Bewusstsein („Ich bin.“; abgetrennt, Einzelwesen) hervorgebracht, dass seinen manifestierten Abdruck in der linken Gehirnhälfte findet. Dort befindet sich laut Jill Bolte Taylor das sprachliche Bewusstsein, welches in Sprache ist. Mit diesem Bewusstsein denken wir Zeit und Raum und Materie und es spricht mit uns. Gleichzeitig ist es auf Sinneswahrnehmungen durch Augen, Ohren, Nase, Mund und Hände angewiesen. Die rechte Gehirnhälfte ist der materielle Abdruck unseres Einheitsbewusstseins, in dem wir vollkommen sind, friedlich, in allumfassender Liebe und Freude, sowie vollkommener Wahrhaftigkeit. In unserer westlichen Kultur haben wir uns so sehr an das Denken gewöhnt, dass unser Werkzeug nicht mehr nur noch ein Werkzeug ist, wir verwechseln heute unser Werkzeug mit der Wirklichkeit. Darum geht es auf den nächsten siebzehn Seiten und die Worte leiten zu dem Ziel, die Kontrolle über den eigenen Verstand, das eigene Ich und das Denken wiederzuerlangen und so zu der Möglichkeit zu gelangen, zu seinem eigenen Schöpfer der eigenen Wirklichkeit zu werden und das Leben nicht mehr bestreiten zu müssen, sondern es spielen zu können. Leben ist Liebe und Liebe ist Lernen. Leben lieben lernen. Leben, lieben, lernen. Leben, lieben lernen. Leben lieben, lernen. Lasst uns aus unserem Einheitsbewusstsein heraus leben. Von hier gibt es ewig viel Mögliches und unendlich viele Möglichkeiten… In tiefer Liebe und Verbundenheit wünschen wir dir und dir selbst eine wunderbare Reise in dich hinein und zu dir selbst.

Zwei grundlegende, kleine Herausforderungen

Zwei winzige Herausforderungen stellen sich mir auf dem Weg zu mir selbst, in einen meditativen Lebensprozess im Einklang mit der Existenz. Mein Ich und mein ewig plappernder Kopf. Ich und mein Verstand. Das erste Kapitel handelt von meinem Ich und das zweite Kapitel von meinem ewig plappernden Kopf. Ich habe im ersten Kapitel mein Ziel, mir meines Ichs bewusst zu werden. Im zweiten Kapitel liegt mein Ziel darin, zu erkennen, dass ich selbst entscheiden kann, ob ich denken will oder nicht. Nach den ersten Tagen höre ich auf zu denken und beginne zu begreifen und zu verstehen.

Ich lebe in einer Gesellschaft, in einer Familie, ging zu einer Schule, in der alle um mich herum mich ständig dazu anhalten, mein Ich aufzubauen. Auch die moderne Psychologie basiert darauf, Ichs zu stärken.

Das Ich

Die moderne Psychologie und die heutige Erziehung beruhen auf dem Grundsatz, dass ich ohne starkes Ich nicht in der Lage bin, mich im Leben durchzukämpfen, denn der Konkurrenzkampf ist so groß, dass mich alle anderen zur Seite drängen, wenn ich ein bescheidener Mensch bin; ich werde immer hinterherhinken. Ich brauche ein stahlhartes, starkes Ich, nur dann kann ich erfolgreich sein. In allen Bereichen — sei es im Geschäftsleben, in der Politik oder im Beruf — benötige ich eine ausgeprägte Persönlichkeit, und unsere ganze Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, jedes Kind, auch mich, mit einer starken Persönlichkeit, einem starken Ich auszurüsten.

Von Anfang an pauken Menschen mir ein, ich solle mich bemühen, Klassen- beste zu werden. Wenn ich dann Beste in der Klasse bin, loben mich alle in den Himmel. Was tun wir da? Wir füttern unsere Ichs schon im Keim. Wir flößen Kindern schon so früh Ehrgeiz ein: „Du kannst Präsident werden oder Ministerpräsident!“ Mir wird schon so früh Ehrgeiz eingeflößt. Ich beginne meine Reise bereits mit diesen Vorstellungen, und mein Ich wird immer größer, je erfolg- reicher ich bin.

Mein Ich ist in jedem Fall die größte Krankheit, die mir mitgegeben wird. Wenn ich erfolgreich bin, wird mein Ich mächtig und groß. Das ist eine Gefahr, denn mein Ich ist wie ein riesiger Felsblock, der meinen Weg blockiert und den ich zur Seite schaffen muss.

Wenn ich mich aber klein fühle und ich keinen oder wenig Erfolg im Leben habe, wenn ich mich als Versagerin fühle, dann wird mein Ich zu einer großen Wunde. Dann tut es mir weh, dann erzeugt mein Ich Minderwertigkeitskomplexe, ich fühle mich minderwertig, und auch das führt zu Problemen. Ich habe immer Angst, mich auf etwas einzulassen, selbst auf einen meditativen Lebensprozess, weil ich weiß, dass ich versagen werde, dass ich nie Erfolg habe — dieser Glauben sitzt tief in meinem Kopf. Ich bin immer gescheitert, und dieser meditative Lebensprozess ist so etwas Großartiges – das werde ich nie schaffen! Wenn ich mit der Vorstellung anfange, zu mir selbst zu finden, dass es sowieso schief geht, weil es mein Schicksal, mein Los ist, dann kann ich natürlich gar nichts erreichen.

Wenn mein Ich also groß ist, versperrt es mir den Weg. Und wenn mein Ich klein ist, wird es zur Wunde und versperrt mir auch den Weg.

Im Mutterleib ist jedes Kind vollkommen selig. Auch ich bin vollkommen selig gewesen. Natürlich habe ich das nicht gewusst. Ich bin mir dessen nicht bewusst gewesen. Ich bin so sehr eins mit der Seligkeit, dass keine Spur von Wissen bleibt. Seligkeit ist mein Wesen. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten. Also weiß ich als Kind natürlich nicht, dass ich selig bin. Ich werde erst dann bewusst, wenn ich etwas verloren habe.

