Sinnliche Wahrnehmung, Erkennen und Weisheit

Yannick BePunkt
Lehrer: Aristoteles
13. März 2017

Aristoteles rechnete Wahrnehmungen noch nicht zur Weisheit

Ich werde mich der Worte Aristoteles bedienen, um das auszudrücken, was ich mitteilen möchte. Ich habe genug gelesen, sodass ich alles, was ich erzählen möchte, mit den Worten anderer Menschen sagen kann. Ich habe keine Autorität. Ich will auch keine Autorität. Aber für dich ist das ein Problem, denn du hörst mir deshalb nicht zu. Den meisten Leserinnen und Lesern fällt es schwer, einem 29 Jahre alten Menschen glauben zu schenken. Vor allem in einer Gesellschaft, in der so viele Menschen studiert haben, die in Wirklichkeit jedoch nicht studiert haben. Wer nämlich in seinem Studium maximal die Literatur gelesen hat, die einem von Professoren und Dozenten vorgesetzt wurde, ist nichts weiter als ein Lemming. Und nun zum Thema dieses Beitrags.

J. H. von Kirchmann übersetzte Aristoteles’ Metaphysik. Ich zitiere aus dem ersten Buch, erstes Kapitel.

„Alle Menschen verlangen von Natur nach dem Wissen; ein Zeichen dessen ist ihre Liebe zu den Sinneswahrnehmungen, die sie, auch abgesehen von dem Nutzen, um ihrer selbst willen lieben; insbesondere die des Gesichts. Nicht bloß des Handelns wegen, sondern auch ohne solche Absicht zieht man das Sehen so zu sagen allem Anderen vor, weil dieser Sinn am Meisten von allen uns Kenntnisse gewährt und viele Unterschiede offenbart.
Den Thieren sind die Sinne von Natur angeboren, und ein Theil derselben behält eine Erinnerung von seinen Wahrnehmungen, ein anderer aber nicht; deshalb sind jene klüger und gelehriger als die, welche nichts zu behalten vermögen. Klug, aber nicht gelehrig sind die Thiere, welche die Töne nicht hören können, wie die Bienen und wenn es sonst noch solche Thiere gibt; dagegen sind diejenigen Thiere gelehrig, welche neben der Erinnerung auch diesen Sinn besitzen. Alle Thiere leben in ihren bildlichen Vorstellungen und Erinnerungen und haben nur wenig Erfahrung; das menschliche Geschlecht lebt dagegen auch in der Kunst und dem vernünftigen Denken. Aus der Erinnerung erwächst dem Mensch die Erfahrung; viele Erinnerungen desselben Gegenstandes bewirken die Kraft einer Erfahrung, und die Erfahrung scheint beinahe der Wissenschaft und Kunst gleichzustehen; wenigstens entwickelt sich bei dem Menschen die Wissenschaft und Kunst aus der Erfahrung; schon Polos hat den treffenden Ausspruch gethan, dass die Erfahrung die Kunst und die Unerfahrenheit den Zufall geschaffen habe. Die Kunst kommt zu Stande, wenn aus den vielen Vorstellungen der Erfahrung ein allgemeiner Gedanke für gleiche Dinge hervorgeht. So gehört es zur Erfahrung, wenn man nur weiss, dass dem an dieser Krankheit leidenden Kallas dieses Mittel zuträglich gewesen, und dass dies ebenso bei dem Sokrates und noch vielen anderen Einzelnen der Fall gewesen; dagegen gehört ein Wissen, dass allen solchen zu derselben Art gehörenden Menschen dies bestimmte Mittel bei einer bestimmten Krankheit, z. B. bei Verschleimung, bei Gallenleiden oder Fieber, hilft, zur Kunst. In Bezug auf das Handeln scheint die Erfahrung der Kunst nicht nachzustehen, vielmehr sieht man, dass die blos Erfahrenen die Sache besser treffen als die, welche nur die Begriffe innehaben; denn die Erfahrung ist die Kenntnis des Einzelnen, die Kunst aber die des Allgemeinen, und die Handlungen und Vorgänge sind immer einzelne. Der Arzt heilt nicht den begrifflichen Menschen; dies geschieht nur nebenbei; vielmehr heilt er den Kallas oder Sokrates oder einen Anderen, der nebenbei zugleich Mensch ist; hat daher Jemand nur die Begriffe, aber keine Erfahrung, und kennt er nur das Allgemeine, aber nicht das darunter gehörige Einzelne, so wird er bei seiner Kur oft fehlgreifen, da das Heilen mehr auf den Einzelnen geht. Dennoch meine ich, dass in der Kunst mehr Wissen und Verstehen enthalten ist als in der Erfahrung, und ich halte die Künstler für weiser als die blos Erfahrenen; jene stehen in ihrem Wissen der Weisheit näher, weil sie auch die Gründe kennen, was bei diesen nicht der Fall ist; diese kennen nur das Was, aber nicht das Warum; jene kennen aber auch das Warum und die Ursache. Deshalb gilt auch in jeder Sache der leitende Künstler für ehrenwerther und klüger und weiser als die Handlanger; Jener kennt die Ursachen des Unternehmens, während Diese gleich manchem Leblosen zwar thätig sind, aber nicht wissen, was sie thun; gleich dem Feuer, was brennt. Das Leblose wirkt vermöge seiner Natur; die Handlanger wirken vermöge Gewohnheit, während die Leiter zwar nicht in den einzelnen Verrichtungen, aber darin weiser sind, dass sie den Begriff besitzen und die Ursachen kennen.
Ein allgemeines Zeichen, dass man etwas weiss, ist, dass man es lehren kann, und deshalb halte ich die Kunst mehr als die Erfahrung für eine Wissenschaft; denn die Künstler können lehren, aber nicht die blos Erfahrenen. Auch rechne ich die Wahrnehmungen noch nicht zur Weisheit, obgleich sie das wichtigste Wissen von dem Einzelnen sind; sie geben nämlich bei keiner Sache den Grund an, z. B. nicht, weshalb das Feuer warm ist, sondern nur, dass es warm ist. Wahrscheinlich ist deshalb Der, welcher zuerst irgend eine Kunst über die gemeinsamen Wahrnehmungen hinaus erfand, von den Menschen nicht blos deshalb bewundert worden, weil er etwas Nützliches erfunden hatte, sondern auch weil er als ein Weiser von den Uebrigen sich unterschied. Nachdem nun mehrere Künste erfunden wurden, die entweder den nothwendigen Bedürfnissen oder dem Zeitvertreib dienten, galten die Erfinder der letztern immer für die Weiseren, weil ihr Wissen nicht blos auf den Nutzen ging; deshalb sind erst, nachdem all dieses Wissen erlangt war, diejenigen Wissenschaften entdeckt worden, welche weder der Lust noch der Nothdurft des Lebens dienen, und dies geschah zuerst in Orten, wo man Musse dazu hatte.
In meinen ethischen Schriften habe ich den Unterschied zwischen der Kunst und Wissenschaft und Verwandtem dargelegt; die jetzige Untersuchung erfolgt dagegen, weil man allgemein annimmt, dass die sogenannte Weisheit die ersten Ursachen und Anfänge behandelt. Hiernach erscheint, wie gesagt, der Erfahrene verständiger als Der, welcher nur irgend welche Wahrnehmungen gemacht hat, und der Künstler übertrifft wieder den blos Erfahrenen, und der Leiter des Geschäfts den Handlanger, und der Theoretiker den blossen Praktiker. Hiernach ist klar, dass die Weisheit die Wissenschaft von gewissen Ursachen und Anfängen ist.“

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Schlecht — SEIN/IST — Gut

Circa 6 Minuten Lesezeit

Glaubst du, dass wir in einer Welt, einem Universum leben? Glaubst du, dass es „die Welt“ gibt? Glaubst du, dass es eine von Menschen unabhängige Wirklichkeit gibt? Glaubst du, dass du ein winzig kleiner Mensch im Verhältnis zu einem riesengroßen Universum bist? Fühlst du dich ohnmächtig oder mächtig? Glaubst du, dass du die Welt nicht verändern kannst?

Wenn du all das glaubst, dann glaubst du bestimmt auch, dass es gute und schlechte Dinge, Vorgänge und Zusammenhänge gibt, richtig? Du glaubst bestimmt, dass Krieg etwas schlechtes ist, oder? Du glaubst bestimmt auch, dass ich glaube, dass diese Streifen hinter den Flugzeugen, von denen ich in letzter Zeit viel schreibe und spreche, etwas schlechtes sind, richtig?