So ist für mich nun einmal. Für mich wäre es schwierig, mir einer Sache bewusst zu werden, ohne sie zu verlieren, denn mit dem, was ich nicht verloren habe, bin ich ganz und gar eins. Es besteht kein Abstand. Betrachter und Betrachtetes sind eins; Erkennendes und Erkanntes sind eins.

Jedes Kleinkind ist in einem Zustand tiefster Glückseligkeit. Auch die Psychologen bestätigen das. Ich bin als Baby in einem Zustand tiefster Glückseligkeit. Die Psychologen sagen, dass jede religiöse und spirituelle Suche nichts anderes als ein Mittel sei, um in den Schoß meiner Mutter zurückzukehren. Sie setzen es als Kritik gegen Religionen ein, aber für mich ist es keine Kritik. Für mich ist es einfach wahrhaftig. Ja, die religiöse und spirituelle Suche ist meine Suche zurück in den Schoß meiner Mutter. Meine religiöse und spirituelle Suche ist meine Sehnsucht, diese ganze Existenz zum Leib meiner Mutter zu machen.

Als Baby bin ich völlig im Einklang mit meiner Mutter. Ich komme niemals aus dem Takt mit meiner Mutter. Ich weiß nicht, dass ich von meiner Mutter getrennt bin. Wenn meine Mutter gesund ist, bin ich auch gesund; wenn sie krank ist, bin ich auch krank. Wenn meine Mutter traurig ist, bin ich auch traurig; wenn sie glücklich ist, bin ich auch glücklich. Wenn meine Mutter tanzt, tanze ich auch; wenn sie still sitzt, bin ich still. Ich habe noch keine eigenen Grenzen. Das ist pure Glückseligkeit. Doch diese muss mir verloren gehen.

Ein Kind wird geboren. Ich werde geboren, und plötzlich werde ich aus meiner Mitte geworfen. Plötzlich werde ich meiner Erde entrissen – aus meiner Mutter entwurzelt. Ich verliere meinen Anker. Ich weiß als Kleinkind nicht, wer ich bin. Solange ich mit meiner Mutter verschmolzen war, brauchte ich das nicht zu wissen, denn ich war alles, es gab keine Unterschiede. Es gab kein „Du“, also gab es auch kein „Ich“. Die Wirklichkeit war ungeteilt. Sie war Advaita, pure Nicht-Dualität.

Als ich geboren worden bin und die Nabelschnur abgetrennt worden ist, habe ich begonnen, selbst zu atmen. Plötzlich wird mein ganzes Dasein zu der großen Suche danach, zu wissen, wer ich bin. Das ist natürlich. Ich werde mir nun allmählich meiner Grenzen bewusst, meines Körpers, meiner Bedürfnisse. Manchmal bin ich glücklich, manchmal bin ich unglücklich. Manchmal bin ich zufrieden, manchmal bin ich unzufrieden. Manchmal bin ich hungrig und weine, und meine Mutter lässt sich nirgends blicken; dann liege ich wieder an der Brust meiner Mutter und genieße, mit ihr eins zu sein. Aber es gibt nun viele verschiedene Stimmungen und Atmosphären für mich, und ich beginne allmählich zu spüren, dass ich getrennt bin. Eine Scheidung hat stattgefunden, meine „Ehe“ ist gebrochen. Ich war mit meiner Mutter ganz und gar „verheiratet“. Nun werde ich für immer von ihr getrennt sein. Und ich muss herausfinden, wer ich bin. Mein ganzes Leben lang höre ich nie wieder auf, herauszufinden, wer ich bin. Das ist meine grundlegendste Frage.

Zuerst entdecke ich, was „Mein“ ist, dann, was „mir“ oder „mich“ ist, dann das „Du“ und dann das „Ich“. So läuft es für mich ab. Das ist mein ganzer Vorgang, genau in dieser Reihenfolge. Ich schaue es mir genau an, denn so bin ich gebaut, das ist die Struktur meines Ichs. Zuerst wird mir bewusst, was „mein“ ist: Das ist mein Spielzeug, das ist meine Mutter. Ich beginne, zu besitzen. Als Erstes meldet sich der Besitzer: Besitzanspruch ist etwas ganz Elementares. Deswegen sagen alle Religionen, dass ich nicht besitzgierig sein soll, denn mit meinem Besitz beginnt die Hölle.

Ich beobachte kleine Kinder: Sie sind sehr eifersüchtig und besitzgierig. Jedes Kind versucht, den anderen alles wegzunehmen und sein eigenes Spielzeug zu bewachen. Und oft kann ich Kinder sehen, die sehr gewaltsam sind und sich kaum darum kümmern, was andere brauchen. Wenn ein Kind mit seinem Spielzeug spielt und ein anderes Kind kommt dazu, dann hält es sein Spielzeug fest und ist bereit, zu schlagen und zu kämpfen. Es geht um sein Territorium, um seine Vorherrschaft.

Mein Sinn für Besitz taucht als Erstes auf. Das ist meine Ursprungsherausforderung. Ich sage: „Das ist meins!“ Sobald das „mein“ auftaucht, sind alle anderen meine Konkurrenten. Mit meinem Besitzanspruch wird mein Leben zum Wettkampf. Ich erlebe Streit, Konflikte, Gewalt und Aggression.

Mein nächster Schritt nach dem „mein“ ist „mir“ oder „mich“. Wenn ich etwas habe, was ich als meinen Besitz beanspruche, entdecke ich durch diesen Anspruch die Vorstellung, dass etwas im Zentrum meines Besitzes sein muss. Die Dinge, die mir gehören, sind mein Territorium, und die Besitztümer bringen mich auf eine neue Idee: „Es gehört mir, es gibt mich.“

Sobald ich mich an „mich“ gewöhnt habe, erkenne ich, dass ich eine Grenze habe, und alle, die außerhalb dieser Grenze sind, sind „Du“. „Das andere“ gerät in mein Blickfeld, nun fällt alles auseinander.

Das Universum ist Eins, es ist eine Einheit. Nichts ist getrennt davon. Alles ist mit allem anderen verbunden. Alles hängt zusammen.

Ich bin mit der Erde verbunden. Ich bin mit den Bäumen verbunden. Ich bin mit den Sternen verbunden. Die Sterne sind mit mir verbunden; die Sterne sind mit den Bäumen, mit den Flüssen, mit den Bergen verbunden. Alles ist miteinander verbunden. Ich bin mit allem verbunden. Nichts ist abgetrennt, nichts kann abgetrennt sein. Abgetrenntheit ist ausgeschlossen.

Jeden Augenblick atme Ich. Ich atme ein, Ich atme aus. Es besteht ununterbrochen eine Brücke zur Existenz. Ich esse, und die Existenz kommt in mich hinein. Ich scheide Kot aus, und der wird zu Dünger. Der Apfel am Baum wird morgen Teil meines Körpers sein; ein Teil meines Körpers wird ausgeschieden und zu Dünger, wird zur Nahrung für den Baum – ein ständiges Geben und Nehmen. Keinen einzigen Moment lang hört dieser Kreislauf auf. Wenn er aufhört, bin ich tot.

Was ist Tod? Tod kann Trennung sein. In Einheit sein heißt, lebendig sein. Aus der Einheit herauszufallen, heißt, tot zu sein. Je mehr ich also glaube, ich sei abgetrennt, desto weniger sensibel bin ich, desto mehr bin ich tot und abgestumpft, schleppe mich nur dahin. Je mehr ich mich verbunden fühle, desto mehr nimmt diese ganze Existenz Anteil an mir, und ich nehme Anteil an dieser ganzen Existenz. Habe ich es einmal begriffen, dass wir alle zueinander gehören, wandelt sich plötzlich für immer meine Sichtweise. Meine Sichtweise wird zu einem fließenden Prozess. Dann sind mir diese Bäume nicht fremd – sie machen mir ständig etwas zum Essen. Wenn ich einatme, nehme ich Sauerstoff auf; wenn ich ausatme, gebe ich Kohlenstoffdioxid ab. Die Bäume atmen Kohlenstoffdioxid ein und Sauerstoff aus – es ist eine ununterbrochene Vereinigung miteinander. Ich bin im Einklang. Wir sind im Einklang. Meine Wirklichkeit ist eine Einheit, und mit der Vorstellung von „mir“ und „dir“ falle ich aus meiner Wirklichkeit heraus. Und wenn sich falsche Konzepte bei mir einnisten, steht meine Welt auf dem Kopf.

„Mir“, „mich“ und „du“ – daraus entsteht als Spiegelung schließlich das „Ich“, mein „Ich“. „Ich“ ist die subtilste, die am höchsten kristallisierte Form von Besitzanspruch. Ist das „Ich“ einmal ausgesprochen, ist das Heiligtum entweiht. Wenn ich „Ich“ sage, habe ich mich von der Existenz völlig abgetrennt – allerdings nicht wirklich abgetrennt, sonst würde ich sterben. Aber in meiner Vorstellung bin ich vollkommen von meiner Wirklichkeit getrennt. Nun beginnt ein ständiger Kampf gegen meine Wirklichkeit. Ich kämpfe gegen meine eigenen Wurzeln an. Ich kämpfe mit mir selbst.

Deshalb sagt Buddha: „Sei wie Treibholz.“ Wie Treibholz kann ich aber nur dann sein, wenn ich meine Vorstellung von meinem „Ich“ losgelassen habe. Sonst kann ich mich nicht treiben lassen, sondern kämpfe weiter. Deshalb scheint es mir so schwierig, in einen meditativen Lebensprozess einzusteigen. Wenn ich mir sage, ich soll einfach still sitzen, kann ich es nicht – etwas so Einfaches! Ich sollte doch meinen, es sei die einfachste Sache der Welt, und ich bräuchte eigentlich niemanden, der mir das beibringt. Ich könnte mich doch einfach hinsetzen und sein: Aber ich kann nicht sitzen, weil mir mein „Ich“ keinen einzigen Moment Entspannung gönnt. Wenn ich auch nur für einen Moment wirklich Entspannung zulassen könnte, wäre ich in der Lage, meine Wirklichkeit zu sehen. Und ist meine Wirklichkeit einmal erkannt, muss ich mein „Ich“ aufgeben. Dann kann ich mein „Ich“ nicht weiter bestehen lassen. Deshalb gönnt mir mein „Ich“ auch nicht einen Tag Urlaub! Selbst wenn ich in die Berge gehe, in Urlaub fahre – niemals habe ich „Ferien vom Ich!“ Ich nehme mein Smartphone mit. Ich nehme alle meine Probleme mit, damit ich beschäftigt bleibe. Um mich von meiner Wahrheit abzuhalten. Ich war eigentlich dorthin gegangen, um mich zu entspannen, aber ich setze meine ganzen gewohnten Muster im Urlaub genauso fort. Ich entspanne mich nicht.

Ich kann mich nicht entspannen. Mein „Ich“ kann sich nicht entspannen, es existiert schließlich durch Spannung. Ich schaffe neue Spannungen, neue Sorgen. Mein „Ich“ lässt mich denken, ich könnte etwas verpassen. Ich produziere ständig neue Probleme und lasse mich niemals ruhen. Hätte ich einmal wirklich Ruhe, würde mein ganzes Kartenhaus, aus dem mein „Ich“ besteht, einstürzen. Denn die Wirklichkeit ist so schön. Dagegen ist mein „Ich“ klein und hässlich.

Ich kämpfe mich immer weiter durch und dabei ist es so unnötig. Ich kämpfe um Dinge, die sowieso von allein geschehen. Ich kämpfe mich umsonst ab. Ich verlange nach Dingen, die mir gehören würden, würde ich sie nicht fordern. Im Gegenteil: Durch Fordern und Wünschen gehen sie mir verloren.