Dann muss ich dich allerdings enttäuschen. Für mich sind sie nicht gut und nicht schlecht, denn ich bin mir bewusst, dass es auf die Grundannahme ankommt, von der ich ausgehe, damit sie gut oder schlecht erscheinen. Ich erzähle dir einfach mal, wie das ist.

Wenn ich davon ausgehe, dass ich gezielte Bevölkerungsdezimierung befürworte, dann sind diese Streifen, in denen dann hoffentlich schon diese gesundheitsschädlichen Metalle sind, nämlich etwas gutes. Denn sie sorgen dann dafür, dass die Menschheit von der Anzahl her weniger werden wird. Dann kann ich nämlich in meinem Wohlstand einfach weiterleben ohne zu verzichten.

Wenn ich davon ausgehe, dass ich gezielte Bevölkerungsdezimierung nicht befürworte, dann sind diese Streifen etwas schlechtes, sollten da bereits gezielt diese Metalle zugefügt worden sein, denn dann würden sie langfristig zu einer gezielten Bevölkerungsdezimierung führen. Das wiederum würde dann bedeuten, dass einige Menschen, die für das Zufügen verantwortlich sind, das Ziel verfolgen einen Teil der Menschheit durch Gesundheitsschäden auszurotten. Wenn ich dann jedoch einer von denen bin, der diese Dezimierung angeleiert hat, finde ich sie wieder gut.

Was für ein geiles Spiel oder? Alles nur eine Frage der Perspektive. Deshalb sage ich dir. Ich mache nur auf das aufmerksam, was ist. Ob das gut oder schlecht ist, entscheidest du für dich selbst. Für mich gilt: das ist. Und deshalb erfasse ich das, was ist. Und wenn wir belogen werden, dann ist mir egal, warum wir belogen werden. Es ist für mich aus meiner wissenschaftlichen Perspektive nur interessant, ob es gemacht wird. Und für mich hat es nach all meinen Recherchen den Anschein als wäre etwas geschehen. Entweder wurde den Treibstoffen in den letzten Jahrzehnten ein Additiv zugefügt, in dem diese Metall enthalten sind oder sie stammen als Abrieb aus den Triebwerken. Für mich ist aber vor allem interessant zu erfahren, warum die Streifen wirklich stehen bleiben und warum es so viele Menschen gibt, die glauben, dass wir ausgerottet werden sollen. Denn darauf läuft die Angst vieler Menschen ja scheinbar hinaus. Und dann interessiert mich noch, wie es sein kann, dass Menschen mit gesundem Geist, zumindest behaupten sie das von ihrem Geist, sich mit dieser Thematik einfach strikt nicht auseinandersetzen wollen und deshalb zu unglaublich krassen Methoden greifen, um Andersdenkende niederzubügeln. Und das mit vollkommen schlechten Argumenta-tionen, die in den meisten Fällen nicht einmal Argumente enthalten. Totschlag-argumente sind ein beliebtes Mittel der Flugzeugenstreifenleugner. Und das erschreckt mich dann doch manchmal ein wenig. Dass „man“ mit diesen Menschen kein Stück sachlich sprechen kann, obwohl sie immer wieder diejenigen sind, die dann nach Beweisen schreien, wenn „man“ ihnen etwas vor Augen führt, was sie selbst verdrängt haben oder verleugnen.

Mich langweilen diese Art von Menschen einfach. Sollen sie doch wenigstens mal selbst ein Buch lesen, bevor sie klugscheißern. Aber nein, sie käuen ein aufs andere Mal die Argumente aus der Leierkiste oder der Klatschpresse nach. Das ist zum Mäuse melken. Da frage ich mich, ob das die gleiche Art ist wie ich.

Wir wenig Ruhe müssen diese Menschen für sich selbst gehabt haben. Ihr Verstand scheint sie niemals in Frieden zu lassen. Denn wer auch nur einmal wirklich im Jetzt eingekehrt ist, wird umgehend erkennen, dass das alles nur seine eigene Abstraktion von etwas ist, dass unsprachlich, unwörtlich ist. Und dieses Etwas, das Leben, die lebendige Welt, in der sich jede und jeder einelne wiederfindet, ist unendlich. Ja, dieses Etwas ist ewig. Und es ist niemals gut und nicht schlecht. Das sind doch nur Worte. Die haben sich Menschen ausgedacht. In der allem zugrundeliegenden Wirklichkeit gibt es kein gut und schlecht. Da ist nur Sein. Und dieses Seins kann ich mir als Mensch bewusstwerden. Oder ich kann mich mit „Brot und Spielen“ bis ans Ende meines kleinmenschlichen Lebens ablenken. Wie arm-selig und genau für solche Menschen ist dieses Wort. Arm-selig. Du bist arm-selig, wenn du nicht kapierst, dass der Sinn des Lebens Bewusstwerden ist. Du bist arm-selig, denn du bist auf deinen Verstand reduziert. Du glaubst, dass du deine Gedanken bist, dein Körper und das dein Geist in deinem Kopf entspringt und an ihn gebunden ist. Was für ein Quatsch. Wach auf. Wir sind erwachende Götter und Göttinnen. Jede und jeder einzelne. Und auch die Luft, die Abgase der Flugzeuge sind Gott. Auch das Meer und die Pflanzen und die Tiere sind Gott. Und was du als schlecht bewertest sind deine inneren Projektionen. Das sind deine Baustellen, an denen du wachsen kannst. Über dich selbst hinauswachsen kannst.

Peace. Tue es!

Beobachtung und bewusstes Beobachten

Schöpfende: Yannick Bennesch und Rebecca Wenk.

Lesezeit circa 5 Minuten.

In diesem Artikel wird die menschliche Fähigkeit zu Beobachten und bewusst zu Beobachten sowie die Beobachtung als Ergebnis des Beobachtens beschrieben, damit du eine Möglichkeit bekommst, sie als Erklärung annehmen und daraufhin für dich selbst nutzen zu können. Unser gemeinsames Ziel in diesem Kapitel ist es, einen Begriff und ein tiefverwurzeltes Verständnis von und über das Beobachten als menschliche Fähigkeit, das bewusste Beobachten als Beobachten 2.0 und die Beobachtung als Ergebnis beider Arten des Beobachtens zu erlangen. Als Schreibender verfolge ich zudem das Ziel, meine Beschreibungen dieser drei Worte und ihrer Bedeutungen so ausführlich wie nötig und gleichzeitig so kurz wie möglich darzulegen. Ein Ziel der Leserin oder des Lesers kann das Interesse an neuen Mitteln und Werkzeugen zur Gestaltung deiner selbst und deiner Wirklichkeit sein.

Einfach zu beobachten bedeutet mit Hilfe der äusseren Sinnesorgane, insbesondere der Augen, Dinge, Vorgänge oder Zusammenhänge in der äusseren Welt aufmerksam wahrzunehmen, ohne die eigene Aufmerksamkeit vorher bewusst auf etwas Bestimmtes gerichtet zu haben. Es handelt sich hierbei demnach um nicht-bewusstes Beobachten und bezieht sich auf die eigene äussere Welt oder Bestandteile von ihr.

Bewusstes Beobachten hingegen kann in zwei Richtungen stattfinden: nach Aussen und nach Innen. Das bewusste äussere und innere Beobachten unterscheidet sich von dem des Unbewussten durch die vorherige Ausrichtung der eigenen Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Ding, einen bestimmten Vorgang oder einen bestimmten Zusammenhang, zu einem vorher bekannten Zweck und einem festgelegten Ziel.

Beobachtungen sind das Ergebnis des Beobachtens in all seinen Formen. Aus Beobachtungen kann Ich selbst und können andere Erkenntnisse gewinnen und Schlüsse ziehen. Diese Schlüsse können weiterverwendet werden, um das eigene innere Wachstum im Umgang mit der eigenen Welt (Aussen und Innen) zu fördern.

Selbst-Beobachtung ist das Ergebnis eines Ichs, welches sich zuvor selbst beobachtet hat. Wenn Ich zuvor die Aufmerksamkeit unbewusst oder bewusst auf das eigene Empfinden, Fühlen, Denken, Handeln und daraus entstehende Folgen gerichtet hat, können als Ergebnis Selbst-Beobachtungen entstehen, aus denen Erkenntnisse gewonnen und Schlüsse gezogen werden können, die das innere Wachstum, losgelöst von Raum, Zeit und Materie, auf eine besondere Weise beflügeln.

Mit den Gedanken, die ein Ich denkt oder mit den Worten, die ein Ich hört, werden Gefühle in dem Ich ausgelöst, die Ich fühlen kann. Durch häufigen Mangel an Ruhe- und Stille-Phasen kann Ich sich selbst nicht oder nur selten wahrnehmen. Wenn Ich seine innere Welt besser kennengelernt hat und sie frei von Bedingungen annimmt, wird Ich nach und nach die Fähigkeit fertigen, all seine Gedanken und Gefühle mit Hilfe des Frage-Wortes „Warum?“ hinterfragen und zu ihren Ursprüngen zurückzuverfolgen. Und mit Hinterfragen ist hier nicht automatisch Infrage stellen gemeint. Das könnte ein zweiter Schritt eines Ichs danach sein. Zuerst aber zurück zu dem ersten Schritt: Hinterfragen. Am Anfang ist es wahrscheinlich, dass es in dir erstmal nur so vor lauter Gedanken und Gefühle schwirrt und Selbstbeobachtung geistig und körperlich anstrengend für dich ist. Auch das ist normal, wenn du dich bisher noch nie in diese deine innere Welt begeben hast. Deshalb fange ganz in deinem Tempo an. Setze dich nicht unter Druck. Jeder innere Druck wirkt hemmend auf dein inneres Wachstum. Warum habe ich mir Notizen gemacht? Ich liebe Schreiben. Ich liebe meine Sprache. Zu Beginn (das war im Frühling 2013) war ich mir überhaupt nicht bewusst darüber, warum ich anfing die Beschreibungen meiner selbst aufzuschreiben. Ich hatte ein großes Skizzenbuch von meiner Mutter geschenkt bekommen als es mir schlecht ging. Also habe ich angefangen meine Gefühle in Worten greifbar zu machen und meine Gedanken aufzuschreiben. Ich habe so mit meinen Notizen zahlreiche meiner eigenen Wachstumsprozesse und der meiner Freundinnen und Freunde dokumentiert und auf diese Weise über Jahre hinweg inneres Wachstum aus der Innenperspektive bei mir selbst und aus der Außenperspektive bei meinen Mitmenschen beobachten können. Ab einer für jede und jeden selbst fühlbaren Stufe der Beobachtungsfähigkeit können wir alle auch aktiv selbst gestalten.

Objektive Realität

Schöpfer: Yannick Bennesch.

Lesezeit circa 4,5 Minuten.

Mit dem Begriff „Objektive Realität“ bezeichne ich die Annahme einer unabhängig von Subjekten existierenden Welt oder Wirklichkeit. Ein Weltbild, das auf dieser Annahme aufbaut, ist ebenso monotheistisch wie das christliche Weltbild.

„Die Wahrheit“ stellt dann lediglich ein neues Wort für „Gott“ dar.

Wer eine „Objektive Realität“ glaubt, dessen Welt ist schwarzweiß.

Unser kulturell geprägtes Weltbild

Wie steht es mit meinem Weltbild? Wie steht es mit deinem Weltbild? Leben wir in unserer Kultur in einem Weltbild, dem die Annahme einer objektiven Realität zugrunde liegt?

Wenn wir den Gesprächen lauschen, denen wir in unserem Alltag begegnen, können wir erkennen, wie selbstverständlich wir beispielsweise über „die Welt“, „das Universum“ oder „das Leben“ sprechen.1 Immer reden wir so als würden wir von „der Welt“ sprechen. Unter der Bedingung, dass jeder Mensch seine innere Welt in die äußere Welt projeziert, gehen diese Menschen davon aus, in einer objektiven Realität zu leben. Ich habe mich und meine Mitmenschen fünf Jahre lang intensiv und bewusst beobachtet. Dabei bin ich deshalb auch zu dem Ergebnis gekommen, das unser kulturell geprägtes Weltbild auf der Annahme einer objektiven Realität basiert.

In zahlreichen Gesprächen habe ich hinterfragt, ob mein Gegenüber davon ausgeht, wir würden alle in ein und der selben Welt leben. Dies wurde von der überwiegenden Mehrheit mit „Ja“ beantwortet. Rückblickend betrachtet wurde uns das gleiche auch in der Schule beigebracht. Niemals wurde auch nur die Möglichkeit genannt, wir könnten jeder in einer eigenen Welt leben, in denen wir einander begegnen können und die wir nur so ähnlich wahrnehmen, weil wir als ‚homo sapiens‘ mit den gleichen Sinnesorganen ausgestattet sind, die auf gleiche Weise funktionieren. Als ich bereits studierte, wurde mir klar, dass auch in den Wissenschaften alle mir bekannten und offiziell als wissenschaftlich anerkannten Disziplinen auf der Annahme einer „objektiven Realität“ basierten. Besonders erstaunlich fand ich, dass es von Seiten der Lehrenden niemals einen Impuls gab, diese grundlegende Annahme zu artikulieren. Erst durch meine Lektüre von „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ von Thomas S. Kuhn erlangte ich selbst einen umfangreicheren Einblick in den Themenkomplex der Paradigmen (Weltbilder).

In unserem kulturell geprägten Weltbild gehen wir also zumeist davon aus, in einer von uns unabhängig existierenden Welt zu leben. Im Umkehrschluss endet das Subjekt an seinen Körpergrenzen und dort beginnt „die Umwelt“. Als Mensch nehme ich mich selbst durch diese Grundannahme unbewusst als winzig klein wahr und „die Umwelt“ als unfassbar komplex. Hinterfrage das nur einmal bei dir selbst, um herauszufinden, ob meine Beschreibung passt. Weiterhin lässt sich über unser kulturell geprägtes Weltbild sagen, dass es auf der Annahme gründet, die Materie sei das ihm zugrundeliegende und alles andere (wie bspw. Bewusstsein) sei zufällig aus ihr hervorgegangen. Unser kulturell geprägtes Menschenbild basiert auf der Annahme, der Mensch sei ein Körper mit einem Bewusstsein und das Denken geschehe im Gehirn (im Kopf). Frage dich auch hier einfach selbst, wie du darüber denkst und was du für „die Wahrheit“ hältst. Du wirst eine Antwort erhalten. Wenn du die Antwort für die Wahrheit hältst, bekommst du sogleich einen weiteren Hinweis auf die Grundstrukturen deiner Denkweise. Du glaubst an das Konzept der Wahrheit, was ebenso auf die Annahme einer objektiven Realität hindeutet.

Die Annahme einer objektiven Realität stellt eine gedankliche Konstruktion dar und ist somit nur für denjenigen wirklich, der diese Grundannahme für „wahr“ hält. Das hat bereits Jakob von Uexküll in seinem Buch „Nie geschaute Welten“ geschrieben und auch die Theorie der lebenden Systeme von Humberto Maturana und Franscisco J. Varela baut auf der Annahme subjektiver Wirklichkeiten und darauf aufbauenden intersubjektiven Wirklichkeiten auf.

Wenn wir diese Grundannahme, die zu einem beträchtlichen Teil unsere Wahrnehmung beeinflusst, verändern, erlangen wir dadurch eine unglaubliche Erweiterung unserer Handlungs- und Gestaltungsspielräume.

Stell dir nur mal vor, mit welchem Empfinden du deiner Welt begegnen würdest, würdest du dir ständig bewusst sein, dass sie ein Teil von dir ist? Dann stellt sich die Frage, ob wir kollektiv immer noch unsere Erde als Lebensgrundlage zerstören würden?

Selbstdenkend! Keine allgemeingültige Wahrheit!

Orientierungswissen durch eigene Urteilskraft

Der Wille / Freier Wille / Willenskraft

Für mich ist das, was mit dem Wort Wille beschrieben wird und ich darunter „begreife“ (Begriff), ein Prinzip des menschlichen Geistes, der durch unser jeweiliges „Ich“ repräsentiert wird. Das „Ich“ ist eine sprachliche, in unserer Gesellschaft vor- und beherrschende Konstruktion. Ich denke, dass ich will und reagiere damit im Endeffekt auf ein Gefühl, während ich denke, dass ich eine Entscheidung treffe.

Woher kommt das Gefühl? Warum ist es da? Was ist sein Zweck? Was löst diese antreibenden Gefühle aus?

„Ich will etwas“. Subjekt, Prädikat und Objekt. Der Wille ist also etwas, was zwischen dem Träger des Willens und dem Gewollten steht. Der Wille ist also ein bewegendes Prinzip und entsteht mit der unbewussten oder bewussten Entscheidung zu etwas, was „ich will“, die sich in den meisten Fällen meiner Wahrnehmung entzieht, weil die gewohnten Muster meines Handelns mich unbewusst auf Gefühle reagieren lassen. Ein freier Wille scheint damit bei den Menschen widerlegt, die sich selbst nicht bewusst sind. Sie haben Willen, aber sie wissen nicht, wodurch dieser ausgelöst werden. Mit dem Punkt, den viele dann Entscheidung nennen würden, also der Entstehung eines „Ich will“/Willens sollte eine Kraft aktiviert werden, die wohl Willenskraft heißt. Sie bildet den Antrieb, das, was „ich will“ auch zu erreichen.