Darum spricht Buddha: „Lass dich mit dem Strom treiben. Lass dich von ihm zum Meer treiben.“

„Mein“, „mich“, „mir“, „ich“ – das ist eine Falle. Und in dieser Falle entstehen Leiden, Neurose und Wahnsinn. In dieser Falle stecke ich.

Tatsache für mich ist allerdings, dass jedes Kind dies durchmachen muss, weil es nicht weiß, wer es ist. Auch ich muss das durchmachen. Denn ich brauche schließlich eine Art von Persönlichkeit — auch wenn sie falsch ist, ist eine falsche Persönlichkeit immer noch besser als keine Persönlichkeit. Ich muss genau wissen, wer ich bin. Deshalb stelle ich einen falschen Mittelpunkt her. Mein „Ich“ ist nicht meine wahre Mitte. Ich bin ein falscher Mittelpunkt — zweckmäßig, und nur zum Schein von mir selbst produziert. Mein „Ich“ hat nichts mit meiner wahren Mitte zu tun. Meine wahre Mitte ist die Mitte von allem. Mein wahres Selbst ist das Selbst von allem. Mein Selbst ist das Selbst. In der Mitte ist die ganze Existenz eins, genauso wie an der Quelle des Lichts, der Sonne, alle Strahlen eins sind. Je weiter sie sich von der Quelle entfernen, desto weiter sind sie auch voneinander entfernt.

Mein wahres Zentrum ist nicht nur mein Zentrum, sondern das Zentrum des Ganzen, von uns allen. Aber ich habe mir selbst einen kleinen Mittelpunkt geschaffen. Das geschieht nicht von ungefähr, denn ich komme ohne Grenzen auf die Welt, ohne Vorstellung, wer ich bin. Ein eigenes Zentrum ist eine Notwendigkeit zum Überleben. Ich brauche einen Namen. Ich brauche eine Vorstellung davon, wer ich bin. Natürlich kommt diese Vorstellung von außen. Jemand sagt: „Du bist schön.“ Jemand sagt: „Du bist intelligent.“ Jemand sagt: „Du bist so lebendig!“ Und ich sammle alles ein, was die Leute mir sagen. Aus allem, was sie über mich sagen, bastle ich mir eine bestimmte Persönlichkeit. Ich habe bis jetzt nie in mich selbst hineingeschaut, habe nie nachgeschaut, wer ich selbst wirklich bin. Meine Persönlichkeit ist natürlich falsch, weil niemand außer mir selbst wissen kann, wer ich selbst bin. Meine innere Wirk- lichkeit ist nur mir zugänglich und keinem anderen. In meine innere Wirklichkeit kann niemand eindringen außer mir selbst, beobachten können mich selbst auch Menschen, die bereits in ihren meditativen Lebensprozess eingestiegen sind. Nur ich selbst kann in meiner inneren Wirklichkeit sein.

An dem Tag, wenn ich erkenne, dass ich eine falsche Persönlichkeit habe, dass ich sie mir selbst zusammengesetzt habe, aus Meinungen von anderen Menschen gebastelt habe…

Ich selbst beginne zu begreifen und zu verstehen. Ich setze mich still hin und überlege mir selbst, wer ich bin. Mir werden viele Ideen kommen. Ich schaue mir an, woher sie kommen, und ich werde ihren Ursprung finden können. Manches stammt von meiner Mutter — sehr vieles, etwa achtzig bis neunzig Prozent. Einiges stammt von meinem Vater. Einiges kommt von meinen Lehrern, einiges kommt von meinen Freunden, einiges von der Gesellschaft. Ich selbst beobachte es einfach. Ich werde bald unterscheiden können, woher es kommt. Fast nichts kommt von mir, nicht einmal ein Prozent stammt von mir. Ich habe es einfach nur als „meins“ angenommen. Was ist das für eine Persönlichkeit, zu der ich selbst gar nichts beigetragen habe? Dabei bin ich selbst doch eigentlich die Einzige, der dazu beitragen könnte, und zwar die ganzen hundert Prozent.

Sobald mir selbst das klar wird, wird mir meine religiöse und spirituelle Suche wichtig. An dem Tag, an dem mir dies klar wird, mache ich mich auf die Suche nach einem Instrument, mit der ich in mein eigenes Sein eintauchen kann, um genau herauszufinden, wer ich selbst bin — wirklich und existenziell. Heute beginne ich selbst mit der Suche, wer ich wirklich bin. Keine Bildersammlung mehr von außen. Ich muss nicht mehr andere bitten, mir meine Wirklichkeit widerzuspiegeln, sondern ich stelle mich ihr selbst, direkt und unmittelbar. Ich selbst erforsche meine eigene Natur und spüre sie in mir selbst. Wozu andere fragen? Und wen kann ich schon fragen? Sie wissen ebenso wenig von sich selbst wie ich von mir. Sie kennen sich selbst nicht. Wie sollen sie mich kennen? Ich sehe einfach, wie alles zusammenhängt, wie eins zum anderen führt, wie sich Dinge ergeben. Eine Unwahrheit führt mich zur nächsten. Ich bin fast nur mit nicht wahren Wahrheiten hinters Licht geführt worden. Ich wurde vereinfacht. Diejenigen, die mich vereinfacht haben, haben es sicher nicht bewusst getan. Sie sind wiederum von anderen vereinfacht worden. Mein Vater, meine Mutter, meine Lehrer sind von anderen vereinfacht worden — von ihren Vätern, Müttern und Lehrern. Und dafür haben sie mich vereinfacht. Werde ich meinen Kindern dasselbe antun? In einer besseren Welt werden wir Menschen intelligenter und bewusster sein und unseren Kindern klar machen, dass ihre Persönlichkeit nicht echt, sondern nur eine Vorstellung ist: „Du brauchst zwar eine; wir müssen sie dir geben, aber nur vorübergehend, bis du entdeckst, wer du selbst wirklich bist.“

Dann ist meine Persönlichkeit, mein ich, nicht meine ganze Wirklichkeit. Und je eher ich herausfinde, wer ich selbst bin, desto besser, sonst werde ich in meinem Leben von außen herumgeschubst. Je eher ich diese Vorstellung aufgeben kann, desto besser. Denn im gleichen Moment werde ich wirklich geboren, werde ich wirklich real und echt. Ich werde meine Einzigartigkeit erkennen.