Der Wille ist das bewegende Prinzip eines „Ichs“, etwas zu „haben“, was „ich“ bisher „nicht habe“. „Ich bin“ also getrennt von dem, was ich „will“.

Selbst kann ich keinen Willen haben, weil selbst bin ich ständig ungetrennt von allem anderen im Universum. Selbst bin oder werde ich, aber selbst kennt kein Wollen.

Mit der Sprache kann ich also erst anfangen zu wollen, haben zu wollen, sein zu wollen und so weiter. Dann scheine ich ein leerer Trog zu sein und will ganz viel. Da ich darauf angewiesen bin, dass meine Eltern mir ihre Welten zeigen, damit ich eine eigene, aus dem von aussen bezogenen, entfalten kann, bin ich von Geburt an von aussen bestimmmt. Mein Wille kann also gar nicht „frei“ sein, weil „ich“ vollständig von aussen „programmiert“ bin. Später komme ich in die Pubertät und tue schlicht und einfach das genaue Gegenteil von dem, was meine Eltern mir vorgelebt haben, im Unterschied zu unserer Elterngeneration, bei der es „normal“ war, das Leben der Eltern weiterzuleben und „zu entwickeln“. Das Gegenteil ist aber stets nur die Umkehr von dem, was mir gezeigt und vorgelebt wurde, also hat es mit Freiheit auch nicht wirklich etwas zu tun.

Erst wenn „ich“ erkenne, dass diese beiden Pole nicht „mein Zentrum“ und „mein eigen“ darstellen, dann kann „ich“ zu der Einsicht gelangen, dass mein wahres Zentrum ausserhalb meines „Ichs“ ist, was „ich“ nur von dem einen Pol zu seinem gegensätzlichen Pol verschoben habe, um „mich“ von Eltern und Umwelt abzugrenzen. Selbst bin ich von diesen beiden Polen unterschieden. Die Wahrheit liegt bekanntlich irgendwo in der Mitte. So wie es das Wort Zentrum schon in seiner Bedeutung trägt. Da es aber in diesem Fall gar nicht um Wahrheit geht, sondern viel mehr um Wahrhaftigkeit würde ich sagen, mein wahrhaftiges Selbst geht von einem Ort/Punkt aus, das ist das Zentrum und von dort aus spannt sich mein Selbst bis in die Unendlichkeit/Ewigkeit auf, denn selbst bin ich nicht Eines, sondern eine individuelle, potenzielle Unendlichkeit.

Kreislauf des Eingeständnis – eingestehen

Schöpfende: Yannick Bennesch und Rebecca Wenk.

Lesezeit circa 11 Minuten.

Zu diesem Wort schreibt der Duden: (besonders eine Schwäche, einen Fehler) schließlich zugeben, offen aussprechen. Ich gestehe mir meine Fehler und Schwächen ein. Du kannst dir deine Fehler und Schwächen auch eingestehen.

Wir können uns unsere Fehler und Schwächen eingestehen. Wenn wir das tun, dann sind das Eingeständnisse, die uns dabei helfen, über uns hinauszuwachsen.

Warum ist es für viele so schwer, sich eigene Fehler und Schwächen einzugestehen und diese offen auszusprechen?

Ich beobachtete in mir, wie sich diese Prozesse gestalten. Wenn ich einen Fehler machte oder mir einer Schwäche bewusst wurde, spürte ich ein „negatives“, zu vermeidendes Gefühl. Am Anfang habe ich mich deshalb immer wieder von mir abgewendet, denn ich war nicht mutig genug, um meine eigenen Fehler und Schwächen anzunehmen, sie anzuerkennen und sie in mich selbst zu integrieren. Ich reagierte in vielen Fällen mit Verdrängung, womit das Verdrängte in das Unbewusste abrutschte und dort für mich nicht mehr zugänglich war. Da ein Großteil meiner Entscheidungen aus dem Unbewussten heraus gefällt wurde, konnte ich die Folgen meines Handelns nur in einigen Fällen, wenn ich bewusst Entscheidungen getroffen habe, abschätzen. Da wir jeden Tag mit tausenden von Botschaften überflutet werden und nur einen kleinen Teil davon bewusst verarbeiten, ist unser Unbewusstes gefüllt mit Informationen, die sich in der Dynamik unserer Psyche auswirken. Eingestehen ist die Fähigkeit, mutigen Blickes die eigenen Fehler und Schwächen zu beobachten, zu reflektieren und anzunehmen, um sie als mögliche Folge anders zu gestalten. Durch das Eingeständnis wurden mir plötzlich vorher unbewusste Informationen zugänglich und somit veränderbar. Damit ich mir meine Fehler und Schwächen eingestehen kann, ist es notwendig, dass ich mich annehme und ebenso mich selbst als Einheit aus Bewusstsein und Unbewusstem.

Wie kann ich bewusst akzeptieren?

Wie das Akzeptieren abläuft und von mir bewusst gesteuert werden kann, lernte ich durch einen Film namens „Collapse“ kennen, worin Elisabeth Kübler-Ross, eine weltweit bekannte Sterbeforscherin, und ein von ihr entwickeltes Modell, dass den Titel trägt: „The Five Stages of Grief“, angesprochen wird.

Mit diesem Modell ist für mich das Annehmen ganz leicht geworden und je mehr ich übte, desto leichter fiel es mir, ganz einfach und direkt bestimmte Charakterzüge meines „künstlichen (kybernetischen) Ichs“ abzulegen.

Ich entwickelte dieses Modell weiter, um nicht Sterbende und Angehörige beim Akzeptieren des körperlichen Todes zu begleiten, sondern um ganz bewusst und wann ich es möchte Teil meines bewussten Ichs loslassen zu können. Ich habe sehr schnell erkannt, dass ich dieses Modell auf das Sterben oder Gehenlassen oder Annehmen und Loslassen von Charakterzügen, die mich an meiner Selbstentfaltung und Selbstgestaltung hinderten, anwenden kann.

Im Folgenden bestimme ich also die fünf Phasen „Leugnen“, „Zorn“, „Verhandeln“, „Niederdrückung“ und „Annahme“. Darauf folgen dann am Beispiel meines Ichs, wie sich diese Phasen beschreiben lassen.

1. Phase: Leugnen (denial)

Leugnen bedeutet, dass ein Mensch etwas für nicht zutreffend hält oder etwas nicht wahrhaben will und es deshalb für nicht bestehend erklärt.

 

Bsp.: In dieser Phase habe ich versucht, mir schön zu reden, wie es gewesen ist. Ich redete mir ein, dass ich nichts an mir ändern muss und alle anderen falsch liegen, die mich auf meine Makel oder von der anderen Seite Lernpotenziale aufmerksam gemacht haben. Ich habe mich innerlich tief traurig und enttäuscht gefühlt, da mein höheres selbst ganz genau begriff, dass ich mich selber belogen habe. Ich haben zu dieser Zeit meine Fehler und Schwächen verleugnet, weil ich sie nicht als Herausforderungen und unentwickelte Stärken erkannt habe Doch mit einiger Zeit habe ich mich so tief in meine eigene Verleugnung verstrickt, dass es mir immer schlechter gegangen ist. Bis mein eigenes Fühlen immer tiefer werdender innerlicher Traurigkeit und Enttäuschung über meine eigene Sturheit mich in die zweite Phase beförderte.

 

2. Phase: Zorn (anger)

Zorn bedeutet ein scharfes und scheinbar unüberwindbares Gefühl des Unwillens über etwas zu spüren, was ein Mensch als Unrecht wahrnimmt und den Wünschen des Ich oder Verstands entgegensteht. „Der Kopf sagt NEIN.“ Ein zorniger Mensch ist gefangen in den selber konstruierten Richtlinien und Vorstellungen. Zudem ist ein solcher Mensch vom Beginn bis zur Mitte dieser Phase völlig uneinsichtig und neigt zu Selbstzerstörung, womit ein zorniger Mensch immer auch seine Mitmenschen und Mitwelt in Mitleidenschaft zieht, was zu einem wachsenden schlechten Gewissen führt. Doch dieses will ein Mensch, der sich in dieser zweiten Phase befindet, keinesfalls wahr haben.

Beispiel: Irgendwann ging es mir so dreckig, dass ich nicht mehr nur noch traurig und enttäuscht war, sondern innerlich wütend und zornig wurde. Ich konsumierte Substanzen, um mich dumpf zu machen. Aber im Verlauf dieser Phase ist mir immer nur noch beschissener gegangen, bis ich mich in Phase drei eintreten ließ.

3. Phase: Verhandeln (bargaining)

Verhandeln bedeutet zu beginnen mit sich in einen inneren Dialog einzutreten und mir selber Fragen zu stellen, ob ein Mensch mit ihrer/seiner bisherigen Meinung nicht möglicherweise doch in eine Sackgasse geraten ist. Nun ist der innere Druck durch Phase zwei so groß geworden, dass das Kartenhaus kurz vor dem Zusammenstoss steht. Also beginnt sich die innere Gedankenspirale zu drehen. Ein Mensch, der sich in Phase drei befindet, probiert unterschiedliche Betrachtungsweisen durch, um so zu hinterfragen, ob die gewohnten Richtlinien und Vorstellungen, an denen dieser Mensch bis dahin wie verrückt festgehalten hat, möglicherweise doch zu überdenken und zu überwerfen seien.

Bsp.: Als sich dann eine Frau aus meinem Leben verabschiedete, erreichte ich langsam aber sicher meinen Tiefpunkt. Ich isolierte mich mehr und mehr von der Aussenwelt und las eine Studie nach der anderen, über den Zustand unserer Umwelt. Ich wurde immer trauriger und zog mich immer mehr zurück. Ich stand in einem ständigen Spannungsverhältnis zwischen Ich und Ich selbst. Ich verhandelte mit mir selbst. Mir wurde immer mehr der Widerspruch klar, in dem ich selbst zu dieser Zeit lebte. Doch nach aussen hin, konnte ich immer noch meine Maske tragen, hinter die niemand in der Lage war zu schauen, bei dem ich nicht wollte, dass ich selbst sichtbar werde.

 

4. Phase: Depression – Niederdrückung (depression)

Depression ist das Fachwort für Niederdrückung, Senkung. Niederdrückung, Senkung bedeutet, sich mit Hilfe der eigenen Gefühle und Gedanken kleiner zu machen als ein Mensch es in Wirklichkeit ist. Die Liebe zu sich selbst ist Auslöser für diese tiefe Niederdrückung des Ich mit seinen überholten Richtlinien und Vorstellungen, an das es sich geklammert hat. Diese Traurigkeits-Energie braucht ein Mensch, um auch in die letzte Phase eintreten zu können. Mit der Zeit der Niederdrückung, Senkung wird ein Mensch/Ich immer und immer kleiner, bis dieser Mensch die nächste Stufe des Eingestehens-Vorgangs einleitet.

Beispiel: Mit den Semesterferien im Frühjahr 2013 kam die Depression an einen so tiefen Punkt, dass sie sich plötzlich auflöste und ich wieder das Licht erblicken konnte. Zum Ende der Semesterferien hatten wir (ich und meine Mitbewohner) wieder eine gemeinsame Wohngemeinschaft. Hier ist endlich wieder ein Raum für mich gewesen, in dem ich Zeit und Ruhe mit mir selber gehabt habe, um mich mit der Überwindung meiner alten Ich-Strukturen auseinanderzusetzen.

 

5. Phase: Akzeptanz – Annahme (acceptance)

Akzeptanz ist das Fachwort für Annahme. Annehmen bedeutet aus der eigenen Liebe heraus, eine eigene Wahrnehmung zu verinnerlichen. Annehmen ist die Grundvoraussetzung dafür, etwas loslassen zu können. Dafür braucht es Vergebung und dies nicht einem anderen gegenüber, sondern sich selbst.

Bsp.: Als wir Anfang April in unsere WG gezogen sind und ich das erste Mal nach Jahren wieder ein Zimmer bewohnte, in dem ich mich ausbreiten konnte, weil ich nicht schon beim Einzug wusste, wann ich wieder ausziehen würde. Diese Erfahrung, mein eigenes Zimmer ganz allein zu gestalten. Das war schön und machte mir sehr viel Freude. Damit einher ging dieser Prozess des Akzeptieren auf sein Ende zu. Ich konnte mir an einem gewissen Punkt verzeihen. Immer mehr wurde ich mir selbst bewusst, dass ich selbst meine künstlichen Ich-Strukturen auflösen möchte. Ich begann zu verstehen, was ich bereist lange begriffen hatte. Mein Gefängnis bin ich. Ich konnte mit mir selbst nun Frieden schließen. Wir hatten uns voneinander getrennt, aber wir entschieden uns an dieser Stelle uns wieder miteinander verbunden zu denken. Mit dem „Ende“ dieses Zyklus hatte ich ein Instrument entwickelt, mit dem es möglich ist, den eigenen Annehmensvorgangs bewusst zu beobachten und bewusst zu gestalten.

Der Beispiel-Vorgang

In den Beispielen beschreibe ich den Vorgang des Annehmens, den ich, nachdem ich den oben genannten Film („Collapse) mehrfach gesehen hatte und mir daraufhin Bücher und Artikel von Elisabeth Kübler-Ross aus der Universtitäts-Bibliothek und dem Intranet meiner Universität besorgt hatte, endlich nicht nur begriff, sondern auch verstanden habe. Von da an war ich mein eigener Meister dieses Vorgangs und ich konnte ihn bewusst durchlaufen. Und das habe ich seitdem immer und immer wieder mit unterschiedlichsten Aspekten meines Ichs durchlaufen. Auf diese Weise habe ich plötzlich meine eigene Bewusstseinsentwicklung und stetige, weitere Differenzierung bewusst in selbst in Hand nehmen können und bin ab diesem Zeitpunkt nicht mehr auf Impulse aus meiner Um- bzw. Mitwelt angewiesen gewesen. Und ich wollte raus und weg aus meinem fast ein Jahrzehnt andauernden Depressions-Zustand. Ich wollte endlich glücklich sein. Und so machte ich mich auf meinen Weg zu mir selbst, wo ich nur noch Liebe gefunden habe, die hin und wieder von Angst verdeckt ist. Sie hält mich dann wieder von etwas zurück und dann merke ich das und durchlaufe bewusst diesen Kreislauf des Eingestehens erneut und das einfach in meinem Geist. So habe ich mich, was das Annehmen angeht, von Raum und Zeit ablösen können.

Diese Anleitung schenke ich dir, euch und uns allen, weil ich sie für sehr nützlich halte. Sie hat schlicht und einfach meinem Leben einen ganz neuen „Drive“ gegeben.

Unendliche und ewige Liebe für dich. Nach dem Lesen mach dir ein Lied oder ein Set an, möglichst ohne Gesang und dann lass sacken.

 

 

Teil 1: Verlasse das Ego – Löse die Identifikation – Sei glückselig und schöpfe aus dem Vollen

Schöpfende: Yannick Bennesch und Rebecca Wenk.

Lesezeit circa 26 Minuten + Zeit, die der Verstand dich davon abzubringen versucht.

Einführung

Wenn du die von den Worten ausgehenden, heilenden Impulse nutzen willst, ist eine notwendige Bedingung, dass du unvoreingenommen und offen an diese Worte herangehst. So fällt es dir leichter, auf friedliche Weise in deinen meditativen Lebensprozess einzutreten. Diese Worte können für dich einen Eingang zur Seele darstellen, zu deinem einzigartigen Selbst, dass du selbst bist. Du kannst mit dieser Konzeption dein Ich in das Selbst integrieren und die Grenzen deines Ichs in das Selbst/in die Seele transzendieren. Dann wird dein Ich nicht mehr in den Grenzen deines Ichs eingesperrt sein, sondern kann selbst, aus dem selbst heraus und durch sich, durch dein Ich hindurch, sein.