Meine Vorstellungen über mich, die von anderen stammen, geben mir meine Persönlichkeit. Das Wissen, dass ich aus mir selbst beziehe, gibt mir Einzigartigkeit. Meine Persönlichkeit ist unecht; meine Einzigartigkeit ist echt. Meine Persönlichkeit ist geborgt. Meine Echtheit, meine Einzigartigkeit, meine Individualität, mein authentisches Wesen kann ich nirgendwo borgen. Keiner kann mir sagen, wer ich selbst bin.

Zumindest eines kann niemals jemand anderes für mich tun: Keiner kann mir die Frage beantworten, wer ich selbst wirklich bin. Nein, es ist eine notwendige Bedingung, ich muss mich selbst auf den Weg machen und tief in meinem eigenen Wesen graben. Schichten von meiner Persönlichkeit, von meiner falschen Persönlichkeit, müssen eine nach der anderen von mir selbst durchbrochen werden. Ich bekomme Angst, wenn ich in mein Inneres eindringe, und zwar davor, dass Chaos hereinbricht. Irgendwie bin ich doch mit meiner falschen Persönlichkeit ganz gut klar gekommen. Ich hatte mich mit ihr abgefunden. Ich weiß, wie mein Name ist. Ich habe einigermaßen gute Zeugnisse, ein cooles Smartphone, ein cooles Tattoo und coole Klamotten, Geld und Ansehen. Ich habe Mittel und Wege, mich zu definieren. Ich habe bestimmte Definitionen parat. Sie mögen hinten und vorne falsch sein, sind aber praktisch und das einzige, was ich gerade habe. Wenn ich nach Innen gehe, muss ich diese praktischen Definitionen aufgeben — und das ergibt ein Chaos.

Bevor ich in meine Mitte gelangen kann, muss ich durch sehr chaotische Zustände hindurch. Deshalb habe ich Angst davor. Bisher wollte ich nicht nach innen gehen. Immer wieder wird mir gepredigt: „Erkenne dich selbst!“ Ich höre es wohl, aber selbst habe ich bis jetzt nie darauf gehört. Ich kümmere mich nicht darum. Ich habe eine ganz bestimmte Vorstellung im Kopf, dass ich im Chaos untergehe, wenn das Selbst einmal hereinbricht, dass ich darin versinke. Aus Angst vor diesem Chaos klammere ich mich an jeden Strohhalm von außen. Doch damit vergeude ich mein Leben.

Teil 2: Verlasse das Ego – Löse die Identifikation – Sei glückselig und schöpfe aus dem Vollen

Schöpfende: Yannick Bennesch und Rebecca Wenk.

Lesezeit circa 20 Minuten + Zeit, die der Verstand, dich vom Lesen abzuhalten versucht.

Ein ewig quasselnder Kopf oder Verstand

Meine zweite winzige Herausforderung auf meinem Weg in mein Leben in einem meditativen Lebensprozess ist mein ewig quasselnder Kopf. Ich kann nicht einmal für eine Minute still sitzen, schon legt mein Kopf los: Wichtige und unwichtige, sinnvolle und sinnlose Gedanken laufen die ganze Zeit ab. Meine Gedanken sind ein konstanter Verkehrsstrom – und immer ist Stoßverkehr!

Ich sehe eine Blume und finde ein Wort dafür, ich sehe einen Mann über die Straße gehen und mache Wörter daraus. Mein Kopf kann alles Existenzielle in Worte übersetzen, alles ist bis jetzt umgesetzt worden. Diese Worte schaffen meine Herausforderung, diese Worte werden zu meinem Gefängnis. Dieser ununterbrochene Fluss, der Dinge in Worte verwandelt, der die Existenz in Worte presst, ist meine zweite Herausforderung. Dieser Gedankenfluss hindert meinen Geist daran, in meinen meditativen Lebensprozess zu fallen.

Für Wachstum meines meditativen Lebensprozesses ist deshalb die erste Voraussetzung, mir selbst die ständigen Wortbildungen in meinem Kopf bewusst zu machen und fähig zu werden, sie anzuhalten. Die Dinge einfach Sehen, ohne sie in Worte zu fassen. Mir selbst der Gegenwart der Worte bewusst sein, aber sie nicht in Worte verwandeln.

Selbst lasse ich Dinge ohne Sprache sein, lasse Menschen ohne Sprache sein, lasse Situationen ohne Sprache ablaufen. Das ist natürlich und möglich. Auch für mich selbst. Situationen, wie sie bis jetzt gewesen sind, sind künstlich, sprachlich gewesen. Sie sind von mir geschaffen, aber ich selbst habe mich daran so sehr gewöhnt, sie laufen mechanisch ab, so dass ich die Umwandlung gar nicht mehr mitbekomme. Ich scheine zu glauben, dass nur existiert, was in Sprache ist. Aber Worte sind nur Übersetzungen meiner Erfahrungen.

Die Sonne geht auf. Bisher war mir nie bewusst, dass zwischen dem Moment, wo ich selbst den Sonnenaufgang sehe und dem Moment, wo ich ihm Worte gebe, eine Lücke ist. Ich selbst sehe die Sonne, ich selbst spüre sie, und schon versprachliche ich den Sonnenaufgang. Die Lücke zwischen dem Sehen beziehungsweise den Wahrnehmungen und dem Versprachlichen ist verloren gegangen, ich nehme sie nie mehr wahr. In dieser Lücke, in diesem Zwischenraum muss ich mir selbst bewusst werden. Ich muss mir selbst der Tatsache bewusst werden, dass das, was das Wort „Sonnenaufgang“ beschreibt, kein Wort ist. Der Sonnenaufgang ist eine Tatsache, ein Teil meines Daseins, eine Situation. Mein Kopf hat Erfahrungen bis jetzt automatisch in Worte verwandelt. Diese Worte häufe ich an und sie stehen dann zwischen der Existenz – dem Existenziellen – und meinem Bewusstsein.