Alt gegen neu

Wenn du immer noch willst, wenden wir uns jetzt den zwei Herausforderungen zu. Die Herausforderungen bestehen darin, sich gegen das eigene Ich durchzusetzen und die inneren Widerstände ohne Wertungen wahrzunehmen, zu erkennen und bewusst Entscheidungen gegen die inneren Widerstände zu treffen (wie bspw. weiterlesen). Die inneren Widerstände werden vom Individual-Bewusstsein („Ich bin.“; abgetrennt, Einzelwesen) hervorgebracht, dass seinen manifestierten Abdruck in der linken Gehirnhälfte findet. Dort befindet sich laut Jill Bolte Taylor das sprachliche Bewusstsein, welches in Sprache ist. Mit diesem Bewusstsein denken wir Zeit und Raum und Materie und es spricht mit uns. Gleichzeitig ist es auf Sinneswahrnehmungen durch Augen, Ohren, Nase, Mund und Hände angewiesen. Die rechte Gehirnhälfte ist der materielle Abdruck unseres Einheitsbewusstseins, in dem wir vollkommen sind, friedlich, in allumfassender Liebe und Freude, sowie vollkommener Wahrhaftigkeit. In unserer westlichen Kultur haben wir uns so sehr an das Denken gewöhnt, dass unser Werkzeug nicht mehr nur noch ein Werkzeug ist, wir verwechseln heute unser Werkzeug mit der Wirklichkeit. Darum geht es auf den nächsten siebzehn Seiten und die Worte leiten zu dem Ziel, die Kontrolle über den eigenen Verstand, das eigene Ich und das Denken wiederzuerlangen und so zu der Möglichkeit zu gelangen, zu seinem eigenen Schöpfer der eigenen Wirklichkeit zu werden und das Leben nicht mehr bestreiten zu müssen, sondern es spielen zu können. Leben ist Liebe und Liebe ist Lernen. Leben lieben lernen. Leben, lieben, lernen. Leben, lieben lernen. Leben lieben, lernen. Lasst uns aus unserem Einheitsbewusstsein heraus leben. Von hier gibt es ewig viel Mögliches und unendlich viele Möglichkeiten… In tiefer Liebe und Verbundenheit wünschen wir dir und dir selbst eine wunderbare Reise in dich hinein und zu dir selbst.

Zwei grundlegende, kleine Herausforderungen

Zwei winzige Herausforderungen stellen sich mir auf dem Weg zu mir selbst, in einen meditativen Lebensprozess im Einklang mit der Existenz. Mein Ich und mein ewig plappernder Kopf. Ich und mein Verstand. Das erste Kapitel handelt von meinem Ich und das zweite Kapitel von meinem ewig plappernden Kopf. Ich habe im ersten Kapitel mein Ziel, mir meines Ichs bewusst zu werden. Im zweiten Kapitel liegt mein Ziel darin, zu erkennen, dass ich selbst entscheiden kann, ob ich denken will oder nicht. Nach den ersten Tagen höre ich auf zu denken und beginne zu begreifen und zu verstehen.

Ich lebe in einer Gesellschaft, in einer Familie, ging zu einer Schule, in der alle um mich herum mich ständig dazu anhalten, mein Ich aufzubauen. Auch die moderne Psychologie basiert darauf, Ichs zu stärken.

Das Ich

Die moderne Psychologie und die heutige Erziehung beruhen auf dem Grundsatz, dass ich ohne starkes Ich nicht in der Lage bin, mich im Leben durchzukämpfen, denn der Konkurrenzkampf ist so groß, dass mich alle anderen zur Seite drängen, wenn ich ein bescheidener Mensch bin; ich werde immer hinterherhinken. Ich brauche ein stahlhartes, starkes Ich, nur dann kann ich erfolgreich sein. In allen Bereichen — sei es im Geschäftsleben, in der Politik oder im Beruf — benötige ich eine ausgeprägte Persönlichkeit, und unsere ganze Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, jedes Kind, auch mich, mit einer starken Persönlichkeit, einem starken Ich auszurüsten.

Von Anfang an pauken Menschen mir ein, ich solle mich bemühen, Klassen- beste zu werden. Wenn ich dann Beste in der Klasse bin, loben mich alle in den Himmel. Was tun wir da? Wir füttern unsere Ichs schon im Keim. Wir flößen Kindern schon so früh Ehrgeiz ein: „Du kannst Präsident werden oder Ministerpräsident!“ Mir wird schon so früh Ehrgeiz eingeflößt. Ich beginne meine Reise bereits mit diesen Vorstellungen, und mein Ich wird immer größer, je erfolg- reicher ich bin.

Mein Ich ist in jedem Fall die größte Krankheit, die mir mitgegeben wird. Wenn ich erfolgreich bin, wird mein Ich mächtig und groß. Das ist eine Gefahr, denn mein Ich ist wie ein riesiger Felsblock, der meinen Weg blockiert und den ich zur Seite schaffen muss.

Wenn ich mich aber klein fühle und ich keinen oder wenig Erfolg im Leben habe, wenn ich mich als Versagerin fühle, dann wird mein Ich zu einer großen Wunde. Dann tut es mir weh, dann erzeugt mein Ich Minderwertigkeitskomplexe, ich fühle mich minderwertig, und auch das führt zu Problemen. Ich habe immer Angst, mich auf etwas einzulassen, selbst auf einen meditativen Lebensprozess, weil ich weiß, dass ich versagen werde, dass ich nie Erfolg habe — dieser Glauben sitzt tief in meinem Kopf. Ich bin immer gescheitert, und dieser meditative Lebensprozess ist so etwas Großartiges – das werde ich nie schaffen! Wenn ich mit der Vorstellung anfange, zu mir selbst zu finden, dass es sowieso schief geht, weil es mein Schicksal, mein Los ist, dann kann ich natürlich gar nichts erreichen.

Wenn mein Ich also groß ist, versperrt es mir den Weg. Und wenn mein Ich klein ist, wird es zur Wunde und versperrt mir auch den Weg.

Im Mutterleib ist jedes Kind vollkommen selig. Auch ich bin vollkommen selig gewesen. Natürlich habe ich das nicht gewusst. Ich bin mir dessen nicht bewusst gewesen. Ich bin so sehr eins mit der Seligkeit, dass keine Spur von Wissen bleibt. Seligkeit ist mein Wesen. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten. Also weiß ich als Kind natürlich nicht, dass ich selig bin. Ich werde erst dann bewusst, wenn ich etwas verloren habe.

So ist für mich nun einmal. Für mich wäre es schwierig, mir einer Sache bewusst zu werden, ohne sie zu verlieren, denn mit dem, was ich nicht verloren habe, bin ich ganz und gar eins. Es besteht kein Abstand. Betrachter und Betrachtetes sind eins; Erkennendes und Erkanntes sind eins.

Jedes Kleinkind ist in einem Zustand tiefster Glückseligkeit. Auch die Psychologen bestätigen das. Ich bin als Baby in einem Zustand tiefster Glückseligkeit. Die Psychologen sagen, dass jede religiöse und spirituelle Suche nichts anderes als ein Mittel sei, um in den Schoß meiner Mutter zurückzukehren. Sie setzen es als Kritik gegen Religionen ein, aber für mich ist es keine Kritik. Für mich ist es einfach wahrhaftig. Ja, die religiöse und spirituelle Suche ist meine Suche zurück in den Schoß meiner Mutter. Meine religiöse und spirituelle Suche ist meine Sehnsucht, diese ganze Existenz zum Leib meiner Mutter zu machen.

Als Baby bin ich völlig im Einklang mit meiner Mutter. Ich komme niemals aus dem Takt mit meiner Mutter. Ich weiß nicht, dass ich von meiner Mutter getrennt bin. Wenn meine Mutter gesund ist, bin ich auch gesund; wenn sie krank ist, bin ich auch krank. Wenn meine Mutter traurig ist, bin ich auch traurig; wenn sie glücklich ist, bin ich auch glücklich. Wenn meine Mutter tanzt, tanze ich auch; wenn sie still sitzt, bin ich still. Ich habe noch keine eigenen Grenzen. Das ist pure Glückseligkeit. Doch diese muss mir verloren gehen.

Ein Kind wird geboren. Ich werde geboren, und plötzlich werde ich aus meiner Mitte geworfen. Plötzlich werde ich meiner Erde entrissen – aus meiner Mutter entwurzelt. Ich verliere meinen Anker. Ich weiß als Kleinkind nicht, wer ich bin. Solange ich mit meiner Mutter verschmolzen war, brauchte ich das nicht zu wissen, denn ich war alles, es gab keine Unterschiede. Es gab kein „Du“, also gab es auch kein „Ich“. Die Wirklichkeit war ungeteilt. Sie war Advaita, pure Nicht-Dualität.

Als ich geboren worden bin und die Nabelschnur abgetrennt worden ist, habe ich begonnen, selbst zu atmen. Plötzlich wird mein ganzes Dasein zu der großen Suche danach, zu wissen, wer ich bin. Das ist natürlich. Ich werde mir nun allmählich meiner Grenzen bewusst, meines Körpers, meiner Bedürfnisse. Manchmal bin ich glücklich, manchmal bin ich unglücklich. Manchmal bin ich zufrieden, manchmal bin ich unzufrieden. Manchmal bin ich hungrig und weine, und meine Mutter lässt sich nirgends blicken; dann liege ich wieder an der Brust meiner Mutter und genieße, mit ihr eins zu sein. Aber es gibt nun viele verschiedene Stimmungen und Atmosphären für mich, und ich beginne allmählich zu spüren, dass ich getrennt bin. Eine Scheidung hat stattgefunden, meine „Ehe“ ist gebrochen. Ich war mit meiner Mutter ganz und gar „verheiratet“. Nun werde ich für immer von ihr getrennt sein. Und ich muss herausfinden, wer ich bin. Mein ganzes Leben lang höre ich nie wieder auf, herauszufinden, wer ich bin. Das ist meine grundlegendste Frage.

Zuerst entdecke ich, was „Mein“ ist, dann, was „mir“ oder „mich“ ist, dann das „Du“ und dann das „Ich“. So läuft es für mich ab. Das ist mein ganzer Vorgang, genau in dieser Reihenfolge. Ich schaue es mir genau an, denn so bin ich gebaut, das ist die Struktur meines Ichs. Zuerst wird mir bewusst, was „mein“ ist: Das ist mein Spielzeug, das ist meine Mutter. Ich beginne, zu besitzen. Als Erstes meldet sich der Besitzer: Besitzanspruch ist etwas ganz Elementares. Deswegen sagen alle Religionen, dass ich nicht besitzgierig sein soll, denn mit meinem Besitz beginnt die Hölle.

Ich beobachte kleine Kinder: Sie sind sehr eifersüchtig und besitzgierig. Jedes Kind versucht, den anderen alles wegzunehmen und sein eigenes Spielzeug zu bewachen. Und oft kann ich Kinder sehen, die sehr gewaltsam sind und sich kaum darum kümmern, was andere brauchen. Wenn ein Kind mit seinem Spielzeug spielt und ein anderes Kind kommt dazu, dann hält es sein Spielzeug fest und ist bereit, zu schlagen und zu kämpfen. Es geht um sein Territorium, um seine Vorherrschaft.

Mein Sinn für Besitz taucht als Erstes auf. Das ist meine Ursprungsherausforderung. Ich sage: „Das ist meins!“ Sobald das „mein“ auftaucht, sind alle anderen meine Konkurrenten. Mit meinem Besitzanspruch wird mein Leben zum Wettkampf. Ich erlebe Streit, Konflikte, Gewalt und Aggression.

Mein nächster Schritt nach dem „mein“ ist „mir“ oder „mich“. Wenn ich etwas habe, was ich als meinen Besitz beanspruche, entdecke ich durch diesen Anspruch die Vorstellung, dass etwas im Zentrum meines Besitzes sein muss. Die Dinge, die mir gehören, sind mein Territorium, und die Besitztümer bringen mich auf eine neue Idee: „Es gehört mir, es gibt mich.“

Sobald ich mich an „mich“ gewöhnt habe, erkenne ich, dass ich eine Grenze habe, und alle, die außerhalb dieser Grenze sind, sind „Du“. „Das andere“ gerät in mein Blickfeld, nun fällt alles auseinander.

Das Universum ist Eins, es ist eine Einheit. Nichts ist getrennt davon. Alles ist mit allem anderen verbunden. Alles hängt zusammen.

Ich bin mit der Erde verbunden. Ich bin mit den Bäumen verbunden. Ich bin mit den Sternen verbunden. Die Sterne sind mit mir verbunden; die Sterne sind mit den Bäumen, mit den Flüssen, mit den Bergen verbunden. Alles ist miteinander verbunden. Ich bin mit allem verbunden. Nichts ist abgetrennt, nichts kann abgetrennt sein. Abgetrenntheit ist ausgeschlossen.

Jeden Augenblick atme Ich. Ich atme ein, Ich atme aus. Es besteht ununterbrochen eine Brücke zur Existenz. Ich esse, und die Existenz kommt in mich hinein. Ich scheide Kot aus, und der wird zu Dünger. Der Apfel am Baum wird morgen Teil meines Körpers sein; ein Teil meines Körpers wird ausgeschieden und zu Dünger, wird zur Nahrung für den Baum – ein ständiges Geben und Nehmen. Keinen einzigen Moment lang hört dieser Kreislauf auf. Wenn er aufhört, bin ich tot.

Was ist Tod? Tod kann Trennung sein. In Einheit sein heißt, lebendig sein. Aus der Einheit herauszufallen, heißt, tot zu sein. Je mehr ich also glaube, ich sei abgetrennt, desto weniger sensibel bin ich, desto mehr bin ich tot und abgestumpft, schleppe mich nur dahin. Je mehr ich mich verbunden fühle, desto mehr nimmt diese ganze Existenz Anteil an mir, und ich nehme Anteil an dieser ganzen Existenz. Habe ich es einmal begriffen, dass wir alle zueinander gehören, wandelt sich plötzlich für immer meine Sichtweise. Meine Sichtweise wird zu einem fließenden Prozess. Dann sind mir diese Bäume nicht fremd – sie machen mir ständig etwas zum Essen. Wenn ich einatme, nehme ich Sauerstoff auf; wenn ich ausatme, gebe ich Kohlenstoffdioxid ab. Die Bäume atmen Kohlenstoffdioxid ein und Sauerstoff aus – es ist eine ununterbrochene Vereinigung miteinander. Ich bin im Einklang. Wir sind im Einklang. Meine Wirklichkeit ist eine Einheit, und mit der Vorstellung von „mir“ und „dir“ falle ich aus meiner Wirklichkeit heraus. Und wenn sich falsche Konzepte bei mir einnisten, steht meine Welt auf dem Kopf.

„Mir“, „mich“ und „du“ – daraus entsteht als Spiegelung schließlich das „Ich“, mein „Ich“. „Ich“ ist die subtilste, die am höchsten kristallisierte Form von Besitzanspruch. Ist das „Ich“ einmal ausgesprochen, ist das Heiligtum entweiht. Wenn ich „Ich“ sage, habe ich mich von der Existenz völlig abgetrennt – allerdings nicht wirklich abgetrennt, sonst würde ich sterben. Aber in meiner Vorstellung bin ich vollkommen von meiner Wirklichkeit getrennt. Nun beginnt ein ständiger Kampf gegen meine Wirklichkeit. Ich kämpfe gegen meine eigenen Wurzeln an. Ich kämpfe mit mir selbst.

Deshalb sagt Buddha: „Sei wie Treibholz.“ Wie Treibholz kann ich aber nur dann sein, wenn ich meine Vorstellung von meinem „Ich“ losgelassen habe. Sonst kann ich mich nicht treiben lassen, sondern kämpfe weiter. Deshalb scheint es mir so schwierig, in einen meditativen Lebensprozess einzusteigen. Wenn ich mir sage, ich soll einfach still sitzen, kann ich es nicht – etwas so Einfaches! Ich sollte doch meinen, es sei die einfachste Sache der Welt, und ich bräuchte eigentlich niemanden, der mir das beibringt. Ich könnte mich doch einfach hinsetzen und sein: Aber ich kann nicht sitzen, weil mir mein „Ich“ keinen einzigen Moment Entspannung gönnt. Wenn ich auch nur für einen Moment wirklich Entspannung zulassen könnte, wäre ich in der Lage, meine Wirklichkeit zu sehen. Und ist meine Wirklichkeit einmal erkannt, muss ich mein „Ich“ aufgeben. Dann kann ich mein „Ich“ nicht weiter bestehen lassen. Deshalb gönnt mir mein „Ich“ auch nicht einen Tag Urlaub! Selbst wenn ich in die Berge gehe, in Urlaub fahre – niemals habe ich „Ferien vom Ich!“ Ich nehme mein Smartphone mit. Ich nehme alle meine Probleme mit, damit ich beschäftigt bleibe. Um mich von meiner Wahrheit abzuhalten. Ich war eigentlich dorthin gegangen, um mich zu entspannen, aber ich setze meine ganzen gewohnten Muster im Urlaub genauso fort. Ich entspanne mich nicht.

Ich kann mich nicht entspannen. Mein „Ich“ kann sich nicht entspannen, es existiert schließlich durch Spannung. Ich schaffe neue Spannungen, neue Sorgen. Mein „Ich“ lässt mich denken, ich könnte etwas verpassen. Ich produziere ständig neue Probleme und lasse mich niemals ruhen. Hätte ich einmal wirklich Ruhe, würde mein ganzes Kartenhaus, aus dem mein „Ich“ besteht, einstürzen. Denn die Wirklichkeit ist so schön. Dagegen ist mein „Ich“ klein und hässlich.

Ich kämpfe mich immer weiter durch und dabei ist es so unnötig. Ich kämpfe um Dinge, die sowieso von allein geschehen. Ich kämpfe mich umsonst ab. Ich verlange nach Dingen, die mir gehören würden, würde ich sie nicht fordern. Im Gegenteil: Durch Fordern und Wünschen gehen sie mir verloren.