Mein meditativer Lebensprozess bedeutet Erleben ohne Worte, nicht-sprachliches Erleben. Sonst hindern mich die angehäuften Erinnerungen, mein sprachliches Gedächtnis daran, meinen meditativen Lebensprozess wachsen zu lassen. Meditativer Lebensprozess heißt, Situationen ohne sprachliche Kommentare zu erleben. Manchmal geschieht das spontan. Wenn ich jemanden liebe, passiert es. Wenn ich wirklich liebe, fühle ich einfach die Anwesenheit des anderen — ohne Sprache. Wenn sich zwei Liebende intim begegnen, werden sie still. Das liegt nicht daran, dass sie sich nichts zu sagen hätten. Im Gegenteil: Es gibt so eine Unmenge auszudrücken, dass sie davon überwältigt sind. Aber Worte stellen sich nicht ein, sie können es nicht. Sie kommen erst, wenn die Liebe weg ist.

Wenn ein Paar niemals still ist, wenn die beiden ständig reden, ist das ein Zeichen dafür, dass ihre Liebe gestorben ist. Jetzt füllen sie das Loch mit Worten. Wenn Liebe lebendig ist, fehlen einem die Worte, weil die Liebe so überwältigend ist und alles durchdringt, sodass meine Herausforderung Sprache überwunden wird, die Begrenzungen durch Worte sind aufgehoben. Und sie sind bis jetzt nur in der Liebe aufgehoben worden.

Mein meditativer Lebensprozess ist der höchste Gipfel der Liebe — Liebe, die nicht nur einem Menschen gilt, sondern der ganzen Existenz. Für mich ist ein meditativer Lebensprozess eine lebendige Verbindung mit der ganzen Existenz, die ich selbst bin. Wenn ich selbst jede Situation liebe, dann bin ich in diesen, meinen meditativen Lebensprozess eingetreten.

Die Gesellschaft gibt mir die Sprache. Sie kann gegenwärtig ohne Sprache nicht bestehen. Sie braucht die Sprache. Doch die Existenz braucht sie nicht. Ich soll nicht ohne Sprache existieren. Ich kann sie nutzen, doch der Mechanismus zur Versprachlichung sollte so eingesetzt werden, dass ich ihn anschalten und wieder abschalten kann. Wenn ich als soziales Wesen auftrete, dann benötige ich den Mechanismus zur Versprachlichung. Ohne ihn kann ich in meiner Gesellschaft nicht existieren. Aber wenn ich allein mit der Existenz bin, kann dieser Mechanismus abgeschaltet werden. Ich sollte in der Lage sein, ihn abzuschalten. Wenn ich das nicht kann, ist der Mechanismus durchgedreht. Wenn er sich nicht abschalten lässt und immer weiter läuft und ich es nicht schaffe, ihn abzuschalten, dann hat mich der Mechanismus in der Hand. Ich bin zu einem Sklaven geworden. Mein Kopf sollte ein Diener sein und nicht der Herr des Hauses. Aber er hat die Herrschaft übernommen. Wenn mein Kopf mich beherrscht, ist mein Zustand alles andere als meditativ. Wenn ich selbst Herr meines „Ichs“, meines Verstandes, meines Kopfes bin, wenn mein Selbst- Bewusstsein Herr und Meister ist, bin ich selbst in meinem meditativen Lebensprozess angekommen. In meinem meditativen Lebensprozess angekommen zu sein bedeutet also, den Mechanismus der Versprachlichung zu beherrschen, zu meinem eigenen Meister zu werden.

Mein Kopf und meine sprachlichen Fähigkeiten sind nicht das Höchste. Ich bin nicht mein Kopf, sondern jenseits davon, und die Existenz ist jenseits davon. Bewusstsein geht weit über Sprache hinaus, die Existenz steht weit darüber. Wenn mein Bewusstsein mit der Existenz verschmilzt, sind sie ein und das- selbe. Diesen Zustand nenne ich selbst meinen meditativen Lebensprozess. Die Vereinigung von meinem Bewusstsein und der Existenz ist mein meditativer Lebensprozess.

Sprache muss weggelassen werden. Damit ist nicht gemeint, dass ich sie verdrängen soll, dass ich sie unterdrücken oder abschaffen soll. Damit ist gemeint, dass etwas, was ich in meiner Gesellschaft brauche, zu einer Gewohnheit geworden ist, die rund um die Uhr in Funktion ist und so gar nicht benötigt wird.

Wenn ich gehe, muss ich meine Beine bewegen. Aber wenn ich sitze, brauche ich sie nicht zu bewegen. Wenn sich meine Beine im Sitzen weiter bewegen, bin ich geistig gestört, dann sind meine Beine verrückt geworden. Ich sollte in der Lage sein, sie abzuschalten. In der gleichen Weise benötige ich die Sprache nicht, wenn ich nicht mit jemandem rede. Sie ist ein Instrument, eine Technik zum Sprechen. Wenn ich etwas mitteilen will, sollte ich die Sprache nutzen. Aber wenn ich mit niemandem spreche, sollte sie nicht da sein.

Wenn ich dazu in der Lage bin — und es ist möglich, wenn ich selbst begreife und verstehe — dann kann ich in meinen meditativen Lebensprozess hinein- wachsen. Ich sage „wachsen“, weil die Vorgänge in meinem Leben keine toten Zustände sind, sondern immer Wachstumsprozesse. Deshalb ist mein meditativer Lebensprozess ein Wachstumsprozess und keine Technik. Eine Technik ist etwas Totes, sie kann mir aufgesetzt werden, doch ein Prozess ist immer etwas Lebendiges. Er wächst, er wird ständig größer. Ich kann ihn fördern, in dem ich diesen Text immer wieder lese und meine Aufmerksamkeit so auf das Selbst, meine innere Wirklichkeit lenke.