Darum spricht Buddha: „Lass dich mit dem Strom treiben. Lass dich von ihm zum Meer treiben.“

„Mein“, „mich“, „mir“, „ich“ – das ist eine Falle. Und in dieser Falle entstehen Leiden, Neurose und Wahnsinn. In dieser Falle stecke ich.

Tatsache für mich ist allerdings, dass jedes Kind dies durchmachen muss, weil es nicht weiß, wer es ist. Auch ich muss das durchmachen. Denn ich brauche schließlich eine Art von Persönlichkeit — auch wenn sie falsch ist, ist eine falsche Persönlichkeit immer noch besser als keine Persönlichkeit. Ich muss genau wissen, wer ich bin. Deshalb stelle ich einen falschen Mittelpunkt her. Mein „Ich“ ist nicht meine wahre Mitte. Ich bin ein falscher Mittelpunkt — zweckmäßig, und nur zum Schein von mir selbst produziert. Mein „Ich“ hat nichts mit meiner wahren Mitte zu tun. Meine wahre Mitte ist die Mitte von allem. Mein wahres Selbst ist das Selbst von allem. Mein Selbst ist das Selbst. In der Mitte ist die ganze Existenz eins, genauso wie an der Quelle des Lichts, der Sonne, alle Strahlen eins sind. Je weiter sie sich von der Quelle entfernen, desto weiter sind sie auch voneinander entfernt.

Mein wahres Zentrum ist nicht nur mein Zentrum, sondern das Zentrum des Ganzen, von uns allen. Aber ich habe mir selbst einen kleinen Mittelpunkt geschaffen. Das geschieht nicht von ungefähr, denn ich komme ohne Grenzen auf die Welt, ohne Vorstellung, wer ich bin. Ein eigenes Zentrum ist eine Notwendigkeit zum Überleben. Ich brauche einen Namen. Ich brauche eine Vorstellung davon, wer ich bin. Natürlich kommt diese Vorstellung von außen. Jemand sagt: „Du bist schön.“ Jemand sagt: „Du bist intelligent.“ Jemand sagt: „Du bist so lebendig!“ Und ich sammle alles ein, was die Leute mir sagen. Aus allem, was sie über mich sagen, bastle ich mir eine bestimmte Persönlichkeit. Ich habe bis jetzt nie in mich selbst hineingeschaut, habe nie nachgeschaut, wer ich selbst wirklich bin. Meine Persönlichkeit ist natürlich falsch, weil niemand außer mir selbst wissen kann, wer ich selbst bin. Meine innere Wirk- lichkeit ist nur mir zugänglich und keinem anderen. In meine innere Wirklichkeit kann niemand eindringen außer mir selbst, beobachten können mich selbst auch Menschen, die bereits in ihren meditativen Lebensprozess eingestiegen sind. Nur ich selbst kann in meiner inneren Wirklichkeit sein.

An dem Tag, wenn ich erkenne, dass ich eine falsche Persönlichkeit habe, dass ich sie mir selbst zusammengesetzt habe, aus Meinungen von anderen Menschen gebastelt habe…

Ich selbst beginne zu begreifen und zu verstehen. Ich setze mich still hin und überlege mir selbst, wer ich bin. Mir werden viele Ideen kommen. Ich schaue mir an, woher sie kommen, und ich werde ihren Ursprung finden können. Manches stammt von meiner Mutter — sehr vieles, etwa achtzig bis neunzig Prozent. Einiges stammt von meinem Vater. Einiges kommt von meinen Lehrern, einiges kommt von meinen Freunden, einiges von der Gesellschaft. Ich selbst beobachte es einfach. Ich werde bald unterscheiden können, woher es kommt. Fast nichts kommt von mir, nicht einmal ein Prozent stammt von mir. Ich habe es einfach nur als „meins“ angenommen. Was ist das für eine Persönlichkeit, zu der ich selbst gar nichts beigetragen habe? Dabei bin ich selbst doch eigentlich die Einzige, der dazu beitragen könnte, und zwar die ganzen hundert Prozent.

Sobald mir selbst das klar wird, wird mir meine religiöse und spirituelle Suche wichtig. An dem Tag, an dem mir dies klar wird, mache ich mich auf die Suche nach einem Instrument, mit der ich in mein eigenes Sein eintauchen kann, um genau herauszufinden, wer ich selbst bin — wirklich und existenziell. Heute beginne ich selbst mit der Suche, wer ich wirklich bin. Keine Bildersammlung mehr von außen. Ich muss nicht mehr andere bitten, mir meine Wirklichkeit widerzuspiegeln, sondern ich stelle mich ihr selbst, direkt und unmittelbar. Ich selbst erforsche meine eigene Natur und spüre sie in mir selbst. Wozu andere fragen? Und wen kann ich schon fragen? Sie wissen ebenso wenig von sich selbst wie ich von mir. Sie kennen sich selbst nicht. Wie sollen sie mich kennen? Ich sehe einfach, wie alles zusammenhängt, wie eins zum anderen führt, wie sich Dinge ergeben. Eine Unwahrheit führt mich zur nächsten. Ich bin fast nur mit nicht wahren Wahrheiten hinters Licht geführt worden. Ich wurde vereinfacht. Diejenigen, die mich vereinfacht haben, haben es sicher nicht bewusst getan. Sie sind wiederum von anderen vereinfacht worden. Mein Vater, meine Mutter, meine Lehrer sind von anderen vereinfacht worden — von ihren Vätern, Müttern und Lehrern. Und dafür haben sie mich vereinfacht. Werde ich meinen Kindern dasselbe antun? In einer besseren Welt werden wir Menschen intelligenter und bewusster sein und unseren Kindern klar machen, dass ihre Persönlichkeit nicht echt, sondern nur eine Vorstellung ist: „Du brauchst zwar eine; wir müssen sie dir geben, aber nur vorübergehend, bis du entdeckst, wer du selbst wirklich bist.“

Dann ist meine Persönlichkeit, mein ich, nicht meine ganze Wirklichkeit. Und je eher ich herausfinde, wer ich selbst bin, desto besser, sonst werde ich in meinem Leben von außen herumgeschubst. Je eher ich diese Vorstellung aufgeben kann, desto besser. Denn im gleichen Moment werde ich wirklich geboren, werde ich wirklich real und echt. Ich werde meine Einzigartigkeit erkennen.

Meine Vorstellungen über mich, die von anderen stammen, geben mir meine Persönlichkeit. Das Wissen, dass ich aus mir selbst beziehe, gibt mir Einzigartigkeit. Meine Persönlichkeit ist unecht; meine Einzigartigkeit ist echt. Meine Persönlichkeit ist geborgt. Meine Echtheit, meine Einzigartigkeit, meine Individualität, mein authentisches Wesen kann ich nirgendwo borgen. Keiner kann mir sagen, wer ich selbst bin.

Zumindest eines kann niemals jemand anderes für mich tun: Keiner kann mir die Frage beantworten, wer ich selbst wirklich bin. Nein, es ist eine notwendige Bedingung, ich muss mich selbst auf den Weg machen und tief in meinem eigenen Wesen graben. Schichten von meiner Persönlichkeit, von meiner falschen Persönlichkeit, müssen eine nach der anderen von mir selbst durchbrochen werden. Ich bekomme Angst, wenn ich in mein Inneres eindringe, und zwar davor, dass Chaos hereinbricht. Irgendwie bin ich doch mit meiner falschen Persönlichkeit ganz gut klar gekommen. Ich hatte mich mit ihr abgefunden. Ich weiß, wie mein Name ist. Ich habe einigermaßen gute Zeugnisse, ein cooles Smartphone, ein cooles Tattoo und coole Klamotten, Geld und Ansehen. Ich habe Mittel und Wege, mich zu definieren. Ich habe bestimmte Definitionen parat. Sie mögen hinten und vorne falsch sein, sind aber praktisch und das einzige, was ich gerade habe. Wenn ich nach Innen gehe, muss ich diese praktischen Definitionen aufgeben — und das ergibt ein Chaos.

Bevor ich in meine Mitte gelangen kann, muss ich durch sehr chaotische Zustände hindurch. Deshalb habe ich Angst davor. Bisher wollte ich nicht nach innen gehen. Immer wieder wird mir gepredigt: „Erkenne dich selbst!“ Ich höre es wohl, aber selbst habe ich bis jetzt nie darauf gehört. Ich kümmere mich nicht darum. Ich habe eine ganz bestimmte Vorstellung im Kopf, dass ich im Chaos untergehe, wenn das Selbst einmal hereinbricht, dass ich darin versinke. Aus Angst vor diesem Chaos klammere ich mich an jeden Strohhalm von außen. Doch damit vergeude ich mein Leben.