Sprache ist notwendig, aber ich sollte nicht darin hängen bleiben. Es muss Momente geben, in denen ich existenziell da bin und keine Worte nötig sind. Dieses existenzielle Sein bedeutet nicht, dass ich nur vor mich hin vegetiere. Mein Bewusstsein ist da, und zwar schärfer und lebendiger, als je zuvor, denn durch Sprache wird mein Bewusstsein abgestumpft. Sprache wiederholt sich zwangsläufig, aber die Existenz wiederholt sich nie. Deshalb erzeugt Sprache Langeweile. Je wichtiger mir Sprache ist, je mehr mein Geist sprachlich orientiert ist, desto mehr bin ich gelangweilt. Sprache ist Wiederholung. Die Existenz ist immer neu. Schaue ich eine Rose an, ist es nie eine Wiederholung. Eine Rose ist neu, ganz und gar neu. Sie ist nie zuvor gewesen und wird nie wieder sein. Sie ist für mich selbst zum ersten und zum letzten Mal da.

Wenn ich aber sage: „Das ist eine Rose“, ist das Wort „Rose“ eine Wiederholung. Es ist schon lange da und wird immer da sein. Ich habe das Neue mit einem alten Wort getötet. Die Existenz ist immer jung, und Sprache ist immer alt. Durch Sprache vermeide ich mein Leben, denn Sprache ist tot. Je mehr ich in Sprache verstrickt bin, desto mehr werde ich davon abgetötet. Ein Gelehrter ist vollkommen tot, weil er zu Sprache geworden ist. Er besteht nur aus Worten und nichts anderem. Sartre hat seiner Autobiographie den Titel „Die Wörter“ gegeben.

Bewusst in meinem meditativen Lebensprozess zu sein heißt Leben, totales Leben, und total leben kann ich nur dann, wenn ich still bin. Mit „Stillsein“ meine ich nicht „unbewusst sein“. Ich kann still und unbewusst sein, aber das wäre keine lebendige Stille, sondern Friedhofsstille. Und dann habe ich selbst wieder mein Ziel verfehlt.

Was kann ich also tun? Besonders wichtig ist, dass ich mich selbst beobachte und nicht versuche, meine Gedanken zu stoppen. Es ist nicht nötig, etwas dagegen zu unternehmen. Wer soll das überhaupt tun? Es wäre nur mein Kopf, der gegen sich selbst ankämpft. Ich würde meinen Kopf zweiteilen: in den, der versucht das Kommando zu übernehmen und den Chef zu spielen, und den anderen Teil, den er umzubringen versucht. Es ist absurd, ein idiotisches Spiel. Es kann mich verrückt machen. Ich versuche nicht, meine Seele oder Gedanken zu stoppen – ich selbst schaue einfach zu, lasse alles zu. Ich lasse meinem Geist total freien Lauf. Ich lasse ihn so schnell laufen, wie er will. Selbst versuche ich in keiner Weise, ihn zu kontrollieren. Selbst bin ich einfach nur Zeuge.

Das macht Spaß! Ich selbst beginne heute mein eigener Zeuge zu sein.

Mein menschlicher Verstand, mein „Kopf“ ist einer der wunderbarsten Mechanismen. Wissenschaftler waren bis jetzt noch nicht in der Lage, etwas Gleichwertiges zu schaffen. Mein Verstand ist und bleibt ein Meisterstück – so kompliziert und komplex, so ungeheuer kraftvoll, mit so vielen Möglichkeiten. Ich schaue einfach zu und genieße.

Und ich selbst betrachte meinen Verstand nicht als du, denn wenn ich ihn als du sehe, kann ich selbst nicht zuschauen. Dann bin ich selbst bereits voreingenommen, ich bin schon dagegen. Ich habe schon beschlossen, dass mit meinem Kopf etwas nicht stimmt, ich habe mich schon entschieden. Und immer wenn ich jemanden als mein du betrachte, kann ich mich nicht auf ihn einlassen. Genauso kann ich mich nicht auf etwas einlassen, dass ich vorher schon negativ bewertet habe. Ich schaue meinem du nicht in die Augen, ich meide ihn.

Meinem Verstand zuzuschauen, heißt, ihn mit großer Liebe, mit tiefem Respekt und mit Ehrfurcht zu betrachten. Er ist ein Geschenk der Schöpfung, des Ursprungs an mich selbst. Nichts an meinem Geist ist an sich verkehrt. Es ist für mich nicht falsch, zu denken. Es ist ein wunderbarer Vorgang, wie es auch andere Vorgänge sind. Wolken, die am Himmel entlang ziehen, sind schön. Warum nicht meine Gedanken, die an meinem inneren Himmel entlang ziehen? Knospen, die am Baum aufblühen, sind schön. Warum nicht meine Gedanken, die aus dem Sein entspringen? Der Fluss, der zum Meer fließt, ist schön. Warum nicht der Strom meiner Gedanken, der mit unbekanntem Ziel irgendwohin fließt? Ist er nicht wunderschön?

Ich schaue mit tiefer Ehrfurcht zu. Ich bin nicht mehr wie ein Kämpfer, sondern wie ein Liebhaber. Ich schaue mir die feinen Nuancen meines Geistes an, die plötzlichen Drehungen, die schönen Wendungen, wie er plötzlich springt und hüpft, die Spiele, die er spielt, die Träume, die er webt, die Fantasie, die Erinnerungen, wie er tausend und abertausend Male Vorstellungen erzeugt. Ich schaue zu. Während ich meinem Geist aus der Ferne zuschaue, ohne mich einzumischen, werde ich selbst nach und nach ein Gefühl dafür bekommen.

Und in dem Maße, wie sich meine Achtsamkeit vertieft, meine Bewusstheit tiefer wird, tauchen allmählich Lücken auf, Zwischenräume. Ein Gedanke geht, und der nächste ist noch nicht da. Es entsteht eine Lücke. Eine Wolke ist vorbeigezogen, die nächste kommt gleich — da ist eine Lücke.

In diesen Lücken kommt mir selbst eine erste Ahnung von meinem Prozess des „Kein-Geist“, des Nicht-Denkens. Ich selbst kann es auch einen Vorgeschmack von Zen und Tao und Yoga nennen. In diesen winzigen Pausen ist plötzlich der Himmel klar, und es scheint die Sonne. Meine Welt ist plötzlich voller Magie, denn alle Begrenzungen sind fort. Uber meinen Augen ist kein Schleier mehr. Mein Blick ist klar und durchdringt alles. Die ganze Existenz wird durchsichtig.

Am Anfang, in der Gewöhnungsphase sind diese Momente noch selten. Sie kommen nur ab und zu. Doch sie vermitteln mir selbst eine Ahnung davon, was Samadhiist – ein Teich der Stille. Diese kleinen Teiche kommen und verschwinden wieder. Doch nun weiß ich, dass ich auf der richtigen Spur bin. Und ich schaue weiter zu.

Wenn ein Gedanke kommt, schaue ich zu. Wenn eine Lücke kommt, schaue ich zu. Wolken sind schön, Sonnenschein ist ebenfalls schön. Nun bin ich nicht mehr wählerisch. Nun bin ich nicht mehr auf etwas fixiert. Ich sage nicht: „Ich möchte lieber nur Pausen.“ Damit würde ich mich blockieren, denn sobald ich mich darauf versteife, nur Pausen zu wollen, habe ich mich wieder gegen mein Denken entschieden. Und dann verschwinden die Pausen wieder. Sie kommen nur, wenn ich Distanz halte und mich nicht einmische oder gegen ankämpfe. Sie kommen — ich kann sie nicht machen. Sie geschehen von selbst, ich kann sie nicht zwingen zu kommen. Sie sind spontane Erscheinungen.

Ich schaue weiter zu. Ich lasse Gedanken kommen und gehen — wo immer sie hingehen wollen. Nichts ist verkehrt. Ich versuche nicht, sie zu manipulieren oder zu dirigieren. Ich lasse die Gedanken in völliger Freiheit ziehen. Und dann werden immer größere Pausen kommen. Ich werde erleben, welch ein Segen ein kleines „Satori“ ist — ein „Mini-Satori“: Minuten werden für mich ver- streichen, und kein Gedanke kommt. Es ist kein Verkehr da — totale Stille, ungestört.

Wenn die größeren Pausen kommen, werde ich nicht nur meine äußere Welt klar sehen, sondern mit größeren Zwischenräumen entsteht eine neue Klarheit: Ich werde in der Lage sein, meine innere Welt klar zu erkennen.

In den ersten Pausen sehe ich hinaus in meine Welt – die Bäume werden plötzlich grüner als sie jetzt aussehen. Ich werde um mich herum eine unendliche Musik vernehmen – Sphärenmusik. Ich bin plötzlich in Gegenwart des Ursprungs und Gottes: Ich bin von etwas Unsagbarem, Geheimnisvollen berührt, obwohl ich es nicht greifen kann. Es ist in meiner Reichweite und doch jenseits davon.

In den größeren Zwischenräumen geschieht dasselbe innerlich. Ursprung, Gott und Schöpfung sind nicht nur außen. Plötzlich stelle ich überrascht fest: Ursprung, Gott und Schöpfung sind auch in mir selbst. Sie sind nicht nur in dem, was ich sehe; sie sind auch in mir selbst, dem, der sieht — innen und außen. Doch selbst halte ich mich auch daran nicht fest.

Sobald ich selbst an etwas festhalte, bekommt mein Kopf neue Nahrung und kann weitermachen. Durch Zuschauen ohne Festhalten hört er von selbst auf, ohne dass ich mich bemühe, ihn zum Aufhören zu bringen. Und wenn ich anfange, Momente der Seligkeit einfach zu genießen, werde ich meine Fähigkeit entwickeln, meine Seligkeit für immer längere Zeiträume zu halten. Mit einiger Erfahrung werde ich schließlich selbst zu einem Meister darin. Nach einiger Zeit bin ich schließlich selbst Meister. Dann denke ich nur dann, wenn ich selbst denken will. Wenn Gedanken benötigt werden, nutze ich selbst meinen Kopf, meinen Verstand; wenn keine Gedanken benötigt werden, lasse ich ihn ausruhen. Es ist nicht so, dass mein Verstand plötzlich nicht mehr vorhanden ist. Er ist da, aber ich kann ihn benutzen oder auch nicht. Nun ist es meine Entscheidung. Es ist wie mit meinen Beinen: Wenn ich laufen will, nutze ich sie; wenn ich nicht laufen will, lasse ich sie ruhen. Meine Beine sind einfach da. In gleicher Weise ist mein Kopf immer da.

„Kein-Geist“ ist für mich selbst nicht gegen den Kopf, sondern bedeutet, darüber zu stehen, Selbstbeobachter, mein eigener Zeuge zu sein. Der Prozess von „Kein-Geist“ heißt nicht, dass meine Denkfähigkeit getötet oder zerstört wird, sondern ich selbst trete in meinen meditativen Lebensprozess ein, wenn ich beginne meinen Kopf so total zu durchschauen, dass ich nicht mehr immer zu denken brauche. Ich selbst habe mich, mein „Ich“, losgelassen. Mein Denken ist durch Begreifen und Verstehen ersetzt worden. Ich selbst werde jetzt anfangen, mich selbst zu begreifen und zu verstehen.

Nun bin ich selbst wieder Oberhaupt im eigenen „Haus“.

Selbst bin ich ganz und gar Meisterin meiner selbst.

Selbst bin ich nun wieder in Einheit mit der ganzen Existenz.

Selbst heiße ich mich herzlich willkommen, wo ich selbst jetzt hineinwachse werde. Ich freue mich selbst, dass ich meine inneren Widerstände hinter mir gelassen habe, um mich für diesen, meinen Wandel zu öffnen und endlich vollkommen ich selbst zu werden.